Rituale
13.10.2026

„Die Frohbotschaft ins Herz singen“

Ein Interview mit Monsignore Heinrich Weiß über Schlager, Kirchenlieder, Glauben und die Kraft der Musik in schweren Zeiten.
    

Monsignore Heinrich Weiß. Monsignore Heinrich Weiß. Foto: © privat

Sie haben eine tolle Stimme. Ich durfte das selbst erleben. Muss ein Pfarrer singen können?

Ein Pfarrer muss nicht singen können. Es ist aber ein großes Geschenk für die Gemeinde und auch für ihn persönlich, wenn er es kann. Ein guter priesterlicher Freund hat mir einmal dieses Wort mitgegeben: „Du musst den Kindern die Frohbotschaft ins Herz singen!“ Das gilt auch für Jugendliche und Erwachsene. Und es gilt das Wort, das dem heiligen Augustinus zugeschrieben wird: „Wer singt, betet doppelt!“ So kann ein Pfarrer – und mit ihm alle Gläubigen – singend doppelt beten! Ist das nicht großartig?

Machen Schlager glücklich?

Schlager, die mit glücklichen Erlebnissen, Erfahrungen und Erinnerungen oder mit froher Gemeinschaft, Freundschaft und ganz einfach mit der Leichtigkeit des Lebens verbunden sind, können glücklich machen. Dazu fällt mir das Lied von Bobby McFerrin ein: „Don’t Worry, Be Happy“.

Braucht der Mensch Musik, um glücklich zu sein?

Davon bin ich fest überzeugt. Musik durchdringt Geist und Seele, Gemüt und Herz. Musik schenkt Glück und Freude, spendet Trost und Zuversicht, gibt Ruhe und Kraft, verbindet Himmel und Erde, erweckt zum Leben und öffnet die Sehnsucht nach Ewigkeit.

Musik stärkt das Gedächtnis und bewahrt die Erinnerung. In meiner Seelsorgetätigkeit mit alten, demenzkranken Menschen darf ich zum Beispiel immer wieder erleben, wie ein im Herzen aufbewahrter Schlager, den die kranke Person wohl im Leben oft gesungen hat, deren Gesicht aufhellt und das innewohnende Glück ein frohes Strahlen in die Augen und um den Mund zaubert. Oder wie ein tief im Herzen schlummerndes Kirchenlied plötzlich die Lippen bewegen lässt und Zufriedenheit das Gesicht entspannt.

Welche Musik hören Sie in schwierigen Momenten?

Als Freund klassischer Musik höre ich in solchen Lebensmomenten ruhige, besinnliche, sehnsuchtsvolle Stücke. Besonders helfen mir dabei Kompositionen für Cello, mein Lieblingsinstrument. So tauche ich ein in Werke von Ludwig van Beethoven, Antonín Dvořák, Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré, Edward Elgar und Karl Jenkins.

Schreiben Sie selbst – vielleicht heimlich – Lieder?

Würde ich gerne tun, aber leider habe ich das entsprechende Talent noch nicht in mir entdeckt.

[inne]halten - das Magazin 21/2026

Gemeinsam durchs Leben

Warum  die christliche Ehe nicht irgendeine Institution, sondern ein mystisches Bündnis der Liebe ist

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.


Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Lieder im Gotteslob?


Dazu zähle ich Lieder, in denen Lobpreis, Vertrauen, Bitte und Heilung in Melodie und Text erklingen. Lieder, in denen ich mich selbst in meiner Glaubens- und Lebenserfahrung wiederfinde und deren Klang und Wort im Schatz meines Herzensgedächtnisses bewahrt bleiben. Dazu gehören für mich auch Lieder, die in mir die Gemeinschaft der weltweiten Kirche zum Klingen bringen, zum Beispiel im Rhythmus und in der Lebensfreude anderer Kulturen.

Braucht die Kirche neue Lieder?


Kirche hat immer Bedarf an neuen Liedern. Schon in Psalm 98,1 fordert der Psalmist auf: „Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht!“

Leben und Glauben wollen immer wieder neu buchstabiert und damit auch in Noten gesungen werden. Ich bin dankbar, dass im neuen Gesangbuch „Gotteslob“ eine reiche Sammlung von neuem geistlichem Liedgut enthalten ist.

Kirche findet auch ihren neuen Ausdruck in modernen Kompositionen für Orchester und Chor, wie zum Beispiel in Werken von Karl Jenkins, John Rutter oder Kjell Habbestad, dessen „Nunc dimittis“ in berührender Weise beim Trauergottesdienst für den kürzlich verstorbenen König Harald V. von Norwegen gesungen wurde.

Monsignore Heinrich Weiß, Jahrgang 1956, wurde 1982 zum Priester für die Diözese Augsburg geweiht. Nach Stationen unter anderem in Augsburg und Gersthofen leitete er die Pfarreiengemeinschaft Utting-Schondorf am Ammersee. Dort prägte er das Gemeindeleben mit großem seelsorglichem Einsatz, Humor und Offenheit. Später wirkte er als Caritaspfarrer und in der Seniorenseelsorge in Augsburg. Heute ist er Pfarrer im Ruhestand.

Braucht die Kirche neue Spiritualität?


Hier gilt dasselbe wie für neue geistliche Lieder. Die hohe Kunst solcher Spiritualität wird wohl darin liegen, das reiche und große spirituelle Leben der Kirche und ihrer großen geistvollen Lehrer und Lehrerinnen – allen voran die Botschaft Jesu – mit unserem heutigen Leben zu verbinden und das göttliche Geheimnis im Herzen der Menschen zu eröffnen, zu erschließen und zu verankern, damit die Menschen Halt und Kraft, Trost und Zuversicht, Lebensfreude und Sinn finden und leben können.

Sie hatten lange eine sehr große Pfarrgemeinde zu leiten. Zuletzt war das zu aufreibend. Welche Kraft hat Sie in dieser Zeit getragen?

Gott sei Dank ist es mir geschenkt, mein Leben im Vertrauen auf Gottes Hilfe und Kraft gehen zu dürfen. Es tut gut, Sorgen, Last und Mühsal Gott übergeben zu können, wie der Apostel Petrus einlädt: „Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch!“ (1 Petr 5,7).

Ein weiteres Wort trägt mich seit meinen ersten Jahren als Priester. Meine erste Stelle war die Pfarrgemeinde Herz-Jesu in Augsburg. Vorne in der Kirche, im Mosaik der Apsis, lädt Jesus mit weit geöffneten Armen ein: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28) Diese Einladung trägt mich und hilft mir bis heute.

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Monika Drasch
Artikel von Monika Drasch
Musikerin, Podcasterin
Alpenrock-Fans kennen sie als die Frau mit der Grünen Geige. "Lieder zwischen Himmel und Erde" heißt ihr monatlich erscheinender Podcast auf innehalten.de.