Die blutige Geschichte der Antike
Trojanischer Krieg und Tyrannen, Meuchelmorde und wahnsinnige Kaiser, Rachefeldzüge und Strafexpeditionen – Michael Sommer und Stefan von der Lahr haben ein Buch über Gewalt, Mord und Krieg bei den alten Griechen und Römern geschrieben.
Kampf um den Leichnam von Patroklos – eine Szene aus dem Trojanischen Krieg. Foto: © imago/Gemini Collection
In Ihrem neuen Buch erzählen Sie die „verdammt blutige Geschichte“ der griechischen und römischen Antike. Dann stürzen wir uns doch gleich mal mitten ins Getümmel: Was war das größte Gemetzel?
Sommer: Schwer zu sagen. Zahlen über Tote, Verwundete und Vermisste, die uns antike Gewährsleute nennen, sind notorisch unzuverlässig. Oft kann man, was die Heeresgrößen angeht, hinten getrost eine Null in den antiken Quellenangaben streichen. Das opulenteste Gemetzel dürfte der vierte Schlachttag in Homers Ilias sein. Da geht es zwischen Griechen und Trojanern nochmal richtig zur Sache, und am Ende liegt Hektor, der stärkste Held der Trojaner, tot am Boden.
Welche Einzelperson hat sich durch besondere Grausamkeit hervorgetan?
Von der Lahr: Wollte man extreme Grausamkeit quantitativ fassen, so dürfte Caesars Völkermord in Gallien herausstechen, dessen Opferzahl sich auf gut und gern eine Million Tote belaufen haben könnte. Als qualitativ widerlichste Einzeltat hat mich stets das – quellenmäßig belegte – Schicksal der jungen Tochter des Prätorianerpräfekten Seian besonders abgestoßen: Als ihr Vater bei Kaiser Tiberius in Verdacht geraten war, eine Verschwörung zu betreiben, ließ Tiberius die ganze Familie hinrichten. Da es aber verboten war, eine Jungfrau hinzurichten, wurde das Mädchen zuerst vom Henker vergewaltigt, um dann hingerichtet zu werden.
Ihr Buch wird als „herrlich respektlos“ angekündigt, und Sie pflegen tatsächlich einen unorthodoxen Schreibstil. Da lassen Sie die römische Geschichte mit einer „fetten Blutspur“ beginnen, da wird eine Stadt „zerlegt“, da bezeichnen Sie einen Kaiser als „alten Sack“ … Warum diese saloppe Ausdrucksweise?
Von der Lahr: Uns kommt es einzig auf die Vermittlung der Inhalte an, und zwar an ein möglichst breites und, wenn es geht, auch junges Publikum. Dabei müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass, erstens, weite Teile des Publikums – entsprechend den Landeslehrplänen – an vielen deutschen Gymnasien nach der sechsten Klasse kaum noch in Kontakt mit der Alten Geschichte kommen und dass sich, zweitens, Rezeptionsgewohnheiten und Sprache junger Leserinnen und Leser verändert haben. Es scheint uns daher legitim, in unserem Buch mal ein anderes Narrativ zu erproben und uns einer anderen Sprache zu bedienen, als man sie in Sachbüchern zur Antike üblicherweise pflegt. Ich würde den Leuten die Alte Geschichte auch vortanzen, wenn ich gut genug tanzen könnte – Hauptsache, ich erreiche damit den angestrebten Vermittlungserfolg.
Im Vorwort deuten Sie an, welches Problem diese Form von robustem Humor verursacht: Während man über die Grausamkeiten in grauer Vorzeit, die mehr mythisch als historisch ist, noch mit leichter Feder schreiben kann, wird es schwieriger, wenn echte menschliche Todesopfer im Spiel sind. Hatten Sie bei bestimmten geschichtlichen Ereignissen Zweifel, ob Ihr Ansatz unangemessen oder geschmacklos ist?
Von der Lahr: Nein, hatten wir nicht. Natürlich können wir über Mythen, Monster und Abenteurer anders sprechen, weil wir es in den betreffenden Kapiteln im Wesentlichen mit fiktionalen Schilderungen zu tun haben. Aber wenn Sie unsere Texte über im engeren Sinne historische Sachverhalte lesen, werden Sie merken, dass sich die Diktion verändert. Zwar lassen wir uns weiterhin keine Bizarrheiten im Verhalten der Protagonisten entgehen – etwa wenn der Perserkönig Xerxes das Meer auspeitschen lässt –, die wir dann aufspießen. Aber wenn es um reale Opfer und die Hybris der Herrscher geht, ist unsere Sprache nicht mehr flapsig, sondern ironisch, scharf und sarkastisch. Daher sind wir zuversichtlich, dass unsere ablehnende Einstellung zu den geschilderten Vorgängen unmissverständlich rüberkommt.
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Besonders delikat ist die Verfolgung der Christen im alten Rom – allein schon, weil sich heutige Christen mit ihren damaligen Glaubensgeschwistern identifizieren können. In Ihrem Buch erwähnen Sie die Verfolgung unter Kaiser Nero nicht, thematisieren aber die Pogrome unter Decius, Valerian und Diokletian. Da sei es für die Christen „knüppeldicke“ gekommen. Dann die Überraschung: Nachdem die Christen unter Kaiser Konstantin ab 313 zunehmend legitimiert waren, hätten sie den Spieß umgedreht; „an vielen Orten spielten sich die gleichen Verfolgungsszenarien ab wie früher, nur dass jetzt die Opfer andere waren“. Wollen Sie damit sagen, dass die Christen die Anhänger der alten Kulte genauso gnadenlos verfolgten, wie sie selbst zuvor verfolgt wurden?
Sommer: Ja. Die Christen sind vielleicht sogar noch fanatischer zu Werke gegangen als vordem die Polytheisten, denn ihr Hass wandte sich ja auch immer wieder gegen andere Christen: Orthodoxe versus Heterodoxe, wobei es Ansichtssache war, wer jeweils den richtigen und wer den falschen Glauben hatte.
Man kann vielleicht in humoristischer Weise über Grausamkeiten im alten Athen schreiben, aber es wäre ausgeschlossen, denselben Stil in einem Buch über die Genozide des 20. Jahrhunderts anzuwenden. Warum ist das so? Reicht unsere Empathie für unschuldige Opfer nur 100 oder 200 Jahre zurück?
Von der Lahr: Je weiter mörderische Vorgänge in der Vergangenheit liegen, umso mehr neigen Menschen dazu, sich beim Nachdenken darüber in der Abstraktion der großen Zahlen zu verlieren – sowohl der Opferzahlen als auch der Zahlen des Zeitabstandes. Davor müssen wir uns hüten: Das Leid der Opfer war, ist und bleibt nie abstrakt, sondern immer konkret. Wenn man sich auf eine verantwortungslose Betrachtungsweise einlässt und Völkermord und Grausamkeiten nur deshalb in milderem Lichte betrachtet, weil sie irgendwann weit und weiter zurückliegen, dann gerät man unweigerlich in die Gesellschaft jener Leute, die Menschheitsverbrechen als Vogelschiss in der eigenen Geschichte abtun, weil sie sich die Definitionshoheit anmaßen zu sagen, ab wann und inwieweit etwas relativiert werden darf. Das ist die beste Voraussetzung für Vergessen, Verdrängung und damit für die nächsten Verbrechen.
Ein ähnliches Phänomen ist das verklärte Bild, das wir von bestimmten Herrschern haben. Namen wie Alexander der Große, Caesar, Karl der Große, teils sogar noch Napoleon lösen bei vielen überwiegend positive Assoziationen aus, sie gelten als bedeutende, mutige Männer, fast schon als Lichtgestalten der Weltgeschichte. Man denkt weniger daran, dass auch sie über viele Leichen gingen. Wie kommt das?
Sommer: Das hat, glaube ich, ganz unterschiedliche Ursachen. Man darf ja nicht vergessen, dass Alexander und Napoleon, so brutal sie als Eroberer waren, auch kolossale Innovationsschübe über die Welt gebracht haben. Alexander hat für das Mittelmeer die Tür weit nach Osten geöffnet. Nie zuvor waren Menschen, Güter und Ideen so mobil gewesen wie im Hellenismus, der durch Alexander eingeläuteten Epoche. Durch Caesar hat immerhin Gallien, so ungeheuerlich die Kriegsgräuel waren, Anschluss an die mediterrane Zivilisation gefunden – und, vermittelt über Gallien, haben das auch unsere germanischen Vorväter. Caesar wird man vielleicht auch deshalb den Respekt nicht versagen wollen, weil er geistreich und kultiviert war. Stilistisch haben seine „Kommentare“ über den Gallischen Krieg Maßstäbe gesetzt, zum Leidwesen ganzer Generationen von Lateinschülern. Auch das gehört natürlich zur Wahrheit.
Insgesamt entsteht beim Lesen Ihres Buchs unweigerlich der etwas einseitige Eindruck, die Griechen und die Römer hätten sich weniger durch ihre Hochkultur hervorgetan, sondern durch barbarische Gewaltorgien, Rache, Blutdurst und Mord über 1.500 Jahre hinweg. Welches Bild von der Antike wollen Sie korrigieren und welches halten Sie für angemessen?
Sommer: Gibt es eigentlich noch ein Bild von der Antike? Wenn überhaupt, dann sind da noch vage, oft durch das Kino oder Netflix vermittelte Vorstellungen. Unser Ziel war es nicht, ein Bild zu korrigieren, sondern das Interesse für eine Epoche zu wecken, die natürlich nicht nur aus Mord und Totschlag bestand, die aber, wie jede andere Epoche auch, durchaus ihre gewalttätigen Seiten hatte. Interesse wecken: Das funktioniert mit exzessiver Gewaltdarstellung besser als mit Friede, Freude, Eierkuchen, das wissen auch Filmregisseure wie Ridley Scott („Gladiator“). Der ironische Twist bei uns besteht gerade darin, dass die antiken Zivilisationen es trotz allem eigentlich ganz gut hinbekommen haben, die dunkle Seite der Macht zu bändigen. Ging es auf Roms Straßen brutaler zu als auf denen von Berlin oder New York? Schwerlich. Waren die Kriege der Griechen grausamer als das Schlachten heute in der Ukraine? Auf keinen Fall.
Die grausamen Geschichten haben unzweifelhaft einen – makaberen –
Unterhaltungswert. Aber kann man auch ernste Erkenntnisse daraus
gewinnen, ein Fazit, eine Lehre für heute?
Von der Lahr: Angesichts der durch die Jahrtausende nicht abreißenden Kriege und Gewalttaten kann der Mensch aus dem Studium der Geschichte nur eine Weisheit gewinnen – und das ist die Weisheit des Mitgefühls. In der Konsequenz dessen gibt es nur einen Standpunkt, den wir einnehmen können, um nicht zum (Mit-)Täter zu werden, und das ist und bleibt immer und unter jeder Bedingung der Standpunkt an der Seite der Opfer. Wer erst einmal anfängt, sich anzumaßen, Krieg, Opfer, Gewalt und das Leid der anderen als notwendig zu rechtfertigen, verfällt in die Ursünde der Menschheit, die Hybris. So jemand glaubt nämlich, sich erheben zu dürfen über seine Mitmenschen – eritis sicut deus scientes bonum et malum: Ihr werdet sein wie Gott, indem ihr wisst, was gut und falsch ist (Gen 3,5). Dem entgegenzuwirken, bleibt angesichts der Entwicklungen bis auf den heutigen Tag eine herausragend wichtige Aufgabe unserer Zunft, indem wir versuchen, mit der Geschichtsschreibung die Humanität zu befördern. Und dieses Ziel erreicht man – um mit Johann Gottfried Herder zu sprechen – nicht zuletzt, indem man das Inhumane in der Geschichte herausarbeitet. Nichts anderes haben wir in unserem Buch getan.
Zum Schluss eine schillernde Anekdote. Welche blutige Episode der Antike ist für Sie so skurril, dass Sie gar nicht anders können, als zu lachen?
Sommer: Wie Alexander der Große und seine
Kumpane im Suff den Palast der Achämeniden-Herrscher in Persepolis in
Schutt und Asche legen, das hat schon was furchtbar Skurriles. Genauso
irre ist, wie sie dann versuchen, die peinliche Geschichte zu
vertuschen: Sie hätten die Bude aus Rache für jene Zerstörungen
abgefackelt, die einst die Perser in Athen angerichtet hatten. Die waren
damals schon 150 Jahre her. Das sind schon ziemlich fadenscheinige Fake
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