Abt Nikodemus Schnabel über „Hooligans der Religion“
Im September verübte ein religiöser Extremist einen Attentatsversuch auf das israelische Generalkonsulat in München. Fanatismus und Gewalt erlebt Nikodemus Schnabel im Heiligen Land jeden Tag. Der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem und des Priorats Tabgha am See Gennesaret versucht, das Gemeinsame zwischen den Religionen herauszustellen.
Abt Nikodemus Schnabel Foto: © privat
Pater Nikodemus, Sie leben seit vielen Jahren in Jerusalem, einem Ort, an dem Gewalt und Religion oft miteinander verflochten sind. Wie nehmen Sie die Verbindung zwischen religiösen Überzeugungen und Gewalt wahr?
Ich glaube, die Verbindung zwischen Religion und Gewalt wird oft vereinfacht. Viele religiöse Menschen, insbesondere in Jerusalem – Juden, Christen, Muslime – streben nach Frieden, nicht nach Abgrenzung oder Gewalt. Tiefgläubige Menschen fragen sich täglich: „Was will Gott von mir?“ Diese Suche nach Gott kann eine große Kraft für Frieden und Versöhnung sein.
Andererseits gibt es die „Hooligans der Religion“, denen es mehr um ihre eigene Identität geht als um Gott. Diese Menschen missbrauchen Religion als Instrument, um andere auszugrenzen. Dies ist ähnlich wie im Fußball, wo Hooligans den Sport missbrauchen, obwohl die Mehrheit die positiven Aspekte schätzt. Wir müssen das Schöne und Wahre in der Religion wieder hervorheben und jungen Menschen diese Werte vermitteln.
Leider gibt es Extremisten in jeder Religion, die den Glauben für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Ob Islamisten, jüdische Extremisten oder selbsternannte Verteidiger des christlichen Abendlandes – oft haben sie wenig Ahnung von ihrer eigenen Religion und handeln entgegen ihren Lehren.
Der Täter in München wird in einen Kontext gewalttätiger Extremisten gestellt, die oft religiöse Narrative zur Rechtfertigung ihrer Taten benutzen. Wie gehen Sie als Geistlicher damit um, dass Religion als Deckmantel für Gewalt missbraucht wird?
Es gibt die Ansicht, dass Religion das Hauptproblem für Gewalt sei und die Welt ohne sie friedlicher wäre. Doch wenn wir auf Diktaturen wie Nordkorea oder religionsfeindliche Regime in der Geschichte schauen, ist fraglich, ob eine Welt ohne Religion wirklich besser wäre.
Gleichzeitig sagen einige zu schnell, dass Gewalt nichts mit Religion zu tun habe und sie nur missbraucht werde. Das ist zu einfach. Wir müssen anerkennen, dass es in jeder Religion toxische Strömungen gibt.
Religion hat aber auch etwas Demütiges: Sie erinnert uns daran, dass wir alle Sünder sind und der Barmherzigkeit Gottes bedürfen. Wer das versteht, geht anders mit seinen Mitmenschen um. Die „Hooligans der Religion“ hingegen sehen sich als absolut im Recht und denken, ihre Gewalttaten seien gerechtfertigt.
Deshalb liegt die Verantwortung bei denjenigen, die Glauben vermitteln – Prediger, Religionslehrer. Jede Religion muss sich fragen, wie sie über Glaube und Menschsein spricht.
Als Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem leben Sie in einem Land, das Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen heilig ist. Gibt es in Ihren Augen eine spirituelle oder religiöse Verbindung, die diese Glaubensgemeinschaften zusammenhalten könnte, oder überwiegen heute die trennenden Elemente?
Abt Nikodemus: Was uns verbindet, ist viel größer als das, was uns trennt. Alle abrahamitischen Religionen teilen den Glauben an einen einzigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Zudem betonen Juden, Christen und Muslime, wie wichtig die Barmherzigkeit Gottes ist, und dass wir als Menschen auf Gottes Vergebung angewiesen sind. Weil Gott bereit ist uns zu vergeben, sollen auch wir bereit sein, anderen zu vergeben und Versöhnung zu suchen.
Ein weiterer gemeinsamer Punkt findet sich in der Heiligen Schrift. Sowohl im Judentum als auch im Christentum ist die Schöpfungsgeschichte in der Bibel grundlegend. In Genesis 1,26 steht, dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Diese Gottesebenbildlichkeit verleiht jedem Menschen eine unverlierbare Würde. Auch im Islam gibt es den Gedanken, dass jeder Mensch Stellvertreter Gottes ist und findet sich in Sure 2:30 im Koran.
Diese Glaubenswahrheiten – die Barmherzigkeit Gottes und die Würde des Menschen – haben das Potenzial, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, wenn wir sie wirklich ernst nehmen.
Ist gemeinsames Gebet möglich?
Abt Nikodemus: Das gemeinsame Gebet ist immer eine spannende und oft diskutierte Frage. Für uns Christen ist der Glaube an den dreifaltigen Gott zentral – an einen Gott, der in der Person Jesu Christi wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Dies ist ein Punkt, mit dem Juden und Muslime natürlich nicht übereinstimmen können.
Was ich jedoch erlebe, ist, dass man zusammenkommen kann, wobei jeder auf seine eigene Weise betet und die anderen in Stille dabei sind. Man betet im Herzen mit, ohne die Gebete oder Glaubensrichtungen zu vermischen. Es ist wichtig, keine künstliche Harmonie herzustellen, wo noch Glaubensunterschiede bestehen. Diese Unterschiede sollten respektiert werden. Wir können nebeneinander beten, uns gegenseitig hochschätzen und dabei ehrlich neugierig auf das sein, was dem anderen heilig ist.
In Jerusalem erlebe ich das immer wieder: Es geht darum, einander nicht zu dämonisieren oder auszugrenzen, sondern eine Haltung des Respekts zu entwickeln. Das bedeutet auch, klar zu seinem eigenen Glauben zu stehen, zur eigenen Heiligen Schrift, Tradition und Weisheit. Gleichzeitig sollten wir eine echte Hochachtung für den Glauben des anderen zeigen, ohne dabei unsere eigene Identität zu verwischen. Jeder von uns trägt die Verantwortung, den eigenen Glauben authentisch zu leben und dabei offen für den Dialog mit anderen zu bleiben.
In Deutschland gibt es wachsende Unsicherheit im Zusammenhang mit Immigration. Welche Rolle kann die Kirche spielen, um zur Integration beizutragen und Spannungen abzubauen?
Abt Nikodemus: Ein zentraler Schlüssel ist das, was ich „religious literacy“, also religiöses Wissen nenne. Vieles beruht auf Vorurteilen, wie etwa die Vorstellung, dass der Islam nicht zu Europa passt oder das Judentum eine archaische Religion sei. Diese Klischees sind nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Wir reden hier über Hochreligionen mit langen, fruchtbaren Philosophietraditionen, aus denen viele Menschen über Jahrhunderte hinweg Kraft geschöpft haben. Es braucht eine ehrliche Neugier für diese anderen Religionen – und ebenso eine für die eigene. Denn oft bemerke ich, dass in Deutschland das Wissen über die eigene Religion nicht besonders tief ist. Das macht uns unsicher, wenn wir auf Menschen treffen, für die Religion eine so zentrale Rolle spielt. Wenn jemand seinen Glauben ernst nimmt, werden wir nervös, weil wir selbst oft nur „ein bisschen“ gläubig sind. Deshalb wäre es wichtig, Religion wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu bringen: Was feiern wir eigentlich an Weihnachten, Ostern oder Pfingsten? Was bedeutet der trinitarische Gott? Solche Fragen sollten wir uns wieder stellen, um ein tieferes Verständnis für unseren Glauben zu entwickeln.
Wir haben Religion in den letzten Jahrzehnten stark in den Privatbereich gedrängt, nach dem Motto: „Wenn du willst, mach, aber stör mich nicht!“ Gleichzeitig erleben wir, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen kommen, für die Religion ein selbstverständlicher, natürlicher Teil des Lebens ist. Diese Menschen leben ihre Religion oft unverklemmt und offen. Hier in Deutschland haben wir lange die negative Religionsfreiheit betont – also das Recht, von Religion verschont zu bleiben. Aber wir sollten ebenso die positive Religionsfreiheit in den Blick nehmen, das Recht, seine Religion frei zu leben. Das ist ein Menschenrecht, und wir müssen lernen, das zu schätzen. Es ist eine spannende Herausforderung, dass jetzt Menschen zu uns kommen, für die Religion ein wesentlicher Teil ihrer Biografie ist. Das müssen wir verstehen und auch als Kirche darauf reagieren.
In einer Welt, die zunehmend von Gewalt und Unsicherheit geprägt ist, suchen viele Menschen nach spiritueller Orientierung. Welche Botschaft des Glaubens halten Sie für besonders wichtig, um in Zeiten wie diesen Hoffnung zu spenden?
Abt Nikodemus: Ich spüre diese Orientierungslosigkeit, diese Zukunftsängste und das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen gerät. Inmitten all dessen steht die zentrale Botschaft des Glaubens: „Gott ist da! Gott ist mit uns! Gott ist an meiner Seite!“ Als Christen glauben wir, dass Gott durch die Taufe zu jedem Einzelnen sagt: „Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn, ich bin da, ich bin an deiner Seite.“ Das ist ein „Ja“, das Gott uns gibt, selbst wenn alle anderen „Nein“ sagen. Wir müssen uns diese Liebe nicht verdienen.
Die Menschheit leidet oft darunter, dass sie sich über das definiert, was sie leistet, was andere über sie denken oder was sie besitzt. Aber die große Überschrift lautet: „Gott hat Ja zu dir gesagt.“ Und dann ermutige ich dazu, sich Gott zuzuwenden, ihm die eigenen Sorgen, Ängste und Sehnsüchte auszubreiten. Wer Formulierungshilfen braucht – und das ist etwas, was ich als Benediktiner besonders schätze –, sollte in die Psalmen schauen. In diesem Buch der Bibel findet man die gesamte emotionale Bandbreite des Menschseins: Es wird mit Gott gerungen, Glück besungen, Krankheit beklagt, Verzweiflung und Rache ausgedrückt. Wenn jemand fragt: „Wie kann ich mein geistliches Leben beleben?“, dann empfehle ich ganz praktisch: Jeden Tag einen Psalm lesen. Das bringt geistlich einiges in Bewegung.



