Das Geheimnis der österlichen Tage
Das österliche Triduum: Liturgie, Leiden, Hoffnung und Auferstehung an den heiligen drei Tagen.
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Mit der Liturgie des Gründonnerstagabends treten Christinnen und Christen auf der ganzen Welt in die Feier der österlichen drei Tage ein. Ganze drei Tage umfasst die Feier von Leiden, Tod und Auferstehen des Herrn; drei Tage, die von der Erfahrung des Leids und der Ausgrenzung über den schmerzhaften Tod hin zur unbändigen Freude des Ostertags führen. Dabei erschöpft sich das Mysterium des österlichen Triduums nicht im Äußeren, sondern man braucht schon die Mitfeier der Gottesdienste, das Eintauchen in die Liturgien der Tage, um sich dem Geheimnis unseres Glaubens ein wenig anzunähern.
Schon im Eröffnungsvers des Gründonnerstags wird deutlich, worum es in der Feier der heiligen drei Tage gehen wird. Dort wird ein Vers aus dem Galaterbrief zitiert: „Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus. In ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben. Durch ihn sind wir erlöst und befreit.“
Am Beginn der abendlichen Feier, die Schwelle zum österlichen Triduum überschreitend, schweift der Blick über die bevorstehenden Tage. Es ist, als ob man auf einem hohen Berggipfel steht und die umliegende Landschaft betrachtet. So wird der Blick am Beginn der Gründonnerstagsliturgie auf das Kreuz gelenkt, das als Sieges- und Heilszeichen über diesen Tagen steht.
Schon jetzt dürfen wir als Christinnen und Christen erfahren: Auch wenn wir in diesen Tagen das Leiden und Sterben des Herrn nachvollziehen, hat nicht die Finsternis das letzte Wort, sondern wir richten uns auf das Leben hin aus; wir feiern das Sterben unseres Herrn Jesus Christus, das für uns Christen durch seine Auferstehung zum Fest unserer Erlösung geworden ist.
Damit schlägt der Eröffnungsvers des Gründonnerstags einen hoffnungsvollen, zuversichtlichen Ton an. Deswegen dürfen wir diese Tage auch feiern und als heilig bezeichnen: weil wir sie vom Ende her betrachten, weil über allem das österliche Licht leuchtet, das uns Hoffnung schenkt.
Gründonnerstag: Auftakt des österlichen Triduums
So steht der Gründonnerstagabend selbst in einer eigentümlichen Spannung: Denn eine gewisse Feierlichkeit kann man diesem Tag nicht absprechen. Die Messgewänder tragen die weiße Festfarbe, der Altar ist bereitet, das feierliche Gloria wird angestimmt. Doch in die Freude über die Einsetzung der Eucharistie mischt sich die Vorahnung auf das Bevorstehende. Glocken und Orgel schweigen nach dem Gloria, alles wirkt gedämpfter als sonst.
Und doch wird die Feier der Eucharistie mit größter Festlichkeit begangen: Spätestens bei den Worten „das ist heute“, die in den Einsetzungsworten ergänzt werden, kann man erkennen, dass man nicht nur Zuschauer, sondern Mitwirkender in einem heiligen Augenblick ist. Was sich früher einmal zugetragen hat, wird heute wieder Realität. Was die Jünger damals mit Jesus zusammen gefeiert haben, feiern wir heute wieder – den Herrn und Meister in unserer Mitte, der bei der Fußwaschung zugleich der Diener aller geworden ist.
Die Feier der Abendmahlsliturgie endet dann auch in Stille. Ohne den Schlusssegen und die Entlassworte geht die Feier in die Nacht über. Dort geht sie weiter: im Ausharren am Ölberg, im Begleiten des Herrn bei seiner Gefangennahme, im Dableiben, als sich sein Schicksal entscheidet.
Karfreitag: Stille, Kreuz und Erinnerung
Still, wie der Gründonnerstag endete, beginnt dann auch die Liturgie des Karfreitags. Mitten in die Stille hinein werden die Worte des Eröffnungsgebets gesprochen: „Gedenke, Herr, der großen Taten, die dein Erbarmen gewirkt hat.“ Was ist das für ein besonderer Tag, an dem man Gott an seine großen Heilswerke erinnern muss? In der jüdischen Liturgie hat das Erinnern bis heute einen großen Stellenwert. Das hebräische Wort „Sachor“ ruft die Gläubigen dazu auf, sich an die Heilsgeschichte zu erinnern und aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Erinnere dich: Diese Worte bilden den Eingang zur Liturgie vom Leiden und Sterben des Herrn.
Was an diesem Tag geschieht, das will man nicht dem Zufall überlassen, sondern man will sich unbedingt mitgenommen wissen in die lange Geschichte Gottes mit den Menschen. Sich eingeborgen wissen im Vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns meint. Dass er sich seines leidenden Knechtes erbarmt und ihn nicht im Tod lässt, sondern dass er sich wieder als Gott des Lebens und der Lebenden zeigt, dass er wieder ein Gott der Freiheit und der Befreiung ist.
Wo unsere menschliche Kraft an ihr Ende kommt, können wir nichts anderes tun, als uns Gottes barmherziger Fürsorge anzuvertrauen. Und ihn daran zu erinnern, dass er es gut macht – so, wie er schon so oft zu uns Menschen gestanden hat.
Die Liturgie des Karfreitags ist geprägt von einer großen Stille. Wer schon einmal diese Liturgie mitgefeiert hat, der bekommt schnell den Eindruck, dass jedes gesprochene Wort schon eines zu viel ist. Der Gottesdienst ist an diesem Tag auf das Wesentliche reduziert. Alles wird in größter Schlichtheit und Einfachheit vollzogen.
Was dafür umso mehr Raum einnimmt, das sind die archaischen Zeichen und Texte, die wir an diesem Tag sehen und hören. Das Lied vom Gottesknecht, das einst der Prophet Jesaja vor unendlich langer Zeit geschrieben hat. Das ausführliche Gebet für die Kirche und die Menschen auf dem ganzen Erdenrund. Die uralten Rufe der Improperien, der Kreuzklagen, die bei der Kreuzverehrung gesungen werden.: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt?“ Und über allem das Kreuz, das aufgerichtet ist, um es zu verehren. Und um es zu betrachten als einzige Hoffnung dieser Welt.
Wer sich auf diese Stille einlässt und die Zeichen nachwirken lässt, der merkt schnell: Das Geheimnis des Karfreitags ist ein unaussprechliches, eines, vor dem Worte verstummen müssen. Deshalb mündet auch die Liturgie des Karfreitags in die Stille.
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Osternacht: Auferstehung, Licht und Halleluja
Schließlich versammeln sich Christen auf dem ganzen Erdenrund, um am Karsamstagabend oder Ostersonntagmorgen die Osternacht zu feiern. Das junge Licht wird in die dunkle Kirche getragen und verteilt sich in der Runde. Der feierliche Lobgesang auf die Osterkerze wird angestimmt; sie ist das Zeichen des auferstandenen Christus, der die Mitte der Versammlung ist.
Und es folgt der lange Wortgottesdienst: Beginnend mit der Schöpfung am Uranfang schreitet man durch die Heilsgeschichte hindurch, um an unterschiedlichen Stationen Halt zu machen. In einzelnen, ausgewählten Episoden erinnert man sich an die Heilstaten Gottes, die er an den Menschen vollbracht hat. In der Osternacht wird nicht Gott aufgerufen, sich zu erinnern, sondern wir Menschen erinnern uns. Was uns von den vorhergehenden Generationen überliefert worden ist, hören wir, damit wir aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen können.
Ein Höhepunkt der Osternacht ist schließlich das Halleluja. Seit dem Aschermittwoch war es verklungen und wird nun erstmalig wieder angestimmt. Doch die Melodie des österlichen Hallelujas, wie sie die Kirche überliefert, klingt schwerfällig und unfreundlich. So mancher Halleluja-Ruf, der in unserem Gotteslob enthalten ist, schwingt sich freudiger und fröhlicher empor als das Halleluja der Osternacht. Und das ist gut so: Denn das Halleluja der Osternacht trägt die vergangenen Tage des Leidens und der Trauer in sich. Ostern löscht die Gefühle der letzten Tage nicht aus, sondern erträgt und verwandelt sie.
Wer genau hinschaut, erkennt: Die Osterfreude konnte sich auch bei den Menschen damals nicht auf Knopfdruck einstellen. Am eindrucksvollsten gibt das der originale Schluss des Markusevangeliums wieder: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ (Mk 16,8) Keine Freude, sondern Furcht und Entsetzen. Ostern braucht Zeit, um sich einzustellen. Das österliche Halleluja, das sich langsam emporschwingt, zeugt davon.
Aber das Halleluja begleitet in die dunkle Nacht und in die Erwartung des Ostermorgens hinaus. In doppelter Weise wird es dem Entlassruf beigefügt: „Gehet hin in Frieden, Halleluja, Halleluja!“ Jetzt liegt es an uns, der Osterfreude in unserem Alltag Raum zu geben. Und es den Jüngern von damals gleichzutun: nachzuspüren, wo der Auferstandene in unserem Alltag auf uns wartet. Und seine Gegenwart dort zu entdecken, wo er sie uns schenken will, wo wir sie am wenigsten vermuten.



