Glaubenswelten
08.10.2026


Buchtipp

Brücken ins Vertrauen

Jesu Gleichnisse sind für Beatrice von Weizsäcker Wegweiser für das eigene Leben. In ihrem Buch „Eselsbrücken zu Gott“ verbindet sie zehn von ihnen mit persönlichen Erfahrungen von Glauben, Zweifel, Gastfreundschaft und Trauer.
   

Die Gleichnisse Jesu betrachtet Beatrice von Weizsäcker als Eselsbrücken zu Gott. Die Gleichnisse Jesu betrachtet Beatrice von Weizsäcker als Eselsbrücken zu Gott. Foto: © AdobeStock/valdisskudre

„Esel sind meine Lieblingstiere“, verrät Beatrice von Weizsäcker in ihrem neuen Buch „Eselsbrücken zu Gott“. Esel mieden Gewässer. Das habe sie selbst an einem Palmsonntag erlebt, als eine Eselin auf dem Weg zur Münchner Jesuitenkirche St. Michael vor einer Pfütze stehen blieb. Deshalb habe man früher Brücken gebaut, um mit seinem Esel schneller ans Ziel zu kommen, schreibt die in der bayerischen Landeshauptstadt lebende Autorin. Daher stamme das Wort „Eselsbrücke“. In den Gleichnissen Jesu sehe sie Brücken, die dieser baue, um dem Reich Gottes näher zu kommen. Auf zehn dieser Erzählungen geht sie in ihrem Buch ein. Dabei zieht die 68-Jährige immer wieder Parallelen zu ihrer eigenen Biografie: „Die Frage nach der Bedeutung, die die Parabeln für mich und mein Leben haben, interessiert mich mehr als die Theologie über sie.“

„Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“ bezieht sie direkt auf sich: „Ich weiß jedenfalls, wie es ist, Gott den Rücken zu kehren. Ich weiß, wie es ist, möglichst weit weg zu gehen, um etwas zu suchen, was es dort nicht gibt.“ Dann bete und hoffe sie, dass Gott trotzdem da sei. „Dass er mir entgegenläuft. Mich umarmt. Mich hält. Mich küsst. Und mir verzeiht …“

Auch zum „Gleichnis vom verlorenen Schaf“ erzählt von Weizsäcker folgendes Erlebnis: Nach der Ermordung ihres Bruders Fritz im November 2019 habe ihr ein Freund ein Medaillon mit einem Hirten inmitten seiner Schafherde in die Hand gedrückt: „Monatelang trug ich es mit mir herum. Nahm es in die Hand. Betrachtete es. Fragte den Hirten, wo Gott war zu jener Zeit. Strich über die Schafe. Spürte die Wärme. Und fühlte mich getröstet, auch wenn der Hirte meine Fragen nicht beantworten konnte.“
  

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„Gott ist da“

Das „Gleichnis vom Sämann“ interpretiert sie für sich so: „,Gott ist da.‘ Diese kleinen Silben hat Gott in mir gesät … Das ist mein Gebet – und mein Gleichnis vom Sämann. Drei kleine Wortkörner.“

Dem „Gleichnis vom Richter und der Witwe“ widerspricht die Juristin: „Gott ist ganz anders als der Richter im Gleichnis. Gott ist geduldig. Egal wie oft wir uns an ihn wenden. Egal in welcher Stimmung wir sind. Egal wie es uns geht. Er hört uns zu. Egal ob wir schreien oder schweigen. Er sieht uns. Auch wenn wir uns verstecken. Er ist bei uns. Gott ist immer da.“

Aus dem „Gleichnis vom bittenden Freund“ folgert von Weizsäcker: „Gott ist ein guter Gastgeber. Das ist die Botschaft, die Jesus uns nahebringen will. Sie zeigt sich in Menschen, die uns die Türen öffnen und helfen.“ Das habe sie selbst erlebt, als sie und ihr Bruder Fritz wegen eines Fluglotsenstreiks in Jerusalem ihren Bus verpasst hatten: „Freunde der Eltern nahmen uns auf. Wir hatten uns noch nie gesehen. Und es wurde ein Fest. Wir wurden bekocht, behütet und über Nacht dabehalten. Die Familie half uns, einen Bus ausfindig zu machen, der uns zum Kibbuz ganz im Süden Israels brachte.“

„Glanzstück aller Gleichnisse“

Das „Gleichnis vom Licht“ schließlich ist für von Weizsäcker „das Glanzstück aller Gleichnisse“. Dazu schildert sie ebenfalls zwei eigene Erfahrungen: „Im Jahr 2019 probten wir den Paulus von Felix Mendelssohn Bartholdy. Es war an einem Dienstag, bis zum Konzert waren es nur noch wenige Tage. Da erreichte mich die Nachricht aus Berlin von der Ermordung meines Bruders … zur Probe am Mittwoch ging ich nicht. Ich konnte es nicht. Am späten Mittwochabend erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht. Mit einem Foto vom Chor. Aus der Kirche. Mit allen, die mitgeprobt hatten. Jedes Chormitglied hielt eine Kerze in der Hand. Unter dem Bild standen die Worte: ,Wir sind alle bei dir – dein Chor! Und wir alle halten das Licht in den Händen, das der Dunkelheit trotzt.‘ Tränen liefen mir über das Gesicht.“ 

Ihr Entschluss, katholisch zu werden, sei auf einen21. Dezember gefallen, berichtet die evangelisch getaufte Christin weiter. „Jahre später machte mich jemand darauf aufmerksam, dass am 21. Dezember die Tage wieder heller werden.“

Ein sehr persönliches Buch, das dazu einlädt, nach „Eselsbrücken zu Gott“ im eigenen Leben zu suchen.

Zum Weiterlesen
Weizsäcker, Beatrice Von Eselsbrücken zu Gott
Herder Verlag GmbH, 2026
20,00 €
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Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.