Beziehung
02.06.2026

Mit Segen, ohne Kirche: Wenn Abschiede und Trauungen frei gestaltet werden

Susanne Frieters ist Theologin und gestaltet freie Trauungen und Beerdigungen. Sie erlebt: Der Verzicht auf kirchliche Rituale hat selten mit fehlendem Glauben zu tun.
    

Eine freie Trauung ist für die katholische Theologin nicht unbedingt unchristlich. Eine freie Trauung ist für die katholische Theologin nicht unbedingt unchristlich. Foto: © Andrii Oleksiienko – stock.adobe.com

Susanne Frieters ist katholische Theologin, Anfang der 1990er Jahre hat sie an der Universität Münster ihr Diplom gemacht. Für die Kirche hat sie nie gearbeitet – zu der Zeit waren theologische Arbeitsplätze rar. Deshalb freut sie sich umso mehr, heute etwas zu machen, was dem ziemlich nahekommt: „Ich begleite Menschen in besonders schönen oder besonders schwierigen Lebensabschnitten. Ich mache das in großer Freiheit und muss mich nicht streiten, was ich dabei tun darf und was nicht. Für mich ist das ein sehr erfüllender Beruf.“

Freie Trauerfeiern und Rituale im Aufwind 

Und einer, der wächst. „In den letzten zehn Jahren sind freie Rituale normal geworden“, sagt Frieters. Regelmäßig werde sie über Bestattungshäuser angefragt. „Katholisch, evangelisch, frei – das sind heute gleichwertige Varianten.“ Und das, obwohl man sie bezahlen muss und einen Pastor nicht. 400 Euro berechnet sie für eine Beerdigung. „Aber das ist es Leuten offenbar wert.“ Sogar wenn sie kirchlich bestattet werden könnten. Denn die neueste Kirchenstatistik ergab, dass rund ein Drittel der katholischen Kirchenmitglieder nicht mehr katholisch beigesetzt werden. Ein erstaunlicher Wert, der sich aber mit der Erfahrung der Trauerrednerin deckt. Sie sagt: „Mir erzählen immer wieder Menschen, dass sie eine katholische Beerdigung erlebt haben und sagen: So will ich das nicht!“ Oder auch umgekehrt: „Sie waren als Nachbar oder Verwandte bei einer freien Feier und fanden es passend und schön.“ 

Warum freie Rituale nicht unchristlich sind 

Auch, weil frei nicht unbedingt unchristlich bedeutet. „Ich frage bei jedem Trauergespräch, ob auch gebetet oder ein Segen gesprochen werden soll“, sagt Frieters, die sich auf ihrer Homepage ausdrücklich als Theologin präsentiert. „Drei Viertel der Familien wollen es.“ Das Vaterunser, ein Segen, manchmal ein Lied. „Von guten Mächten“, „Möge die Straße“ oder auch ein Ave Maria würden häufiger gewünscht. Dass das Lied dann in der Regel vom Band kommt und nicht selbst gesungen wird, störe niemanden, sagt Frieters: „Singen klappt bei Beerdigungen meist sowieso nicht gut.“

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Warum kirchliche Rituale für viele 
fremd geworden sind 

Was aber ist es, das freie Rituale zunehmend beliebt macht? Frieters sagt: „Das Erste ist wahrscheinlich, dass die kirchlichen Rituale fremd geworden sind.“ Statt wie früher Halt zu geben, würden sie manche Menschen eher verwirren, manchmal sogar abstoßen: „Wer seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr in der Kirche war, versteht einfach nicht, was da gemacht und was da gesagt wird.“ Das Zweite sei, dass sie für die Leute oft „mehr Nähe und mehr Zeit“ mitbringe als Priester, die im Alltag mit Aufgaben überhäuft sind. Zudem habe das katholische Ritual oft ausschließlich die Verstorbenen im Blick, sagt Frieters: „Alles ist darauf ausgelegt, diese ins Himmelreich zu führen.“ Sie hingegen habe auch die Trauernden im Blick: „Und das merken die.“

Hinzu kommt, sagt Frieters, dass viele Menschen „die kirchlichen Einschränkungen“ nicht mehr hinnehmen würden. Damit sind nicht nur kirchenrechtliche Vorschriften gemeint; es fängt viel alltäglicher an. „Da gibt es zeitliche Einschränkungen, an welchen Tagen oder zu welchen Uhrzeiten getraut oder beerdigt wird“, erzählt sie. „Oder dass Trauungen nicht an einem Ort nach Wahl stattfinden können, zum Beispiel draußen oder dort, wo hinterher auch gefeiert wird.“ Oder es gibt Einschränkungen in der Auswahl der Lieder oder Texte. „Für all das mag es Gründe geben“, sagt Frieters, „aber die Leute verstehen sie nicht und akzeptieren sie nicht.“ Denn das katholische Sakrament ist vielen nicht mehr wichtig. Was jeder merkt, der darauf achtet, wie viele – oder wie wenige – Hochzeiten noch in der eigenen Kirchengemeinde stattfinden.

Zwischen Instagram-Klischee 
und echter Verbindlichkeit 

Der Unterstellung, es gehe Paaren nur um eine tolle Location, die schöne Bilder für Instagram garantiert, widerspricht die Theologin. „Ich spüre schon eine große Verbindlichkeit, wenn sie selbst ihr Trauversprechen formulieren und sich viele Gedanken machen“, sagt Frieters. Überhaupt sei es früher doch auch oft so gewesen: „Da haben manche Paare vor allem deshalb in der Kirche geheiratet, weil es eine tolle Location ist. Der Unterschied ist nur, dass es heute Alternativen gibt.“ Die nutzen – so sagen es Branchenumfragen – rund ein Drittel aller Brautpaare.

Wie Menschen auf freie Feiern reagieren  

Und wie sind die Reaktionen auf diese Feiern – etwa von der katholischen Oma der Braut oder dem kirchlich engagierten Nachbarn bei der Trauerfeier? Frieters überlegt. Dann sagt sie: „Auch wenn es jemandem vielleicht nicht gefallen hat: dass der hinterher zu mir kommt und sagt: Das war aber blöd!, das gibt es nicht.“ Andererseits gebe es durchaus positive Reaktionen – gerade dann, wenn etwa bei einer Feier auch christliche Elemente vorkommen. „Dann sagt schon mal jemand: ‚So mit Segen und Gebet – das war ja schöner, als ich erwartet hatte!‘“ 

Susanne Haverkamp
Artikel von Susanne Haverkamp
Theologin und Journalistin
Sie ist ein Kind des Ruhrgebiets, inzwischen in der norddeutschen Tiefebene zu Hause, Mutter zweier ziemlich erwachsener Kinder und genauso gern in Bewegung wie mit einem Buch im Liegestuhl. Beruflich schätzt sie den Austausch mit Leserinnen und Lesern, die Glaube und Kirche kritisch, aber wohlwollend hinterfragen.