Seit zehn Jahren von der UNESCO gelistet
Yoga als Kulturerbe
Ein Atemzug, eine Bewegung, ein Moment der Stille: Was heute auf Yogamatten rund um den Globus geschieht, hat eine lange und vielgestaltige Geschichte. Ein Streifzug durch Ursprünge, Strömungen und Trends im Westen.
Yoga hat seine Wurzeln in den religiösen und philosophischen Traditionen des alten Indien. Das heutige Bild vom Yoga als vor allem körperlicher Übung entstand wesentlich später. Foto: © AdobeStock/Louis-Paul Photo
Die Matte liegt ausgerollt auf dem Boden, der Blick geht nach innen, der Atem wird ruhig. Für viele Menschen beginnt Yoga, seit zehn Jahren immaterielles Kulturerbe der UNESCO, genau hier. Doch die Körperhaltungen, die inzwischen auch hierzulande dazugehören, erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Yoga hat seine Wurzeln in den religiösen und philosophischen Traditionen des alten Indien. Frühe Vorstellungen von Meditation, Askese und der Suche nach Erkenntnis finden sich bereits in den Upanishaden, philosophischen Schriften, die ab etwa 800 vor Christus entstanden und sich mit Fragen nach dem Selbst, dem Bewusstsein und der letzten Wirklichkeit befassen.
Ein Weg zu tieferer Erkenntnis
Eine wichtige Systematisierung erfolgte später in den Yoga-Sutras, die dem indischen Gelehrten Patanjali zugeschrieben werden. In diesem rund 2.000 Jahre alten Lehrtext wird Yoga vor allem als ein Weg beschrieben, den Geist zu sammeln, die eigene Wahrnehmung zu schulen und zu tieferer Erkenntnis zu gelangen.
Patanjali beschreibt einen achtgliedrigen Weg: Neben Körperhaltung und Atemkontrolle gehören ethische Grundsätze, der Rückzug der Sinne, Konzentration und Meditation dazu. Die sogenannte Asana, also die Körperhaltung, ist nur ein Teil der Praxis.
Das heutige Bild vom Yoga als vor allem körperlicher Übung entstand wesentlich später. Eine wichtige Entwicklungslinie führt zum mittelalterlichen Hatha Yoga: Körperhaltungen, Atemübungen, Gesten und weitere körperbezogene Techniken wurden dort zu Bestandteilen eines spirituellen Übungsweges. Zugleich war auch das Hatha Yoga keineswegs eine einheitliche Methode; es gab unterschiedliche Texte, Schulen und Praktiken.
Als der Körper wichtiger wurde
Dass heute eine ganze Stunde lang Körperhaltungen geübt werden, ist deshalb auch ein Ergebnis der jüngeren Yoga-Geschichte. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert trafen traditionelle indische Vorstellungen auf neue Formen von Körperkultur, Gymnastik und Gesundheitsbewegung. Daraus entwickelte sich nach und nach jenes stark körperbetonte Yoga, das heute weltweit bekannt ist.
Der Religionswissenschaftler Mark Singleton hat diesen Wandel untersucht. Seine Forschung zur Geschichte des modernen Yoga zeigt, dass die moderne Asana-Praxis nicht unverändert aus dem alten Indien übernommen wurde, sondern sich in einem komplexen kulturellen Austausch herausbildete. Damit begann auch die Reise des Yoga über die Grenzen Indiens hinaus.
Yoga kommt in den Westen
Eine Schlüsselfigur war der indische Mönch Swami Vivekananda, der 1893 beim Weltparlament der Religionen in Chicago auftrat. Er vermittelte Yoga und Vedanta einem westlichen Publikum, allerdings zunächst vor allem als geistige und philosophische Lehre.
Im 20. Jahrhundert folgten weitere Lehrer, die Yoga international verbreiteten. Besonders einflussreich war Tirumalai Krishnamacharya, der in Indien eine neue Generation prägte. Zu seinen Schülern beziehungsweise Schülern seiner Schule gehörten unter anderem B.K.S. Iyengar, K. Pattabhi Jois und T.K.V. Desikachar. Sie entwickelten unterschiedliche Ansätze, die später weltweit bekannt wurden.
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Professionalisierung ab den 1960ern
Auch im deutschsprachigen Raum bildeten sich früh eigene Spuren: In Berlin eröffnete Boris Sacharow in den 1920er Jahren eine Yogaschule. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten unter anderen Selvarajan Yesudian und Elisabeth Haich Yoga einem breiteren Publikum zugänglich. Ihr 1949 erschienenes Buch „Sport und Yoga“ verband Körperübungen mit philosophischen Gedanken und wurde im deutschsprachigen Raum bekannt.
Mit der Gründung des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland (BDY) im Jahr 1967 begann zudem eine stärkere institutionelle Entwicklung. Yoga wurde zunehmend unterrichtet, organisiert und professionell vermittelt.
Viele Wege, ein Name
Aus dieser Geschichte ist eine erstaunliche Vielfalt hervorgegangen. Hatha Yoga, Iyengar Yoga, Ashtanga Vinyasa, Viniyoga, Sivananda Yoga oder Kundalini Yoga setzen jeweils andere Schwerpunkte. Manche Traditionen legen besonderen Wert auf die genaue Ausrichtung des Körpers, andere auf einen dynamischen Bewegungsfluss, Atem, Meditation oder Mantras. Eine eindeutige Trennlinie gibt es nicht immer. Yoga ist damit heute weniger eine einzelne Methode als ein Sammelbegriff für unterschiedliche Übungs- und Lebenswege.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts verbreitete sich Yoga weltweit. Es fand seinen Platz in Ashrams und Meditationszentren ebenso wie in Volkshochschulen, Studios, Vereinen und später auch in digitalen Angeboten. Dabei wurde es in unterschiedlichen Ländern und Gesellschaften jeweils neu interpretiert.
Diese weltweite Verbreitung bedeutet zugleich eine Veränderung: Yoga ist längst nicht mehr allein an den kulturellen und religiösen Kontext gebunden, aus dem es hervorgegangen ist. Die moderne Praxis kann spirituell ausgerichtet sein, philosophisch, meditativ oder vor allem körperorientiert. Die historischen Wurzeln bleiben oft erkennbar, auch wenn nicht jede heutige Yogastunde alle traditionellen Elemente umfasst.
2016 wird Yoga Kulturerbe
Auch die UNESCO trägt dieser langen, lebendigen Geschichte Rechnung: 2016 nahm sie Yoga in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. In ihrer Begründung beschreibt sie Yoga als Teil der indischen Kultur, Geschichte und Gesellschaft.
Zum Yoga zählt die UN-Kulturorganisation neben Körperhaltungen auch Meditation, kontrollierte Atmung, Rezitation und weitere Praktiken. Die Yogamatte von heute ist also nicht das Ende einer jahrtausendealten Entwicklung, sondern eine weitere Station in einer Kulturgeschichte, die weiterhin in Bewegung ist.
Sabine Schüller



