Achtsamkeit
26.07.2024

Gertrude von Holdt: Predigerin in „Gottes Wohnzimmer“

Gott habe sie ihr Leben lang getragen, ist Gertrude von Holdt heute überzeugt. Die Protestantin hatte sich von der Kirche abgewandt – und zurückgefunden. 2009 wurde sie „Halligpastorin“ auf Hooge.

Foto: © Torsten Paris

„Gott hat mich mein ganzes Leben getragen. Ich wollte es nur nicht immer wahrhaben.“ Gertrude von Holdt braucht gerade einmal zwei Sätze, um auszudrücken, wie sie das Gedicht „Spuren im Sand“ der kanadischen Schriftstellerin Margaret Fishback Powers am eigenen Leib erfahren hat. Schon als Dreijährige habe sie ihr Großvater auf ihrer Heimatinsel Pellworm an den Deich mitgenommen und ihr in ihrer Muttersprache Plattdeutsch die Schönheit der Nordseeküste erklärt: „Wenn wir am Ende des Spaziergangs waren, dann hat er immer zu mir gesagt: ,Alles das, was du hier unten an Schönem siehst, kommt von oben‘“, erinnert sich die heute 76-Jährige und ergänzt: „Ich hatte mich immer aufgehoben gefühlt.“

Schicksalsschläge: Der Glaube auf der Probe

Das ändert sich kurz nach dem Abitur, als mehrere Schicksalsschläge die junge Frau treffen: Ihr zwölfjähriger Bruder erstickt ausgerechnet im Nordseesand, in den seine Freunde Stollen gegraben haben. Ihr erster Partner nimmt sich das Leben. „Es waren so viele Unwegsamkeiten, bei denen ich nicht verstehen konnte, warum Gott das zulässt. Und dann stellt man, wenn man so jung ist, natürlich die Warum-Frage. Man lernt ja erst später, dass das genau die falsche Frage ist, denn darauf gibt es keine Antworten“, sagt die evangelische Christin rückblickend.

Rückkehr zum Glauben durch die Familie

Obwohl Gott für sie damals „nicht mehr greifbar“ ist, setzt sie bei ihrem Mann durch, dass ihre Kinder als Säuglinge getauft werden – statt sich später selbst für oder gegen dieses Sakrament zu entscheiden: „Sie sind auch mit Beten jeden Abend in den Schlaf gesungen worden. Ich hab das bei meinen Kindern tatsächlich von Anfang an so gemacht, wie ich es von meinem Großvater kannte“, erzählt die Protestantin. Durch ihre Kinder findet sie selbst zurück zur Kirche und zum Glauben: „Als die Kinder den Konfirmandenunterricht besuchten, bin ich mit ihnen in die Kirche gegangen, wenn sie in den Gottesdienst mussten“, berichtet die vierfache Mutter und siebenfache Großmutter.

Von der Gemeinderätin zur Prädikantin

Nach kurzer Zeit wird sie in den Kirchengemeinderat gewählt – und ist bald enttäuscht, „weil so wenig Platz für geistliche Sachen war. Hoch war schon, wenn wir am Ende das Vaterunser gebetet haben.“ Als ein Tagungszentrum in der Nähe ihres Wohnorts Niebüll eine Lektoren-Ausbildung anbietet, meldet sie sich daher an. Und schließt noch eine dreijährige Ausbildung zur Laienpredigerin, genannt Prädikantin, an. Den Schicksalsschlag, der in diese Zeit fällt, verkraftet sie besser. Sie fühlt sich von der Ausbildungsgruppe gehalten – und von Gott getragen: „Als mein Sohn gestorben ist, hab ich gedacht: Es war gut so. Ich hätte nicht gewusst, was aus ihm geworden wäre, wenn er weitergelebt hätte. Er war krank. Ich bin Gott sehr, sehr dankbar, dass er ihn geholt hat.“

Ein Leben in Gottes Nähe

Jahre später erwähnt ein befreundeter Propst bei einer Hochzeitsfeier, dass er eine Vertretung für die Pfarrstelle auf der Hallig Hooge suche. Auf dieser Hallig hat die Nordfriesin regelmäßig bei ihren Großeltern die Schulferien verbracht. Sie signalisiert deshalb Interesse an dieser Stelle, obwohl ihre Ausbildung dafür eigentlich nicht ausreicht. Mit 61 Jahren beginnt sie etwas völlig Neues und wird „die Halligpastorin“, so der Titel ihres Buches, in „Gottes Wohnzimmer“: „Nirgendwo ist der Himmel höher, das Wasser weiter, das Land grüner. Nirgendwo ist mir Gott so nah. Es ist, als wäre ich in einem Kloster unter freiem Himmel“, schreibt sie in dem Buch. Kein Wunder, dass sie auch im Ruhestand in diesem „Paradies aus Himmel, Erde, Luft und Meer“ bleibt – bis Gott sie woanders hinträgt.

Zum Weiterlesen
Holdt, Gertrude von Die Halligpastorin
bene!, 2022
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Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.