Warum ich gern „wild“ pilgere
Im Heiligen Jahr 2025 denken viele Katholiken darüber nach, eine Pilgerreise zu unternehmen. Aber was bedeutet es eigentlich, zu pilgern? Zwischen einem organisierten „Jakobsweg aus dem Katalog“ und einem individuellen Aufbruch liegen oft Welten.
Einfach drauflos – pilgern kann man beinahe überall. Foto: © SMB/Burghardt
Pilgern ist in. Und was in ist, kann man in der Regel auch kaufen. Oder buchen. Folgerichtig findet sich auch der bekannteste aller Pilgerwege, der Jakobsweg, im Programm unzähliger Reiseveranstalter. Und zwar mit Angeboten wie diesen: „Alles organisiert“ – „Gepäcktransport inklusive“ – „handverlesene Unterkünfte“ – „Premium-Erlebnis“ – „5 % Early Bird Rabatt“. Das spirituelle Erlebnis als Rundum-sorglos-Paket! Gern auch etappenweise über mehrere Jahre verteilt, sodass man sich ganz arbeitgeberfreundlich an das Fernziel Santiago de Compostela herantasten, quasi scheibchenweise der Wahrheit annähern kann ...
Nur selbst zu Fuß gehen muss man dabei noch. Wobei: Wer sucht, findet auch Jakobswegreisen mit Bahn- und Busunterstützung – so wird das Ganze zum maximal entspannten und genussintensiven Kultur-Sightseeing, bei dem nicht mehr allzu viele Schweißtropfen fließen. Der höchste Grad von Komfort-Mentalität aber zeigt sich bei einem Veranstalter, der allen Ernstes mit einem „Jakobsweg ohne Überraschungen“ wirbt. Was daran diskussionswürdig ist? Finde den Fehler … Na, klingelt’s?
Der Jakobsweg ist zu Recht ein großes Faszinosum
An dieser Stelle wird es Zeit für ein klärendes Wort: Nein, hier soll nicht schlecht über den Jakobsweg an sich geredet werden. Trotz allem Massentourismus ist jener uralte europäische Kulturweg, jenes spirituell so aufgeladene sternförmige Wegenetz, jener Pfad der Träume auch heute noch zu Recht ein großes Faszinosum. Auch Rom, im Heiligen Jahr 2025 noch mehr Magnet als ohnehin, ist und bleibt ein einzigartiger Sehnsuchtsort. Ebenso wenig soll die Berechtigung von organisierten Studien- und Städtereisen in Abrede gestellt werden. Ist es doch völlig legitim, in den Genuss all jener organisatorischen, finanziellen und psychologischen Vorteile kommen zu wollen, die man eben nur bei professioneller Vorab-Planung und ab einer gewissen Gruppengröße erhält.
Aber bevor man tatsächlich auf „Jetzt kostenpflichtig buchen“ klickt, lohnt es sich, die Frage zu stellen, was man wirklich will und worum es beim Pilgern eigentlich geht. Was sind Sinn und Essenz des Pilgerns? Was bedeutet es, zu pilgern?
Sich beim Pilgern von Altbekanntem lösen
Ein Blick auf die Wortherkunft führt zum lateinischen peregrinus – „fremd“. Ein Pilger ist also jemand, der für eine bestimmte Zeit „fremdelt“, in die Fremde geht – weg von zu Hause, hinaus in die Ferne. Doch es wäre zu kurz gegriffen, das Pilgern nur geografisch im Sinne einer möglichst großen Entfernung vom eigenen Wohnort zu verstehen. Zum Pilgern gehört nämlich auch, sich von Altbekanntem zu lösen und sich mit Neuem zu konfrontieren. Davon gibt es auch in der Nähe genug: räumlich, weil wir unsere eigene Umgebung oft bereits nach wenigen Kilometern nicht mehr wirklich kennen, aber auch innerlich, da in uns bekanntermaßen viel Vernachlässigtes, Verdrängtes und Verkümmertes schlummert.
Im weiteren Sinn ist ein Pilger daher jemand, der Neuland betritt. Der etwas wagt. Der aus seiner Komfortzone herauskommt. Der Routinen abstreift und aus dem Alltag ausbricht. Der aufbricht – und in dem etwas aufbricht! Der in Kauf nimmt, dass die nahe oder ferne, die innere oder äußere Fremde in ihm Verunsicherung und Zweifel auslöst. Der sich vielleicht sogar selbst ein wenig fremd wird – und sich so neu kennenlernt.
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Ein äußerer und ein innerer Weg
In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Pilgern fundamental von einer Reise, die nur in beobachtender oder konsumierender Haltung unternommen wird. Beim Pilgern geht es nicht vorrangig darum, ein Programm abzuarbeiten, an einem bestimmten Ort physisch vorstellig zu werden, Beweisfotos zu machen und ungerührt wieder abzureisen („Leute, ich hab den Lateran im Kasten, wir können weiter!“). Denn nicht nur das Ziel, sondern vor allem der Weg dorthin ist entscheidend, und im besten Fall sind es zwei Wege, die gleichzeitig beschritten werden: ein äußerer und ein innerer.
Anders als so mancher Tourist verharre ich beim Pilgern nicht in innerlicher Distanz zur Destination, die ich buche, bereise und bewerte, sondern ich selbst werde Teil des Wegs, den ich gehe, und der Weg wird ein Teil von mir. Unterwegs entdecke ich Zeichenhaftes und Bedeutungsvolles, das auf mein Leben verweist. So wird der äußere Weg, den ich pilgernd gehe, zur Chiffre für meinen Lebensweg, der mein eigentlicher, großer Pilgerweg ist. Äußerlich könnte man das Pilgern als ein Spiel mit Aufbruch, Unterwegssein und Perspektivwechsel beschreiben, im Wesentlichen aber ist es „Biografiearbeit per pedes“!
Forschungsreise mit ungewissem Ausgang
Weil es beim Pilgern also um mich selbst geht – um Fragen rund um mein Leben, meine Sorgen, meine Zukunft, meinen Glauben, meine Beziehung zu Mitmenschen und zu Gott –, ähnelt es einer Forschungsreise mit ungewissem Ausgang. Wird mir die Unternehmung neue Erkenntnisse schenken? Werde ich Trost, Inspiration, Stärkung finden? Wird mir jemand einen guten Rat geben? Werde ich verändert, ja verwandelt zurückkommen? All das wird sich erst zeigen, und anders als die Stationen einer gebuchten Reise kann es mir niemand vorab garantieren.
Nach dieser kurzen Betrachtung ist nun offensichtlich, warum kommerzielle Formate nicht jede Pilgersehnsucht erfüllen können. Wenn „alles organisiert“ oder gar ein Weg „ohne Überraschungen“ in Aussicht gestellt wird, ist fraglich, wie viel Raum für eine spirituelle Erfahrung mit Tiefgang und Nachhall bleibt. Denn in nahezu allen guten Pilgerbüchern wird immer wieder davon berichtet, dass es gerade die überraschenden Begegnungen, die spontanen Gespräche oder die kuriosen Zufälle unterwegs sind, die letztlich zählen – oft mehr als nur ein reibungsloser Ablauf der Reise oder das Sammeln von Stempeln, Urkunden und Souvenirs. Für diese unplanbaren, hoch individuellen, manchmal fast schicksalhaften Impulse braucht es eben Ungebundenheit und Offenheit.
Zu Fuß aufs Geratewohl drauflos pilgern
Und wenn man nicht in der Lage ist, einen wochenlangen Pilgerweg im Ausland auf eigene Faust zu stemmen? Dann gibt es eine Alternative: das „wilde“ Pilgern ganz in der Nähe. Allein oder zu zweit, hier und jetzt, spontan und individuell, ohne große Reiseplanung und sogar abseits vorgefertigter Routen. Das Ziel kann ein spiritueller Ort sein – ein Kloster, ein Gnadenbild, eine fürs Heilige Jahr 2025 benannte Ablasskirche im Heimatbistum, eine Waldquelle, ein Berggipfel –, aber auch „ziellos“ lässt sich pilgern: zu Fuß aufs Geratewohl drauflos, den Wind in den Haaren und dem Horizont entgegen.
Biege ich hier ab oder später? Verschwinde ich in diesem Waldgebiet oder ziehe ich unter weitem Himmel über die Hügel dahin? Entdecke ich einen idyllischen Rastplatz, an dem ich ein Stündchen dösend verträume? Lädt mich ein Wegkreuz oder eine Kapelle zum Innehalten ein? Wem werde ich unterwegs begegnen, welche Gedanken werden mir kommen? Ich will es herausfinden …
Intensiv und innig, abenteuerlustig
und lebenshungrig
Wann immer mir danach ist, ziehe ich los. Vielleicht breche ich nur kurz aus. Aber dann intensiv und innig, abenteuerlustig und lebenshungrig. Mein eiliger Gang über Stock und Stein ist wie der Takt eines Gebets, mein frohes Ausschreiten ein Lobpreis der Schöpfung, mein gesenkter, konzentrierter Blick eine wortlose Bitte um Vergebung und Klärung. Vielleicht bin ich abends schon wieder zu Hause.
Zugegeben, das „wilde“ Pilgern im Kurzformat hat etwas Impulsives, wirkt im Vergleich zu einer durchorganisierten Traumreise mit renommiertem Ziel etwas armselig, vielleicht sogar verzweifelt. Aber selbst wenn: Würden ein wenig Armseligkeit und Verzweiflung einem Pilger so schlecht zu Gesicht stehen? Und kann nicht ein einziger großer Tag schon Verstrickungen lösen, heilen, versöhnen, unvergesslich bleiben? Ist nicht beim Herrn „ein Tag wie tausend Jahre“?
Nun ist es endlich so weit, es geht los! Ich trete lächelnd über die Schwelle, schließe die Tür hinter mir, atme tief durch, und voller Vorfreude mache ich den ersten Schritt. Ich werde da draußen schon erwartet.



