Jubiläum
75 Jahre Montanunion – und heute?
Kontrolle über Lithium und Coltan statt über die Kohle? 75 Jahre nach der Montanunion bleiben Bodenschätze Konfliktursache. Was man aus der Vergangenheit lernen kann, erklären drei Wissenschaftler.
Die Montanunion gilt als Keimzelle der 1992 gegründeten EU. Foto: © Julia Steinbrecht/KNA
75 Jahre ist es her, da haben sich sechs europäische Staaten zusammengetan und einen der wichtigsten Schritte auf dem Weg hin zu einem friedlichen und geeinten Europa getan. 1951, also sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wollten Frankreich, Italien, die Bundesrepublik Deutschland und die Benelux-Länder verhindern, dass noch einmal ein Krieg ausbricht. Dazu übertrugen sie Kompetenzen auf die neu gegründete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) – die sogenannte Montanunion. Kohle und Stahl waren elementare Rüstungsgüter, die dadurch einer gemeinsamen Kontrolle unterlagen.
Der Zusammenhang von Rohstoffen und Kriegen ist noch heute aktuell. Die Ukraine ist reich an Bodenschätzen. In Venezuela gibt es weltweit das meiste Erdöl. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo kämpfen Milizen mit blutigen Folgen für die Bevölkerung um Zugang zu Stoffen wie Kobalt, Gold und Coltan. Schmilzt in Grönland weiter das Eis, wird es einfacher werden, etwa an Seltene Erden, Uran und Kupfer zu kommen. Die Reihe an Gebieten, in denen Konflikte toben oder Begehrlichkeiten laut werden, ließe sich weiter fortsetzen.
Montanunion als Vorbild?
Auch wenn viele Krisen und Konflikte vielfältige Ursachen und Brandbeschleuniger haben, sollten Rohstoffe bei Erklärungs- und Lösungsversuchen nicht ausgeklammert werden. Taugt die Montanunion mit ihrer Idee der gemeinsamen Kontrolle von besonders begehrten Gütern als Blaupause?
Der Politikwissenschaftler Jakob Kullik ist zögerlich. Die Montanunion tauge nur bedingt als Vergleichsfolie für die Befriedung von Konflikten mit Rohstoffbezug. Er verweist auf den spezifisch europäischen Kontext, aus dem heraus es in der EU eine teils vergemeinschaftete Rohstoffkontrolle und -nutzung gibt. Und darauf, dass jeder Rohstoffmarkt unterschiedlich strukturiert sei. „Solange die internationalen Beziehungen Staatenbeziehungen sind, sind alle Konzepte und Ideen zur supranationalen-grenzüberschreitenden Rohstoffkontrolle und -bewirtschaftung unrealistisch“, so der Wissenschaftler der TU Chemnitz, der zu Märkten von kritischen Metallrohstoffen forscht.
Bewusstsein für gemeinsame Rohstoffpolitik
Kullik schlägt dennoch den Bogen von der Montanunion ins Heute und verweist auf ein in Europa wachsendes Bewusstsein für eine gemeinsame Rohstoffpolitik – von der Förderung über die Verarbeitung bis hin zum Recycling kritischer Rohstoffe. Treibendes Motiv sei dabei nicht ein idealistischer Gedanke wie bei der Montanunion, sondern die nachgeholte Reaktion der EU auf Marktveränderungen und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Beispiel laut Kullik: das Ziel der europäischen Unabhängigkeit gegenüber Chinas Rohstoffdominanz etwa bei Seltenen Erden, die für Smartphones, E-Autos und Windkraftanlagen unerlässlich sind.
„So gesehen ist der Geist der Montanunion in gewisser, arbeitsteiliger Weise nach wie vor relevant und existent – aber eben nur im europäischen Politikkontext und geopolitisch motiviert“, so Kullik auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
EGKS nicht nur zur Rüstungskontrolle
Auch der Historiker Wilfried Loth ist zurückhaltend, die EGKS als Vorbild für heutige Konflikte zu sehen. Er sehe historisch keinen anderen Fall, in dem das Konzept Friedenssicherung durch Rohstoffkontrolle zur Anwendung gekommen wäre. „Grundsätzlich sind aber natürlich andere historische und geopolitische Konstellationen denkbar“, sagt der emeritierte Professor der Universität Duisburg-Essen und verweist auf Seltene Erden.
Die EGKS taugt laut Loth nur bedingt für Vergleiche, da es bei der gemeinsamen Kontrolle von Kohle und Stahl nicht nur darum ging, eine mögliche Produktion von Waffen zu kontrollieren. Es sei vor allem darum gegangen, zu verhindern, dass die Bundesrepublik Deutschland zur vorherrschenden schwerindustriellen Großmacht in Europa wird. Durch die Montanunion sollte die Kohle des Ruhrgebiets nicht zum Ausbau der Stahlproduktion in Deutschland genutzt werden. Loth verweist auf die damals große Bedeutung der Schwerindustrie und die Sorge der anderen Staaten vor einer wirtschaftlichen Übermacht Deutschlands, die dann auch zu einer politischen Hegemonie führen könnte.
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Gemeinsame Rüstungsproduktion dank EGKS?
Auch der Historiker Michael Gehler sieht die Bilanz der EGKS durchwachsen. Abgesehen vom Regeln der Kohleversorgung habe sie wenig Einfluss auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung gehabt. „Die politisch-psychologische Bedeutung und Wirkung der EGKS sollte jedoch aufgrund der Kontrolle der Rüstungspotenziale Deutschlands und Frankreichs sowie der Schaffung von Sicherheit und Vertrauen nicht unterschätzt werden“, ergänzt Gehler, der als Professor an der Universität Hildesheim lehrt und forscht.
Für ihn könnte die Montanunion Vorbild nicht für ferne Konflikte und Kriege, sondern Europa selbst sein. „Vor dem Hintergrund der aktuellen kriegerischen Entwicklung in Europa und der Welt ist die Bildung einer Europäischen Verteidigungsunion (EVU) der willigen Sieben mit Benelux, Deutschland, Frankreich, Italien und Polen die vordringlichste integrationspolitische Aufgabe“, meint Gehler. Diese könne sich am Aufbau der EGKS ein Beispiel nehmen sowie Zug um Zug weitere Mitglieder aufnehmen.
Die Montanunion war auf 50 Jahre befristet, ihr Vertrag endete 2002. Gehlers Idee für heute: Die sechs damaligen Staaten, Polen und Großbritannien könnten sie als Europäische Stahlunion wiederbeleben mit Blick auf die Herstellung von standardisierten Rüstungsgütern.
Nicola Trenz



