Inventur

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Buchprofile - Rezension
Was die stummen Dinge wissen: Jens Wonnebergers Miniaturen fangen Alltags-Kleinigkeiten ein.
Eine Inventur: Das heißt Aufräumen und Neuordnen, Bestände sichten und Bilanzen ziehen. Jens Wonnebergers Interesse gilt aber nicht einem geschäftlichen Ganzen. Er richtet einen genuin poetischen, also entdeckungsfreudigen Blick auf die unscheinbaren Dinge, die man so lange bei sich herumliegen hat, bis man, immer nahe dran, sie wegzuwerfen, auf einmal über ihren Zweck, über die Herkunft und über ihre Geschichte nachzudenken beginnt. Solche Dinge, die im Dienste einer anderen Sache stehen, fallen dem Autor in nächster Nähe auf, zumeist in seinem Zimmer. Wonneberger macht sie sich in skizzenhaften Darstellungen zuhanden. Mit umkreisenden, einfangenden, fast lassoartigen Aktionen bringt er sie zum Sprechen. Und siehe, da, der Tintenklecks auf dem Boden einer Schreibtischschublade entfacht die Fantasie und wächst zu Eis- oder Südseeinseln aus. Der sperrige Eichenbücherschrank mit seinen drachenartig fauchenden Türen, der aus einem enteigneten NS-Rittergut stammt und Bombardements und Plünderungen überstanden hat, gibt seine Herkunft nur rätselhaft preis. Nach Ausflügen der Einbildungskraft zu alten Radioapparaten, zu Leimtopf, Mangeltüchern und Fotoalbum kehrt der Reigen der Ding-Geschichten schließlich zum Anfang zurück: Ganz hinten in der Schublade des Schreibtischs steckt eine Patronenhülse mit verbogener Schnute. Was hat sie geborgen, und wohin ging der Schuss los: auf ein Nashorn oder einen Feind, auf eine Zielscheibe – oder nach hinten? Der Dichter als Spurenleser der kleinen Dinge: Diese Prosa-Miniaturen über ‚pflichtbewussten‘ Kleinigkeiten sind ein kurzweiliges Lesevergnügen.
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Artikelbeschreibung

Der Tintenklecks als Abstoßpunkt ins Meer der Fantasie, die Fotografien, auf denen alle gleich (alt) und bürgerlich aussehen, die Abendzigarette vor dem Haus, die einer Askese eher gleicht als einer Sucht, die Spieluhr, die noch einmal klimpert, der Volksempfänger, der noch einmal brüllt; der Haken des Selbstmörders neben dem Kronleuchter. Die Dinge stehen für das Schweigen ihrer einstigen Besitzer und müssen doch eine ganze Menge "wissen". Genau und beharrlich betrachtet öffnen sie sich und geben dieses Wissen preis.Wunderbare Miniaturen spinnen sich mühelos zu einer Erzählung, die an Welthaltigkeit einem Roman in nichts nachsteht. Jede Generation hat irgendwann ihre gute alte Zeit! In diesem privaten Raum, in der Wohnung des Autors spiegeln sich die großen Umwälzungen der Zeit. Und stets bricht das Gelesene in die Erinnerung ein, die Liebe zur Literatur, und färbt das Private, das Persönliche neu.

Produktsicherheit

Hersteller: Müry Salzmann Verlag
Anschrift: Rainbergstraße 3c
AT-5020 Salzburg
Kontakt: office@muerysalzmann.at

Personeninformation

Jens Wonneberger, geboren 1960, lebt in Dresden. Seit 1992 freiberuflicher Autor und Redakteur. Diverse Stipendien, 2010 Sächsischer Literaturpreis, 2017 Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds und 2018 London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds. Zahlreiche Romane, Erzählungen und Sachbücher.
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