Achtsamkeit
27.08.2025

Moderne Dämonen

Ein Bibelwort gegen die Angst

Bestsellerautor Anselm Grün hat ein Buch über Dämonen geschrieben. Im Interview erläutert er, was er unter ihnen versteht und wie sich gut mit ihnen umgehen lässt.
     

Gegen innere Zwänge wie den Essdrang gilt es, Widerstand zu leisten, meint Pater Anselm Grün. Gegen innere Zwänge wie den Essdrang gilt es, Widerstand zu leisten, meint Pater Anselm Grün. Foto: © AdobeStock/Shisu_ka


Das Wort „Dämon“ klingt für viele Menschen heute verstörend und erinnert sie an Fantasy- oder Horrorfilme. Was verstehen Sie unter Dämonen?


Dämonen sind innere Zwänge, fixe Ideen oder Leidenschaften, die von uns Besitz nehmen und uns gefangen halten. Die Kirche sagt dogmatisch: Dämonen sind geschaffene geistige Wesen, personale Mächte, also keine Personen, sondern Kräfte, die unser Personsein beeinträchtigen. Der Vorteil der Rede von Dämonen ist, dass ich einen Abstand habe. Ich sage nicht: Ich bin ein zorniger Mensch, sondern: Der Zorn kommt in mir und und ich kann damit umgehen. Ich bin nicht total besetzt von den Dämonen. 

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Auch in den Evangelien ist oft von Dämonen die Rede, die Jesus austreibt: Wie kann man solche Stellen aus unserer heutigen Sicht deuten?


Dämonen sind oft Trübungen des Menschen. Es sind oft falsche Bilder, die der Mensch hat, die ihm entweder von den Eltern oder von seinem eigenen Ego aufgebürdet worden sind. Jesus reinigt die Menschen gleichsam von Dämonen. Fridolin Stier, ein Neutestamentler, nennt die Dämonen „Abergeister“. Also der ständige innere Widerstand gegen Verwandlung, gegen einen neuen Weg, das sind Dämonen, und die müssen ausgetrieben werden, weil sie sonst den Menschen daran hindern, er selbst zu werden. 

Anselm Grün ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach und spiritueller Autor. Anselm Grün ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach und spiritueller Autor. Foto: © Katharina Gebauer

Wie kann man im 21. Jahrhundert mit Dämonen gut umgehen?


Das Erste ist das Gespräch mit diesen Gedanken und Leidenschaften, mit dem, was die Mönche Dämonen nennen: Was willst du mir sagen? Und dann die Frage: Wie gehe ich damit um? Was hilft mir, von diesen inneren Zwängen frei zu werden? Da ist sicher ein psychologischer Weg wichtig, aber auch ein seelsorglicher Weg. Die frühen Mönche waren natürlich Seelsorger, aber zugleich waren sie auch Therapeuten, weil sie den Menschen genau kennengelernt haben mit all den Abgründen der menschlichen Seele. Das Zweite ist eine gute Disziplin, auch eine gute Ordnung des Tages, gute Rituale und natürlich auch Widerstand zu leisten, zum Beispiel gegen den Essdrang oder gegen eine negative Sprache. Da muss ich einfach achtsam umgehen mit meiner Sprache. Wo spreche ich ständig über andere? Wo ist meine Sprache verletzend? Also es braucht ein Bewusstwerden, Achtsamkeit und auch einen Kampf. Die Mönche verstehen das Leben nicht umsonst als Kampf, als Kampf gegen negative Tendenzen. 

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Welche Rolle kann aus Ihrer Sicht der Glaube bei diesem Kampf spielen?


Der Glaube gibt mir die Kraft, dass ich aus der inneren Quelle schöpfen kann, aus der guten Quelle, aus der Quelle des Heiligen Geistes, die mir Kraft gibt, mit diesen negativen Tendenzen umzugehen. Der Glaube sagt mir, dass Gott stärker ist als all die negativen Emotionen, Leidenschaften oder Dämonen, die mich am Leben hindern wollen. Und der Glaube gibt natürlich viele konkrete Wege, unter anderem das Gebet und den Gottesdienst. Die frühen Mönche haben eine sogenannte antirrhetische Methode entwickelt, ein Wort der Schrift beispielsweise gegen die Angst zu sprechen, etwa das Wort aus Psalm 118: „Der HERR ist für mich, ich fürchte mich nicht. Was können Menschen mir antun?“ Das kann eine Hilfe sein, gegen diese Dämonen der Angst in mir anzugehen. Das heißt nicht, dass dieses Wort diese Dämonen vertreibt, aber es nimmt ihnen die Macht. Ich komme in Berührung mit dem Vertrauen, das auch in mir ist. 

Zum Weiterlesen
Grün, Anselm Widerstehen und Wachsen
Herder, Freiburg, 2025
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Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.