Sprache und Hass
Maß halten und aushalten
Deutschland hat ein wachsendes Problem mit Hassrede. Aber man würde zu kurz greifen, nur diese Seite zu sehen. Mit dem Hass korrespondiert nämlich ein zweites, gegenläufiges Problem – am Ende sind beide schädlich.
Schlagzeile der BILD-Zeitung aus dem Jahr 2008. Wie befreit man sich aus dem ewigen Teufelskreis aus Provokation und Reaktion, Empörung und Übertreibung? Foto: © imago/teutopress
Was ist nur aus dem guten alten Internet geworden, das als gemeinschaftsstiftender Treffpunkt, Spielplatz und Ideenbörse gestartet war? Heute bestimmen leider oft hässliche Schlagzeilen das Online-Geschehen: Sportler werden in den sogenannten sozialen Medien für Niederlagen angefeindet, Kinder im Klassenchat gemobbt, Journalistinnen für ihren ausländisch klingenden Namen auf abscheulichste Weise beleidigt, Politiker mit dem Tod bedroht. Kein Zweifel: Wir haben ein wachsendes Problem mit Hassrede.
Dieses Ausmaß des Vernichtungswillens gegenüber Personen ist beängstigend und destabilisiert unsere Gesellschaft. Aber das ist nur die eine Seite des Problems – sozusagen der unübersehbare „böse Zwilling“ in dem, was kommunikativ schiefläuft in Deutschland. Dem steht als zweite, gegenläufige Entwicklung eine übertriebene Erregungs-, Empörungs- und Zensurkultur gegenüber. Sie ist subtiler und nicht so extrem wie der blanke Hass – aber auf lange Sicht ebenfalls schädlich.
Lustvolle Dramatisierung
Wie bei der Hassrede geht es auch hier um eine unpflegliche bis missbräuchliche Verwendung von Sprache. Zum Beispiel wenn in der Boulevardpresse oder auf Instagram, Tiktok & Co. lustvoll dramatisiert wird: Hat ein Interviewpartner keine aalglatten Antworten gegeben, sondern sich etwas kantiger präsentiert, heißt es schnell, er habe den Fragesteller „angeblafft“; hat seine Antwort eine gewisse Emotionalität enthalten, liest man, er habe „gewütet“ oder sei „ausgetickt“ und „eskaliert“. Äußert er Kritik, hat er gleich gegen jemanden „gepöbelt“, „geätzt“ oder „geschossen“, wenn nicht sogar „gehetzt“.
Am reflexhaften Vorwurf des Hetzens wird ein zweites Symptom erkennbar: die Unfähigkeit, unliebsame kritische Äußerungen auszuhalten. Kritik kann auch mal scharf und polemisch sein, vielleicht ist sie sogar grenzwertig, unberechtigt oder geschmacklos – das macht sie aber noch nicht gleich zur Hetze. „Gegen jemanden hetzen“ bedeutet im Kern: zur Jagd auf jemanden aufrufen, zur Verfolgung anstacheln. Hetze ist das, was Juden in Deutschland in den Jahren ab 1933 widerfahren ist; Hetze ist auch, wenn heute krass antisemitische oder ausländerfeindliche Hasskommentare verbreitet werden – ein Fall für die Justiz. Wenn aber im Internet allenthalben zu lesen ist: „Friedrich Merz hetzt gegen Geflüchtete“ und „Söder hetzt gegen Hartz-IV-Bedürftige“, dann nutzt sich der Begriff ab, wird zur Floskel und trägt am Ende sogar zur Verharmlosung echter Hetze bei.
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Kreisen um Begrifflichkeiten
Ein dritter Befund: obsessives Kreisen um Begrifflichkeiten statt Konzentration auf das Wesentliche. Wer sich in Debatten zu sehr auf einzelne Aussagen des politischen Gegners versteift und diese zum Kern der politischen Auseinandersetzung macht (man denke an „Wir schaffen das!“, „kriegstüchtig“ und „Stadtbild“), versäumt es, die wahren Probleme des Landes zu adressieren. Ja, manche Schlagworte werden zu unbedacht gewählt und zu undifferenziert geäußert – aber wer dies unnötig skandalisiert, anstatt auf einer sachlichen Ebene an der Problemlösung mitzuwirken, auf den fällt ja selbst der Vorwurf zurück, zu instrumentalisieren und Öl ins Feuer zu gießen.
Unser Land braucht Heilung an beiden wunden Punkten: Wir müssen kompromisslos gegen Hass und tatsächliche Hetze vorgehen, Respekt und Anstand vorleben wie auch einfordern – andererseits aber auch Kritik und unbequeme Äußerungen zulassen, offene Debatten führen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Maß halten und aushalten – dann sind wir im Gleichgewicht.



