Gerechtigkeit
21.12.2024

Interview mit Theologe Söding

Hat Weihnachten mit Flucht zu tun?

Die Weihnachtsgeschichte ist eng mit Migration und Flucht verbunden – eine 1:1-Ableitung für die Realpolitik heute ist von ihr aber nicht möglich, erklärt Thomas Söding, Vizepräsident des Laien-Dachverbands Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), im Interview. Söding, der zudem Seniorprofessor für das Neue Testament an der Ruhr-Universität Bochum ist, hofft, dass Deutschland nach der Bundestagswahl nicht mit italienischen Verhältnissen konfrontiert ist: „Sonst sind die Kirchen noch ganz anders gefragt als heute.“

Kinder, als Maria und Josef verkleidet, halten die Holzfigur des Jesuskinds in den Armen bei einer Krippenfeier an Heiligabend, 24. Dezember 2018, in Bonn. Kinder, als Maria und Josef verkleidet, halten die Holzfigur des Jesuskinds in den Armen bei einer Krippenfeier an Heiligabend, 24. Dezember 2018, in Bonn. Foto: © Harald Oppitz/KNA

Herr Professor Söding, was hat Weihnachten mit Migration und Flucht zu tun?

Söding: Das Thema Migration gehört zur DNA der Weihnachtsgeschichte. Denn die Heilige Familie muss – alle historisch-kritischen Bedenken außer Acht gelassen – ihre Heimat gen Bethlehem verlassen. Aus dem Osten kommen die Sterndeuter, die diesem neugeborenen Jesuskind Schätze ihrer Heimat mitbringen. Sie werden nicht zurückgewiesen oder verachtet, sie sind willkommen. Sie sind freilich eher Forschungsreisende als Migranten. Die Botschaft ist klar: Auch außerhalb von Bethlehem gibt es Wertvolles, Wichtiges, Großes, Schönes, Duftendes. Später muss die Heilige Familie nach Ägypten fliehen, es ist der Ort ihrer Rettung. Sie wird in der Fremde willkommen geheißen. Jesus und seine Eltern sind also in Bewegung. Sie sind einerseits offen, Menschen aus der Fremde zu empfangen, und sind auf der anderen Seite gezwungen, sich auf den Weg zu machen, sie sind Vertriebene.


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Gastfreundschaft, Offenheit – welche Werte vermittelt die Weihnachtsgeschichte noch?

Das Leitwort von Weihnachten heißt Friede, Friede auf Erden und Gottes Ehre in der Höhe. Diese Botschaft ist aktueller denn je, weil wir weltweit einen ungeheuren Auftrieb an religiös codierter Herrschaft erleben, die Unheil verbreitet. Die Weihnachtsbotschaft handelt aber von einem Gott des Friedens. Dieser Frieden wird von Menschen verbreitet, die ihrerseits verletzlich sind. Sie sind Opfer, die Gottes Kraft verspüren, um Unrecht auszuhalten und nicht mit Hass, sondern mit Segen zu antworten.

Auf der ethischen Ebene sind Werte wie Friedfertigkeit elementar, die sich in der Gastfreundschaft zeigt und in der Fähigkeit, Menschen, die fremd sind, nicht abzuschreiben, sondern auch in ihnen die Nächsten zu erkennen. Und zwar über alle möglichen Grenzen von Religionen, Sprachen und Kulturen hinweg. Das ist keine diffuse Humanität, sondern eine Wahrnehmung aus der Nähe heraus: Ich lasse Fremde an mich herankommen und entdecke in ihnen den Nächsten.

Angesichts der aktuellen Debatten um Migration in Deutschland, der EU oder in den USA könnte man meinen, diese Botschaft wäre in Vergessenheit geraten. Ist Weihnachten zu reiner Folklore geworden?

Nicht ganz. Weihnachten ist auch die Zeit der großen Spendenaktionen. Sie sind ein Ausdruck von Barmherzigkeit, manchmal sentimental, manchmal ehrlich. Es spricht auch nichts gegen Folklore – und auch nichts dagegen, Weihnachten in der Familie zu feiern, obwohl wir leider sehen, dass es gerade Weihnachten viel Gewalt im engsten Kreis gibt. Ich bin aber überzeugt, dass die Beschäftigung mit den religiösen Wurzeln des Festes helfen kann. Aus dem Weihnachtsgottesdienst geht niemand aggressiv heraus.

In der Migrationsdebatte positionieren sich die Christdemokraten hart. Passt das noch zum „C“?

Eine 1:1-Ableitung für die Realpolitik sollte man aus dem Weihnachtsevangelium nicht machen. Dennoch ist es ein hochpolitischer Text, weil das Augenmerk auf die Kleinen gerichtet wird. Ich fordere mit dem Weihnachtsevangelium im Rücken zweierlei von der Politik. Erstens: Geflüchtete nicht zu Sündenböcken zu machen und ihnen die Schuld für Probleme in die Schuhe zu schieben, von denen die gesamte Gesellschaft umgetrieben wird, zum Beispiel knapper Wohnraum. Das passiert leider, sehr stark vor allem bei der AfD und auch beim BSW. Zweitens: Realistische Lösungen anbieten, die der Menschwürde entsprechen, rechtlich und ethisch. Da gibt es leider Ausfälle, auch in der politischen Mitte. Das bereitet mir Sorge, weil es den gesellschaftlichen Frieden gefährdet.

Sehen Sie die „C“-Partei an dieser Stelle besonders in der Pflicht? Immerhin könnte die CDU den künftigen Kanzler stellen.

Klar, wer das „C“ im Namen führt, muss sich den Ansprüchen des christlichen Evangeliums stellen. Aber ein CDU- oder CSU-Bashing ist nicht angebracht. Es gibt echte Probleme, die gelöst werden müssen. Dass die Lösungen in Ruanda liegen, bezweifle ich aber. Wer ernsthaft Politik betreibt, muss zum Differenzieren in der Lage sein.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, dessen Vizepräsident Sie sind, hat mit Blick auf den anstehenden Bundestagswahlkampf zu einer sachlichen Debatte in Migrationsfragen gemahnt. Daran gab es auch Kritik.

Wir haben im ZdK Flagge gezeigt: für die Geltung der Menschenrechte, gegen Ausländerhass, gegen die Sündenbockrhetorik. Ja, es wurde kritisiert, dass wir die Umsetzungsprobleme unserer Forderungen nicht genügend reflektiert hätten. Wir bleiben aber am Ball und arbeiten das Thema in unseren Wahlprüfsteinen auf. Wir als ZdK haben vor allem eine Verantwortung: Wir müssen Mehrheiten für den Schutz von Minderheiten beschaffen. Wir müssen die Orte suchen, an denen wir Wirkung erzielen können. Das ist auch der Marktplatz. Das ist aber ebenso die oft geschmähte Amtsstube, in der sauber gearbeitet wird. Wir müssen die Integrationsanstrengungen unterstützen, der Schlüssel dafür ist Bildung. Ich finde sehr gut, wie viel ehrenamtliches Engagement es bereits gibt, gerade in den Kirchen.

Außenpolitisch sind Appelle wichtig, damit der Kompass nicht verloren geht. Aber wichtiger ist die Umsetzung. Das geht nur mit Europa. Die christliche Gemeinschaft Sant’Egidio richtet humanitäre Korridore für geflüchtete Menschen aus anderen Ländern nach Italien ein – weil die Politik dort nicht konstruktiv ist. Ich setze darauf, dass wir in Deutschland nach der nächsten Bundestagswahl nicht solche Rahmenbedingungen bekommen werden. Sonst sind die Kirchen noch ganz anders gefragt als heute.

Müssen sich dafür auch Amtsträger der Kirche, die Bischöfe, mehr Gehör verschaffen?

Es ist keine Frage der Lautstärke, wir haben schon zu viele Lautsprecher in der politischen Arena. Der Ton macht die Musik. Dazu gehört, dass man klar die Mitmenschlichkeit zum Ausdruck bringt. Die Aufgabe der Kirche ist die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, aber auch der Öffnung für internationale Solidarität. Forderungen und Bekundungen guten Willens reichen nicht.

Die Kirche muss auf zwei Ebenen politisch aktiv werden: Erstens kommt es darauf an, dass sie der Treiber für ehrenamtliches Engagement in der gesamten Gesellschaft bleibt. Zweitens muss sie eine Politik unterstützen, die den Menschen keine Angst macht, aber auch keine Illusionen. Dazu gehört Unterscheidungsfähigkeit. Wir sollen allen Menschen Gutes wünschen, können aber nicht allen Menschen Gutes tun. Deshalb müssen wir uns auf das konzentrieren, was uns fordert, aber nicht überfordert: menschliche Lösungen.

Interview: Hannah Schmitz

KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
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