Das waren die ersten Amerikaner
Die Geschichte der USA beginnt nicht 1620 oder 1776, sondern Jahrtausende früher. Indigene Völker leben seit jeher auf dem Kontinent – ihre Geschichte prägt das Land bis heute, auch wenn das nicht jeder wahrhaben will.
Frauen vom Stamm der Lakota, Aufnahme aus dem Jahr 1891. Foto: © imago/Bridgeman Images
2025 startete das US-Heimatschutzministerium unter der Trump-Regierung die „Operation Metro Surge“. Mehr als 3.000 Bundesbeamte wurden in den Großraum Minneapolis-Saint Paul entsandt, um Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus festzunehmen. Wen traf es auch? Die Angehörigen anerkannter indigener Stammesnationen.
Das Büro der Navajo-Nation wurde im Januar 2025 mit Anrufen von Stammesangehörigen überschwemmt, die außerhalb des Reservats leben. Viele berichteten, dass sie von Einwanderungskontrolleuren des ICE zu ihrer Identität befragt worden seien, wie Native News Online damals berichtete.
Geschichte vor der Geschichte
Für viele US-Amerikaner beginnt die Geschichte ihres Landes erst mit der Ankunft der Pilgerväter 1620, den englischen Kolonien oder der Unabhängigkeitserklärung 1776. Dabei lebten auf dem nordamerikanischen Kontinent schon seit Jahrtausenden Menschen, lange bevor europäische Schiffe an seinen Küsten ankerten. Die Geschichte der indigenen Völker Nordamerikas ist daher nicht nur ein Kapitel der US-Geschichte – sie ist ihr Anfang.
Als die ersten Europäer im 16. Jahrhundert in größerer Zahl nach Nordamerika kamen, war das Land keineswegs dünn besiedelt. Hunderte unterschiedliche Völker mit eigenen Sprachen, Religionen und politischen Strukturen lebten zwischen Atlantik und Pazifik. Die Münsteraner Historikerin Heike Bungert geht von fünf bis sieben Millionen indianischen Menschen in 600 bis 700 Stammesgruppen aus.
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Europäer brachten Tod und Krieg
Die Ankunft der Europäer veränderte diese Welt grundlegend. Wie in Mittel- und Südamerika breiteten sich auch in Nordamerika eingeschleppte Krankheiten wie Pocken, Masern und Influenza unter den indigenen Gemeinschaften aus, die zuvor keinen Kontakt mit diesen Erregern gehabt hatten. Historiker gehen davon aus, dass die Bevölkerung in manchen Regionen binnen weniger Generationen um bis zu 90 Prozent zurückging. Die verheerenden Epidemien schwächten zahlreiche Gesellschaften erheblich und erleichterten gemeinsam mit militärischer Gewalt und kolonialer Expansion die europäische Eroberung des Kontinents.
Mit dem Wachstum der europäischen Siedlungen nahm auch der Druck auf die indigenen Völker zu. Land wurde beschlagnahmt, Verträge wurden geschlossen und häufig gebrochen; Konflikte eskalierten zu Kriegen. Besonders einschneidend war die Politik der Zwangsumsiedlung im 19. Jahrhundert. US-Präsident Andrew Jackson unterzeichnete 1830 den sogenannten Indian Removal Act, der die Vertreibung zahlreicher Stämme aus dem Südosten der Vereinigten Staaten vorsah.
Vertreibung vom Stammesland
Berühmt geworden ist vor allem der „Trail of Tears“ (Pfad der Tränen). Auf Grundlage des „Indian Removal Act“ wurden die Cherokee sowie andere Völker des Südostens der USA, darunter Creek, Choctaw, Chickasaw und Seminolen, in den 1830er und 40er Jahren gewaltsam ins heutige Oklahoma umgesiedelt. Hunger, Krankheiten, Erschöpfung und Kälte forderten auf den Märschen viele Todesopfer. Allein unter den Cherokee starben Schätzungen zufolge rund 4.000 Menschen.
Mit der Ausdehnung der USA nach Westen verschärften sich die Konflikte weiter. Goldfunde, Eisenbahnbau und die Besiedlung neuer Gebiete führten zu einer Reihe von Kriegen zwischen der Armee und indigenen Nationen. Zwar gelang den Lakota und ihren Verbündeten 1876 in der Schlacht am Little Bighorn ein spektakulärer Sieg gegen die Truppen von General George Custer. Langfristig konnten sie die Expansion der Vereinigten Staaten jedoch nicht aufhalten. Als Symbol für das Ende des militärischen Widerstands gilt das Massaker am Wounded Knee 1890. US-Soldaten töteten mehr als 200 Lakota-Männer, Frauen und Kinder. Für viele Historiker markiert das Ereignis das Ende der sogenannten Indianerkriege.
Erst seit 1924 Staatsbürger
Doch die Unterdrückung endete nicht mit den Kriegen und Vertreibungen. Ab dem späten 19. Jahrhundert setzte die US-Regierung auf Zwangsassimilation. Indigene Kinder wurden in Internatsschulen untergebracht, wo sie ihre Sprache und Kultur aufgeben sollten. Viele erlebten dort Gewalt, Misshandlungen und den Verlust ihrer kulturellen Wurzeln. Die langfristigen Folgen dieser Politik sind bis heute in vielen Gemeinschaften spürbar und werden inzwischen öffentlich aufgearbeitet.
Erst 1924 erhielten alle Indigenen die US-Staatsbürgerschaft. In den folgenden Jahrzehnten begannen viele Gemeinschaften, verstärkt für ihre Rechte einzutreten. Besonders in den 1960er und 70er Jahren entstanden Bürgerrechtsbewegungen, die gegen Diskriminierung protestierten und mehr politische Selbstbestimmung forderten.
Die Probleme heute
Heute leben in den USA rund zehn Millionen Menschen, die sich ganz oder teilweise als indigene Amerikaner verstehen. Mehr als 570 Stämme sind auf Bundesebene anerkannt und verfügen vielfach über eigene Verwaltungen, Gerichte und Polizei. Dennoch prägen Armut, Gesundheitsprobleme und die Folgen historischer Benachteiligung viele Gemeinschaften bis heute.
In vielen Reservaten liegen Einkommen und Lebenserwartung unter dem US-Durchschnitt. Viele Gemeinschaften sehen sich zudem mit Arbeitslosigkeit, eingeschränkter Gesundheitsversorgung und Infrastrukturproblemen konfrontiert. Gleichzeitig dauern Konflikte um Landrechte, Rohstoffabbau und den Schutz heiliger Stätten an. Immer wieder kommt es zu Protesten indigener Gruppen gegen Pipeline- und Bergbauprojekte auf traditionellem Stammesgebiet.
Trotz allem: eine kulturelle Erneuerung
Gleichzeitig gibt es in vielen indigenen Gemeinschaften in den USA Bemühungen um kulturelle Erneuerung. Sprachen werden in Bildungsprogrammen und Gemeinden wieder stärker vermittelt, Traditionen gepflegt und historische Ungerechtigkeiten aufgearbeitet. Die Ernennung von Deb Haaland zur ersten indigenen Innenministerin der USA 2021 wurde weithin als symbolischer Meilenstein gewertet.
Die Geschichte der indigenen Völker in den USA ist daher mehr als eine Geschichte von Verlust und Unterdrückung. Sie erzählt auch von Beharrlichkeit, kultureller Selbstbehauptung und dem langen Kampf um Anerkennung.
Christiane Laudage



