Gerechtigkeit
20.11.2025

Wenn Worte zu Waffen werden 

Falschinformationen, Diffamierungen, Verschwörungstheorien und persönliche Angriffe: Der Berliner Journalist Eren Güvercin beschreibt, wie er immer öfter zur Zielscheibe des Hasses wird. 
    

In den Sozialen Medien ist die Hemmschwelle für Beleidigungen und Drohungen oft gering. In den Sozialen Medien ist die Hemmschwelle für Beleidigungen und Drohungen oft gering. Foto: © imago/MiS

Als Journalist und Publizist bewegt man sich in der Öffentlichkeit, stellt Fragen, analysiert, kommentiert. Man berichtet über die großen und kleinen Themen, die unsere Gesellschaft bewegen. Doch diese wichtige Rolle in der Demokratie hat ihren Preis: Immer häufiger sehen wir uns nicht nur mit Kritik, sondern mit einer Welle aus Hass und Hetze konfrontiert, die nicht nur einschüchtert, sondern auch verstummen lassen soll. 

Kontroverse Debatten über Themen, die unsere Gesellschaft beschäftigen, sind wichtig für unsere freie Gesellschaft. Je offener die Diskurse sind, um so mehr profitieren wir von einem Meinungsstreit, in der es um Inhalte geht. Aber in den Sozialen Medien beobachten wir in den letzten Jahren eine Entwicklung, über die wir offen reden müssen.  

 Gezielte Entmenschlichung 

Es beginnt oft schleichend: Ein kritischer Kommentar zu einem Artikel, eine abfällige Bemerkung unter einem Social-Media-Beitrag. Doch schnell eskaliert es. Anonyme Drohungen, beleidigende Nachrichten, Mordfantasien – das ist keine Seltenheit mehr im digitalen Posteingang. Plötzlich sind es nicht mehr nur Worte, die man geschrieben hat, die im Fokus stehen, sondern die eigene Person, die Familie, das private Umfeld. Es ist eine gezielte Entmenschlichung, die darauf abzielt, Angst zu säen und zum Schweigen zu bringen.

Die Angreifer operieren oft aus der Anonymität des Netzes heraus. Sie nutzen die scheinbare Straflosigkeit des Internets, um ungehindert ihren Hass zu verbreiten. Dabei bedienen sie sich oft derselben Muster: Falschinformationen, Diffamierungen, Verschwörungstheorien und persönliche Angriffe. Ihre Taktik ist klar: Reputationsschädigung, psychische Belastung und letztlich die Selbstzensur der Betroffenen. Wer möchte schon täglich mit Morddrohungen konfrontiert werden, nur weil er seine Arbeit macht? 
     

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Massive Enthemmung nach

dem 7. Oktober

Seit dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 erlebe ich persönlich eine enorme Verschärfung der Zuschriften über die Sozialen Medien. Gerade weil ich als Muslim die Hamas als das bezeichnet habe, was sie ist, nämlich eine Terrororganisation, und den Antisemitismus in meiner muslimischen Community thematisiere, fühlen sich manche Muslime dazu berufen, mich einzuschüchtern. Manche verstecken sich nicht einmal hinter Fake-Accounts, sondern schreiben mit Klarnamen.  

Das Ziel dieser Personen ist klar: mit Beleidigungen und Drohungen eine unliebsame Person einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Es geht nicht um einen Meinungsstreit oder eine inhaltliche Debatte. Es geht um Erniedrigung und Entmenschlichung. Und muslimische Stimmen, die über das Antisemitismusproblem in der muslimischen Community oder über den Islamismus sprechen, sollen schweigen.


[inne]halten - das Magazin 25/2025

Suche nach Einheit

Papst Leo beschwört am Ort des Konzils von Nizäa die Gemeinschaft der Christen.

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

„Man wird wachsamer“ 

Im Laufe der Jahre legt man sich ein dickes Fell zu und lässt diese Drohungen und Beleidigungen nicht so nah an sich heran. Aber insbesondere die verbale Enthemmung seit dem 7. Oktober 2023 in islamistischen Milieus macht etwas mit einem. Man wird wachsamer, wenn man auf einer Veranstaltung ist, man schaut sich die Menschen im Umfeld genauer an.  

Die Auswirkungen sind verheerend. Es ist nicht nur die individuelle Belastung, die ständige Sorge um die eigene Sicherheit oder die der Liebsten. Es ist auch die Erosion der Medienlandschaft selbst. Wenn Journalisten oder Politiker aus Angst vor Konsequenzen bestimmte Themen meiden oder ihre Meinung nicht mehr frei äußern, leiden die Vielfalt und die Qualität des öffentlichen Diskurses. Es entsteht eine Spirale der Einschüchterung, die dem Fundament unserer freien Gesellschaft schadet. 

Was können wir tun? 

Zunächst ist es unerlässlich, das Problem nicht zu bagatellisieren. Hass und Hetze sind keine Kavaliersdelikte, sondern ernstzunehmende Angriffe auf die Meinungsfreiheit und die Demokratie. Wir müssen diese Vorfälle konsequent dokumentieren und zur Anzeige bringen. Die strafrechtliche Verfolgung ist ein wichtiges Signal, dass der digitale Raum kein rechtsfreier Raum ist. 

Gleichzeitig braucht es mehr Sensibilisierung in der Öffentlichkeit und in den Redaktionen. Kollegen müssen lernen, mit solchen Angriffen umzugehen, psychologische Unterstützung muss angeboten werden und rechtliche Beratung muss jederzeit verfügbar sein. Wir müssen als Gemeinschaft zusammenstehen, uns gegenseitig unterstützen und zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. 

Verantwortung der Plattformbetreiber

Auch die Plattformbetreiber tragen eine immense Verantwortung. Sie müssen endlich effektiver gegen die Verbreitung von Hass und Hetze vorgehen, Meldesysteme verbessern und schneller auf Meldungen reagieren. Das Argument der Meinungsfreiheit kann nicht dazu dienen, strafbare Inhalte zu dulden. Hier sind klare Regeln und deren konsequente Durchsetzung gefragt. 

Der Hass mag laut sein, doch er darf uns nicht zum Schweigen bringen. Im Gegenteil: Er muss uns anspornen, noch lauter für die Werte der Aufklärung, der Toleranz und der Demokratie einzustehen. Denn unsere Worte sind und bleiben unsere mächtigsten Waffen – nicht um zu verletzen, sondern um aufzuklären und zu verbinden. Es ist ein ständiger Kampf, aber einer, den wir führen müssen, um unsere freie Gesellschaft zu bewahren. 

Eren Güvercin 

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