Wir feiern Franziskus. Und dann?
Pater Guido Kreppold gehört einem franziskanischen Orden an und fragt sich, was vom großen Heiligen bleibt, wenn die Festreden anlässlich seines 800. Todestags verklungen sind.
Klara und ihre Mitschwestern nehmen in San Damiano Abschied vom toten Franziskus. Ausschnitt eines Freskos von Giotto in der Oberkirche der Basilika San Franceso in Assisi. Foto: © imago/World History Archive
Der heilige Franziskus wird in diesen Tagen als die universale, rettende Gestalt von Klima, Umwelt und Natur gepriesen, auch als der, welcher der krisengeschüttelten Kirche neues Leben einhauchen könnte. Es werden erhebende Veranstaltungen gefeiert. Man geht beeindruckt weg. Betrachtet man aber die Situation seines Ordens in Europa, verfliegt bald die Hochstimmung. Die franziskanischen Gemeinschaften müssen ein Kloster nach dem andern schließen, der Klimawandel geht weiter, ebenso die Kriege. Mit großen Worten über den Heiligen lässt sich sein Geist nicht herbeireden. Schuld ist offensichtlich die Bedeutungslosigkeit des Religiösen in unserer Zeit.
Nicht beweisen, sondern erfahren
Aber ohne die besondere Erfahrung Gottes kann die Persönlichkeit des Heiligen weder verstanden noch umgesetzt werden. Bei Diskussionen hört man: Gott kann nicht bewiesen und auch nicht widerlegt werden. Damit hat das Gespräch meist ein Ende. Es könnte aber neu beginnen. Denn: Gott kann erfahren werden! Als die Kraft, die einen Menschen total verwandelt. Dafür steht der Heilige aus Assisi.
Nicht nur er. Der Theologe Paul Tillich erklärt, Gott sei ein Symbol für das, „was mich unbedingt angeht“. Das heißt, die Spur Gottes finde ich, wenn ich dem nachgehe, was mich zuinnerst berührt, bedrückt oder froh macht. Der erste Schritt ist nicht der radikale Verzicht, sondern die Wende nach innen. Damit beginnt es bei Franziskus. Auf Grund einer inneren Stimme kehrt er von seinem geplanten Kriegszug und seiner verkehrten Einstellung um.
Nach dem Psychologen C. G. Jung steht hinter der Stimme in der Tiefe der Seele eine Instanz, welche aus sich selbst wirkt, Neues entwirft, leitende Impulse aussendet und nach außen darstellt. Sie vertritt das Allereigenste und das Allerheiligste und ist stärker als die herrschenden Vorstellungen von dem, was man allgemein für erstrebenswert hält.
[inne]halten - das Magazin 20/2026
Franz von Assisi
Auch 800 Jahre nach seinem Tod hat der Heilige noch viel zu sagen
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Bereitschaft zur Wende nach innen
Um diese Kraft zu erfahren, braucht es die Bereitschaft, sich wie Franziskus auf die Wende nach innen einzulassen. Es kann ein Ereignis sein, das einem nahegeht, ein Erlebnis in der freien Natur, eine Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen, Ergriffensein in einem Konzert oder in einem Gottesdienst, eine Lebenskrise oder auch ein Traum, der einen nicht loslässt.
Der Blick in die eigene Tiefe statt auf die Schuld der anderen verändert die Perspektive und damit auch die Stimmung und die Atmosphäre. Hilfreich sind Gespräche mit einfühlenden Menschen in einem seelsorglichen und therapeutischen Rahmen. Sie bringen emotionale Entlastung und einen neuen Blick für die Wirklichkeit. Ebenso wichtig ist der Zugang zur gegenstandslosen Meditation und zum Wert der Stille.
Darin ist die Erfahrung eingeschlossen: Die Religion beginnt im Leib. Teilnehmer einer Meditation verlassen erfüllt, froh, sogar in heiterer Stimmung den Raum, in der festen Absicht, wiederzukommen und dafür Zeit und Geld zu opfern. Es wird die Fähigkeit geweckt, das Evangelium in seinen tiefsten Aussagen zu verstehen und der Freude des Sonnengesangs näher zu kommen.
Guido Kreppold ist Kapuzinerpater und Diplompsychologe.
Wissenswert
In München laden die Franziskaner und die Kapuziner gemeinsam am Samstag,
3. Oktober, um 18 Uhr in die Pfarrkirche St. Anna im Lehel (St.-Anna-Platz 5) zur Feier des Transitus („Hinübergang“) des heiligen Franziskus ein.



