Rituale
11.10.2024

Pilgern für alle

Pilgern ist in der Regel den Menschen vorbehalten, die ihr Leben selbstbestimmt führen können. Wer auf das Wohlwollen anderer angewiesen ist, hat wenig Chancen, wertvolle Pilgererfahrungen zu sammeln. Initiativen wie das Malteser-Projekt "Pilgern trotzDEMenz" in München und das Pilger-Projekt des Vereins Magdala für Menschen am Rande der Gesellschaft im nordfranzösischen Lille möchten das ändern.

Pilger mit und ohne Demenz auf dem Jakobsweg entlang der Münchner Isar. Pilger mit und ohne Demenz auf dem Jakobsweg entlang der Münchner Isar. Foto: © Martina Watzlaw

Herbert ist erschöpft, aber glücklich. Gemeinsam steht er mit seiner Frau in der Wallfahrtskirche Sankt Anna im Münchner Stadtteil Harlaching und singt ein irisches Segenslied. Hinter ihm liegen acht Kilometer auf dem Münchner Jakobsweg. Dass Herbert die Pilgerwanderung geschafft hat, zeigt ihm, dass er es noch kann, das Pilgern, auch wenn er durch seine dementielle Erkrankung schon etwas eingeschränkt ist. Der Pilgerweg von der Jakobskirche am Anger, entlang an der Isar und durch die Isarauen, vorbei am Tierpark bis zum steilen Anstieg hinauf zur Sankt Anna Kirche, hat Erinnerungen in ihm freigesetzt. Plötzlich weiß er wieder, was es heißt, spirituelle Gemeinschaft zu erleben. Am besten habe ihm die Gesellschaft der Mitpilgernden gefallen, „die im Prinzip dasselbe denken und glauben wie ich“, resümiert er den Tag.


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Spirituelle Gemeinschaft bereichert das Leben von Menschen mit Demenz

Es sei nicht die erste Pilgerreise gewesen, die er seit seiner Alzheimer-Diagnose unternommen habe, ergänzt der rüstige Senior. Seine Frau sei mit ihm schon zwei Mal in der Schweiz gewesen, wo beide auf geführten Pilgerreisen ebenfalls ein Stück des Jakobswegs zurückgelegt hätten. Und solange er kann, möchte er weiterpilgern. Die Demenz schränke ihn zwar ein, erklärt er. Im Prinzip sei beim Pilgern aber alles beim Alten geblieben: „Ich gehe mit, und wenn gebetet wird, bete ich einfach mit, und wenn geratscht wird, ratsche ich mit“. Wenn dann noch schönes Wetter und eine gute Wirtschaft zum Mittagessen dazu kommen, sei die Pilgerreise für ihn perfekt.

So wie Herbert geht es vielen Betroffenen, die sich in der Frühphase der Demenz befinden. Sie können noch vieles unternehmen, wenn es entsprechende Angebote gibt. Das weiß auch Martina Watzlaw. Seit elf Jahren schon leitet sie die Fachstelle für pflegende Angehörige der Malteser in München. Und sie ist jedes Jahr selbst auf dem Jakobsweg unterwegs. Dort kam ihr irgendwann der Gedanke, dass man doch auch mit dementen Menschen pilgern gehen könnte. Das Rausgehen, die gemeinsamen Unternehmungen mit dementiell Erkrankten, das komme bislang viel zu kurz, meint Watzlaw. „Die Einsamkeit von Menschen mit Demenz ist so präsent. Diese Menschen müssen raus, die darf man nicht verstecken“.

Pilgern mit dementiell Erkrankten bedeutet auch Barrieren zu überwinden

Nach der Idee, in München ein kleines Stück des Jakobswegs zu pilgern, ging es dann in die Planungsphase. Denn nur loslaufen ginge mit dementiell erkrankten Menschen nicht, erklärt Watzlaw. Wenn man für Menschen mit Einschränkungen plane, schaue man alles mit anderen Augen an: „Wo sind Stolperfallen, wo muss man aufpassen und vielleicht einen anderen Weg gehen. Wo ist die nächste Bushaltestelle, dass man notfalls abbrechen könnte?“ Das alles sei in der Vorbereitung für das Malteser Projekt "Pilgern trotzDEMenz" zu berücksichtigen gewesen.

Die Mühe hat sich gelohnt, da sind sich am Ende der dreistündigen Pilgerwanderung alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig. Jede und jeder, egal ob mit oder ohne Demenz, hätte bei dieser Form des Pilgerns eine spirituelle Erfahrung gemacht, findet Seelsorgerin Marion Mauer-Diesch, die die Pilgergruppe geistlich begleitet hat. Vom Pilgern gesegnet zu sein, bedeute für alle, gestärkt in den Alltag zurückzukehren. „Das hat mich ermutigt, das hat Zukunft“, so Mauer-Diesch.

Magdala: Pilgern als Hoffnung für Menschen in Not

Für das Malteser Projekt "Pilgern trotzDEMenz" war es heuer eine Premiere. Der katholische Verein Magdala im französischen Lille macht hingegen schon seit einigen Jahren ähnliche Erfahrungen, auch wenn die Zielgruppe eine andere ist als in München. 1986 wurde die katholische Initiative ins Leben gerufen, die sich um Menschen am Rand der Gesellschaft kümmert: Langzeitarbeitslose, Ausgegrenzte, Menschen in Not sollen ermuntert werden, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Dazu erhalten sie vom Verein verschiedene soziale Hilfestellungen.

Aber auch spirituelle Angebote prägen das Leben der aus Spenden finanzierten Organisation, in der sich neben 13 Hauptamtlichen auch gut 80 Ehrenamtliche engagieren. Passend zur Devise des Vereins „Lève-toi et marche“, „Steh‘ auf und geh‘“, wurde 2016 ein Pilger-Projekt ins Leben gerufen, das es sich zum Ziel gesetzt hat, mit Menschen in Not von Lille aus jedes Jahr ein Stück des Jakobswegs Richtung Santiago de Compostela zu gehen.

Marion Dancoisne ist einen Teil des Weges im vergangenen Jahr mitgepilgert. Sie arbeitet in der Tagesbetreuung des Vereins. Hier sei ursprünglich nach einer Lourdes-Fahrt die Idee für das Pilgerprojekt entstanden, erzählt die 34-Jährige. Die Herausforderung des Projekts bestehe darin, dass keiner der Teilnehmer sich ohne die Initiative des Vereins eine Pilgerreise leisten könne, erklärt Marion Dancoisne. Einige hätten zwar eine Wohnung, aber kein Geld, andere seien obdachlos und lebten von der Hand in den Mund. Trotzdem hätten sich bis zu zehn Menschen aus prekären Verhältnissen jedes Jahr mit den Ehrenamtlichen auf die Pilgerreise Richtung Süden begeben.

Pilger des Pilger-Projekts Magdala auf dem Jakobsweg in Frankreich. Pilger des Pilger-Projekts Magdala auf dem Jakobsweg in Frankreich. Foto: © Association Magdala

Pilgerreise als Quelle der Kraft: Wie das Pilgern Perspektiven eröffnet

Wer auf die einwöchige Pilgerfahrt mitgeht, müsse nicht Christ sein, betont Marion Dancoisne. Jeder Pilgertag beginne am Morgen mit einem Text, den man dann in der Stille auf dem Pilgerweg in der Natur meditieren könne. Das müsse nicht unbedingt eine christliche Lesung sein. Das Erstaunliche daran sei: „Jeder genießt dieses Still-Sein, egal ob arm oder reich. Es geht um die Wertschätzung des Augenblicks“. Diese Praxis ermögliche es auch, Menschen aus anderen Religionen zu integrieren. So wie Said, der Muslim ist und im vergangenen Jahr dabei war. Er habe beim Pilgern viele Gemeinsamkeiten mit seiner Religion entdeckt.

Auch sie selbst sei vom Pilgern mit Menschen in Not beschenkt worden, erzählt Marion Dancoisne. In dieser Zeit werde man zu einer kleinen Familie. Es seien die „Momente des Teilens“, durch die man selbst reich beschenkt werde. Manche Teilnehmer seien noch nie in ein Restaurant gegangen, hätten noch nie die Berge gesehen. Es sei toll gewesen, sie staunen zu sehen, schwärmt Marion Dancoisne.

Innehalten-Leseempfehlung

Pilger-Projekt Magdala kämpft um Fortsetzung der Jakobsweg-Initiative

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es dann aber doch: Niemand kann sicher sagen, ob das Pilger-Projekt jemals in Santiago ankommen wird. Denn es muss jedes Jahr aufs Neue mit verschiedenen Aktionen Geld dafür gesammelt werden. Noch ist die Finanzierung für die Pilgerstrecke im kommenden Jahr nicht gesichert. Marion Dancoisne ist dennoch optimistisch: „Diejenigen, die bereits auf dem Jakobsweg gepilgert sind, haben dabei auch die Kraft bekommen, Projekte in der Zukunft anzugehen, auch wenn das bislang nicht zu den Erfahrungen ihres prekären Lebens gehörte. Deshalb wollen wir dieses Projekt in Magdala fortsetzen“.

Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management