Wie Musik Europas Seele trägt
Kulturmanager Carsten Gerhard im Interview über die Kraft von Musik und Spiritualität, die Europas Identität bis heute prägt.
Carsten Gerhard: "Kunst und Musik sind eine wesentliche Basis unserer europäischen Identität". Foto: © privat
Mit welcher Art Musik sind Sie aufgewachsen?
Ich bin vor allem mit klassischer Musik groß geworden, finde aber auch viele andere Musik wunderbar – von Elvis Presley über Miles Davis bis zu House Music oder der Mittenwalder Zithermusi.
Was sind Ihre Lieblingsinstrumente?
Die Geige, weil sie das Rückgrat der klassischen Musik ist. Das Klavier, weil ich es selbst gerne spiele – leider viel zu schlecht. Die Klarinette, weil sie Mozarts Klarinettenquintett ermöglicht hat. Die Zither, weil ich ihren Klang liebe. Die Elektronik, weil sie neue Klangwelten ermöglicht. Und so viele mehr.
Wer ist der wichtigste Komponist in Ihrem Leben?
Johann Sebastian Bach. Da findet alles statt, wie Anton Webern sagte. Da ist so viel Trost, so viel Tiefe, so viel Meisterschaft, aber auch so viel Witz und Virtuosität. Bach geht immer.
Was ist für Sie große europäische Musik?
Sie meinen im Sinne des „Kanon der klassischen Musik“, also Bach, Haydn, Mozart, Beethoven usw.? Da wäre meine Liste sehr lang. Ich bin durchaus ein Freund von Kanons, denn sie enthalten ja wichtige Erinnerungen daran, warum die entsprechenden Künstler und Werke überhaupt kanonisch werden konnten. Übrigens ist Kunst aus Europa immer nolens volens europäisch. Nehmen wir Bach: Ohne Einflüsse aus Italien, Frankreich, England, aber auch aus Osteuropa – etwa aus Polen oder Russland – ist seine Musik nicht denkbar. Was Künstler in Europa schaffen, entsteht eigentlich immer im Spannungsfeld zwischen örtlichen Prägungen und dem Abgleich mit dem europäischen oder gar globalen Kontext.
Was davon ist unverzichtbar?
Alles …
Welche Rolle spielen Kirchenräume für Ihr Festival?
Kirchenräume sind für unser Festival Orte der Klang- und Sinneserfahrung. Ihre Architektur und Geschichte tragen wie Katalysatoren dazu bei, dass die Musik ihre Wunder wirken kann. Viele unserer Konzerte wären ohne diese Räume undenkbar – sie öffnen nicht nur akustisch, sondern auch seelisch eine Dimension, die nur dort entsteht.
Seit 2019 ist er künstlerischer Leiter und seit 2020 Intendant der Festspiele Europäische Wochen Passau. Seit 2021 ist er zudem zertifizierter „green consultant“ und unterstützt Kulturinstitutionen bei der Reduzierung ihres ökologischen Fußabdrucks.
Wie spirituell ist Europa (noch)?
Der Mensch ist begabt
zur Spiritualität und braucht sie. Sie ist sein Sensorium für die
Einbindung in die Schöpfung. Freilich ändern sich die Formen, in denen
Spiritualität ausgelebt wird.
Das Erleben von Kunst und Musik – allein oder in der Gemeinschaft – sind zentrale Orte dafür und bis heute eine wesentliche Basis unserer europäischen Identität. In unseren Konzerten spüre ich, dass Menschen Sehnsucht nach Sinn, Stille und Verbindung haben – das ist gelebte Spiritualität in moderner Gestalt.
Kann Musik Europa zusammenhalten?
Ja,
weil Musik Menschen zusammenhält. Das ist doch ein wunderbarer Moment
des Konzerterlebnisses: Man ist ganz in sich selbst versunken und dabei
in Gemeinschaft mit anderen. Das Ich und das Wir verstärken sich
gegenseitig.
Kann es (christliche) Spiritualität?
Ja,
klar. In ihrer Wirkung sind sich Musik und Spiritualität ganz ähnlich –
übrigens auch in einem neurokognitiven Sinne. Es passieren ähnliche
physiologische Reaktionen im Körper, wenn man betet, wie wenn man sich
in Kunst versenkt. Spiritualität ist metaphysische Rückbindung.
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Ist Musik stärker als Sprache?
Nein, sie ist ein anderes Medium, das andere Schichten der Seele und des Geistes erschließt als die Sprache. Sie haben ja auch verschiedene Funktionen. Sprache ordnet die Welt, Musik versöhnt uns mit ihr.
Können Sie sich ein Europa ohne Kirche vorstellen, ohne Kirchenmusik?
Nein, das geht nicht. Europa ist vom Christentum und den christlichen Kirchen zutiefst geprägt. Diese Prägung ist tief im kulturellen Gedächtnis eingeschrieben – auch bei denjenigen, die sich ihrer nicht bewusst sind.
Ich bin zuversichtlich, dass Kirche und Kirchen nicht aus Europa verschwinden. Die Verbindung ist zu wirkmächtig.



