Benediktiner, Zen-Christ, Mystiker -
David Steindl-Rast wird 100
Er gilt als eine der großen spirituellen Personen der Gegenwart. Dennoch ist der österreichische Benediktiner David Steindl-Rast vielen unbekannt. In diesen Tagen wird er 100 Jahre alt.
Heute lebt David Steindl-Rast zurückgezogen im Europakloster in der Nähe von Salzburg. Foto: © Diego Ortiz Mugica
Immer wieder gab und gibt es Menschen, die mit Gott und dem Urgrund des Seins in einer ganz besonderen Verbindung sind. Solche Mystiker machen ganz unmittelbare, tiefe Erfahrungen mit dem Göttlichen. Zu ihnen zählen Hildegard von Bingen, Meister Eckart, Thomas von Kempen, Therese von Avila, aber auch der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld. Heute gilt der österreichische Benediktiner David Steindl-Rast als großer Mystiker unserer Zeit. Am 12. Juli wird er 100 Jahre alt.
Eremit, Zen-Christ, spiritueller Globetrotter - viele Umschreibungen treffen auf den gebürtigen Wiener zu. In seiner Jugend war er im katholischen Widerstand aktiv und studierte nach dem Krieg Kunst, Psychologie und Anthropologie. 1952 wanderte er mit seiner Familie in die USA aus und trat dort 1953 in das damals neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour im US-Bundesstaat New York ein.
Interreligiöser Brückenbauer:
Mystik als „Herz jeder Religion“
Zwölf Jahre später beauftragte ihn sein damaliger Abt, sich dem Dialog zwischen Christentum und Buddhismus zu widmen. Dabei lernte Steindl-Rast auch verschiedene Zen-Meister kennen. 1968 gründete der Mönch gemeinsam mit Rabbinern, Buddhisten, Hindus und Sufis in den USA das "Center for Spiritual Studies" und wurde so zum interreligiösen Brückenbauer. Konfessionen und Religionen traten für ihn in den Hintergrund, denn "Mystik ist das Herz jeder Religion", wie er sagt.
Das Heilige ist für ihn die unmittelbare "Begegnung mit dem großen Geheimnis des Seins", beschreibt der Ordensmann sein Empfinden in einem Deutschlandfunk-Beitrag. Steindl-Rast scheint diesem großen Geheimnis in seinem Leben oft begegnet zu sein. Doch erst mit 60 begann er - nach vielen Jahren der Kontemplation - Bücher zu schreiben und Menschen in Vorträgen an seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen.
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Worauf es ankommt:
Dankbarkeit und Verbundenheit
Er erlebe "dieses Berührtwerden durch das Heilige meist durch Musik". Doch im Grunde ist dem Benediktiner alles Existierende heilig. "In allem, was es gibt, können wir diesem großen Geheimnis des Seins begegnen, wenn wir uns dafür öffnen und uns davon ergreifen lassen". Denn: "Die Ewigkeit ist. Und wir leben in einem Doppelbereich als Menschen", heißt es in seinem Buch "Ich bin in dieser Ewigkeit".
Lange führte Steindl-Rast ein Leben zwischen Einsiedlertum und internationaler Vortragstätigkeit, heute lebt er zurückgezogen im Europakloster in der Nähe von Salzburg. Noch bis ins hohe Alter hielt er Vorträge; zu seinem 100. Geburtstag ist gerade das Buch "Worauf es letztlich ankommt" mit 100 Fragen und Antworten erschienen. Zentrale Begriffe für ihn sind "Dankbarkeit, Verbundenheit und ein entschiedenes und gelebtes Ja zum Leben". Das Vertrauen in das Leben sei die einzige gemeinsame Grundlage der Menschheit, erklärte der Mönch 2022 bei den Salzburger Hochschulwochen.
Entgegen der Gleichgültigkeit –
Zugehörigkeit zur Weltgemeinschaft
Mystik - das klingt weltfremd und entrückt. In Steindl-Rasts Worten schwingt aber durchaus auch eine gesellschaftliche und politische Komponente mit: Irrtümlicherweise werde Hass für das Gegenteil von Liebe gehalten. Für den Ordensmann ist es die Gleichgültigkeit. Diese sei "blind für Zugehörigkeit und verfällt daher der Illusion von Unabhängigkeit und Vereinzelung". Diese Entfremdung führe dann zu Verunsicherung und Furcht vor dem Leben.
Doch nur "durch Zugehörigkeit zu meiner Mitwelt kann ich mich sicher, geborgen und zu Hause fühlen". Sein Appell: "Wir müssen uns wieder eingebettet wissen und danach handeln" - jeder für sich im Kleinen, aber auch durch eine engere Zusammenarbeit innerhalb der Weltgemeinschaft.
Zum 100. Geburtstag von David Steindl-Rast ist das Buch „Worauf es letztlich ankommt“ erschienen. Mario Quintana stellt ihm darin 100 Fragen rund um Religion, Mystik, Gott, Jesus, aber auch zu kontroversen Lebensfragen und „heißen Eisen“ der Kirche, die der Benediktiner auf jeweils ein bis zwei Seiten beantwortet.
Was ist eigentlich Mystik, und wie hängt sie mit Religion zusammen? Allein diese beide Fragen verdeutlichen die Spannung, die das ganze Buch durchzieht: dort das Überkonfessionelle, das Ewige, das „innerste Geheimnis des Lebens, oft auch ,Gott‘ genannt“ – hier die konkret gewordene Religion, Glaubenslehren, Rituale, kirchliche Realitäten. Es ist aufregend, sich bei der Lektüre immer wieder entlang der Berührungspunkte, aber auch der Trennlinien zwischen der mystisch-unfassbaren und der kulturell geprägten, gleichsam „geronnenen“ Dimension von Glaube und Spiritualität zu bewegen.
Mit Neugier liest man, was Steindl-Rast zu Reizthemen wie Empfängnisverhütung, Jungfrauengeburt oder Ehescheidung zu sagen hat. Und in seinen Plädoyers gegen die Zölibatspflicht für Priester und für die Gleichbehandlung von Frauen und Homosexuellen geht er mit seiner Kirche hart ins Gericht.
Doch Steindl-Rast ist kein Anti-Amtskirchen-Aktivist. Er ist Mystiker, und das heißt letztlich auch: Er ist gelassen, milde, steht über den Dingen. Wenn er gefragt wird, was er vom katholischen Christentum hält, fühlt man sich an die Fangfragen erinnert, die Jesus gestellt wurden – aber in die Falle spitzfindiger dogmatischer Debatten tappt Steindl-Rast ebenso wenig wie Jesus, stattdessen gibt er salomonische, weise Antworten. Die Worte des Hundertjährigen atmen Frohsinn und eine tiefe Menschenfreundlichkeit – sieht er doch als Sinn und Aufgabe seines Lebens, „gemeinsam mit allen Menschen guten Willens freudig an einer neuen Welt zu bauen“.
Und was ist Steindl-Rasts Verständnis der christlichen Frohbotschaft? Er verdichtet es auf ein einziges Wort: Abba, „Vater“. Es ist die Gewissheit, dass die von Jesus selbst so angesprochene letzte Wirklichkeit, „unser mütterlich liebender himmlischer Vater“, uns mit ausgebreiteten Armen entgegenkommt und „in jedem kleinsten Ding“ begegnet. Das ist unser Glaube: Abba.
Joachim Burghardt



