Kunstfluencing
„Der Barock jauchzt“
Constantin Pelka bringt einen historischen Kunststil ins digitale Zeitalter. Rund 600.000 Follower folgen dem „Kunstinfluencer“ auf seinem Instagram-Kanal auf der Suche nach barocker Kunst und Architektur.
Die Münchner Kirche St. Johann Nepomuk, besser bekannt als Asamkirche. Foto: © imago/Depositphotos
Besonders gern verabredet sich Constantin Pelka vor oder in seinem „Wohnzimmer“. Das haben vor 281 Jahren zwei prominente Künstler eingerichtet. Es steht kein Fernsehgerät darin, „denn der ganze Raum ist ja sowieso ein einziger Fernseher mit allerfeinstem Dauerprogramm“. Das „Wohnzimmer“ ist die Asamkirche in der Münchner Sendlinger Straße: „Da fühle ich mich daheim.“ Constantin Pelka, im Internet als „Baroqueblockbuster“ bekannt, könnte noch viele andere „Wohnzimmer“ nennen, in denen er sich zuhause fühlt.
„Also Wemding, da müssen Sie unbedingt einmal hin.“ Schon die Standortwahl auf einer Anhöhe des Rieskraters, der durch einen Meteoriteneinschlag entstand, sei „einfach brillant und dann ist die Kirche über einer Heilquelle gebaut, darauf muss man erst einmal kommen“. Für ein anderes seiner „Wohnzimmer“ im oberbayerischen Rottenbuch hat Pelka sogar einen Spiegel gestiftet, um den Besuchern „die Nackenstarre zu ersparen, wenn sie sich die fantastischen Deckenfresken von Matthäus Günther anschauen“.
Im oberbayerischen Rottenbuch hat Pelka einen Spiegel gestiftet, damit Besucher die Deckenfresken besser besichtigen können. Foto: © imago/Depositphotos
Internationales Publikum
Das Geld dafür hat er von seinen Einnahmen als Art-, also Kunstinfluencer abgezweigt. Mit seinen Videos erreicht er auf Instagram eine halbe Million Follower und zählt auf YouTube rund 56.000 Abonnenten. Auf Instagram präsentiert er eine Kurzversion der von ihm besuchten Kirchen, auf YouTube können die Filme auch schon einmal eine Viertelstunde lang sein. Englische Untertitelungen, Hinweise oder Versionen sind selbstverständlich, denn er hat ein internationales Publikum und tummelt sich mit einem oder zwei Helfern auch außerhalb Deutschlands, etwa in Antwerpen oder zwischen Barockorgeln in der Schweiz.Pelka arbeitet mit Fremdenverkehrsämtern und Museen zusammen, „da gibt es Budgets, von denen ich dann lebe, allerdings nicht üppig“. 80 Prozent seiner Arbeitszeit, schätzt Pelka, investiert er in die Vorbereitung seiner Videos, erklärt seine Vorhaben und wirbt dafür, „Kultur und Religion mit den heutigen Sehgewohnheiten zu zeigen“. Dafür sind Institutionen anzuschreiben und Partner zu finden, damit er die Kunst im Internet zum Blühen bringen kann. Für seine Leidenschaft hat der gelernte Philosoph und Kunsthistoriker sogar seine Festanstellung in einer IT-Firma „an den Nagel gehängt, weil ich so viel Freude am Barock habe“.
In der ehemaligen Stiftskirche und heutigen Pfarrkirche Mariä Geburt in Rottenbuch tummeln sich die Engerl in Scharen. Foto: © imago/Depositphotos
Begeistert von Kindesbeinen an
Schon in der Kindheit hat Pelka dieser flammende Kunststil gepackt. Damals war er in der Stiftskirche von Herrieden (Landkreis Ansbach) Ministrant. Der fürstbischöfliche Baumeister Gabriel de Gabrieli aus Eichstätt hat sie schwungvoll ausgestaltet und damit noch 250 Jahre später den kleinen Constantin zutiefst beeindruckt. Dabei fesselt ihn dieser Stil nicht allein architektonisch und künstlerisch, „sondern auch wegen seiner Spiritualität“. Denn die Kirchen aus dieser Epoche präsentieren immer eine letzte Erfüllung bei Gott und inszenieren den Himmel als ganz großes Kino.
„Der Barock jammert nicht, sondern jauchzt“, sagt Pelka: „Er kennt das Leid, blättert aber immer die letzte Seite des Lebensromans auf und da gibt es immer ein Happy End.“ Pelka kann gar nicht genug schwärmen von den „tanzenden Wänden, den in Stuck und Malerei ausgedrückten Emotionen, die über ein ewiges Leben in Licht und Gemeinschaft jubeln“. Das mag manchmal übersteigert erscheinen, doch der Barockkenner nennt es schlicht „pragmatisch, um den Betrachtern eine großartige Hoffnung zu verkünden“.
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Barock passt in die digitale Zeit
Dass ihm der Stoff ausgehen könnte, befürchtet der 35-Jährige nicht, selbst wenn er alle barocken Kirchen und Schlösser in Deutschland und Europa gesehen haben sollte. Denn der Barock ist schließlich ein Stil, der fast in der gesamten Welt zu finden ist. Zwischen etwa 1570 und 1770 eroberte er die Philippinen ebenso wie Indien und besonders Lateinamerika.Überall reizen die Künstler sämtliche Gestaltungsmittel aus, spielen raffiniert mit Dekoration, Licht und Farbe. „Die Betrachter betreten einen Bühnenraum, sie werden in dieses Schauspiel hineingerissen und ein Teil davon.“ Bei solchen Erklärungen hebt Pelka immer begeistert die Stimme: „Darum ist der Barock auch nie langweilig und deshalb passt er auch total gut in unsere digitale Zeit.“ Denn wie erfolgreiche Instagram-Posts „zieht der Barock mit visuellen Mitteln unsere Aufmerksamkeit auf sich“.
So arbeitet auch der Art-Influencer, wenn er, natürlich mit offizieller Erlaubnis, Kameradrohnen durch Kirchen fliegen lässt, schnelle Schnitte und lange Einstellungen kombiniert und überwältigende Momente sichtbar macht. Einer passiert gerade in seinem „Wohnzimmer“: Da fällt das strahlende Sonnenlicht durch das goldgelbe Fenster in den dämmrigen Raum der Asamkirche. „Diese Bewegung aus der Dunkelheit von unten hin zum Licht von oben, Wahnsinn“, sagt Pelka und blickt dann so gefesselt auf das Fenster, als würde er daheim im Wohnzimmer eine spannende Netflix-Serie im Fernsehen verfolgen.



