Rituale
05.04.2025

Auf der Schwelle zwischen zwei Welten

Rituelle Bräuche, mystische Verwandlungen, zeitlose Fotografie – Iwajla Klinke fängt in ihrer Fotoausstellung "The nymphs are departed" im Diözesanmuseum Freising magische Momente und kulturelle Traditionen weltweit ein.

    

Magische Veränderung: Ein Junge, der mit Blumen und Blättern in einen „Pfingstler“ verwandelt wird. Magische Veränderung: Ein Junge, der mit Blumen und Blättern in einen „Pfingstler“ verwandelt wird. Foto: © Iwajla Klinke

Auf den ersten Blick wirken diese fast lebensgroßen Farbfotos, die Kinder und Jugendliche in zeremoniellen Gewändern zeigen, wie meisterhaft gemalte Porträts der Gotik und Renaissance, wie religiöse Ikonen. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die Isolation der Figuren aus ihrem ursprünglichen Kontext, indem die Fotografin Iwajla Klinke sie ausschließlich vor einem schwarzen Tuch aufnimmt - die Bilder sehen wie aufwändig inszenierte Studiofotografien aus. Doch tatsächlich nimmt sie sie mit einer digitalen Spiegelreflex-Kamera direkt vor Ort auf, in den Straßen, auf Höfen und Plätzen, oft unter Zeitdruck und einfachsten Bedingungen.

Magische Verwandlungen: Kinder in
rituellen Bräuchen und Traditionen weltweit

Die Gesichter der Kinder und Jugendlichen auf den Fotos schauen uns an, als würden sie in eine jenseitige, magische Welt blicken: ein niederbayerischer Junge, der mit Blumen und Blättern in einen „Pfingstler“ verwandelt und dann mit einer Gießkanne begossen wird; ein mährischer Bub, der als Mädchen verkleidet an Pfingsten zum König des Ortes wird; ein Junge in Valencia, der bei einer Prozession zu Maria Himmelfahrt die Muttergottes verkörpert. Bei den „Herodes-Umzügen“ an Silvester in rumänischen, ukrainischen und moldawischen Städten verschleiern die Buben ihre Augen mit Damen-Colliers, Perlen, Flitter und Lametta. Mit ihren riesigen Kopfkreationen verschwinden sie hinter dem Schmuck und ihre Individualität wird ausgelöscht.

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Rituelle, meist religiöse Bräuche und Traditionen, die ihre Wurzeln oft im Heidentum haben, faszinieren die Berliner Künstlerin Iwajla Klinke (geboren 1976 in Greifswald) seit vielen Jahren. Um diese aufzuspüren und zu finden, reist sie um die ganze Welt, in kleine Dörfer und abgeschiedene Bergtäler, nach Brasilien, Mexiko, die Philippinen, auf schottische Inseln oder in die Lausitz, das deutsch-polnische Grenzgebiet. Sie ist fasziniert von in oft kleinen Gemeinschaften gelebten Bräuchen, angezogen von deren mythischer Atmosphäre, von uralten Feierlichkeiten. Vor allem von Festen zu den Übergangszeiten: Silvester, Neujahr, die Fastnacht, die „Semana Santa“, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam oder Maria Himmelfahrt.

Klinke geht es dabei aber nicht um die Dokumentation solcher Rituale und Bräuche. Sie interessiert vor allem die rituelle Verwandlung der Mitwirkenden bei solchen Festen. Die Fotografin porträtiert Kinder und Jugendliche in zeremoniellen Gewändern, die Teil von etwas Größerem, Höheren geworden sind. Oft wartet sie stundenlang, bis die Kinder umgekleidet sind, um sie dann kurz vor der Kamera zu haben. Sie macht kaum Vorgaben, nur lachen sollen die Porträtierten nicht.

So entstehen geheimnisvolle, rätselhafte, ja fast mystische Bilder, die wie herausgelöst aus Raum und Zeit erscheinen und dadurch eine meditative, fast mystische Stimmung erzeugen. Die Fotografin arbeitet ausschließlich mit seitlich einfallendem Tageslicht, das die Details ihrer Trachten und Verkleidungen zur Geltung bringt und aus dem sie umgebenden Dunkel aufleuchten lässt: die filigran bestickten Stoffe, die Schleifchen, Glasperlen, den Häkelschmuck.

2013 hat Klinke ihre Foto-Serie „Trauer der Vögel“ (ein Synonym für die Winterzeit) begonnen, die sie weiter fortsetzt. Bei vielen Bräuchen und Festen verkörpern bis heute nur Männer sämtliche Figuren – auch die weiblichen. Ihre Fotos von kleinen oder größeren Jungen und Heranwachsenden, die in kostbaren Trachten, Brautkleidern, oder sakralen Gewändern Marienfiguren, Jungfrauen oder Bäuerinnen darstellen, hinterfragen natürlich auch feste Geschlechterrollen.

Dazu schreibt die Autorin Elisabeth Bronfen im Katalog: „Eine Stille umgibt diese Buben, als würden sie nicht dem gewöhnlichen Alltag angehören. Sie befinden sich auf der Schwelle: zwischen männlichem und weiblichem Aussehen, zwischen dem Alltäglichen und dem Zeremoniellen – eine Zwischensituation, die weder das Eine noch das Andere ist. Die Buben können zu Mädchen werden, weil alle wissen, es ist nur für einen zeitlich beschränkten Anlass. Sie sind lebend und zugleich in einer Pose eingefroren, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf ewig in der Schwebe gehalten.“

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Iwajla Klinkes Fotografie: Die Faszination
der Übergänge und Transformationen

Die Zeit vor der Pubertät beschäftigt Iwajla Klinke insofern sehr, als diese für sie eine Zeit der Verwandlung ist, ein Vergehen, ein Übergang von einer Daseinsform zur nächsten. Sie fotografiert Kinder deshalb so gern, weil diese den Glauben an die Existenz mythischer Welten noch nicht verloren hätten: „Die Kinder haben das Wissen über diese Traditionen nicht, aber sie spüren in den Ritualen, dass etwas Besonderes, Heiliges geschieht. Ich selbst ich hatte keine religiöse Erziehung, war aber von religiösen Ritualen fasziniert – vor allem, wenn es um Kinder ging. Diese haben stets etwas mit der Überwindung des Todes zu tun und werden häufig von Fruchtbarkeitssymbolen wie der Krone begleitet.“

Foto-Künstlerin Iwajla Klinke im Diözesanmuseum Freising. Foto-Künstlerin Iwajla Klinke im Diözesanmuseum Freising. Foto: © Diözesanmuseum Freising/Joan Porcel Studio_Ilaria
Auf den Philippinen verkleiden sich junge Männer während der „Semana Santa“ in der Karwoche mit prunkvollen Blumenhauben und Röcken aus getrockneten Palmblättern in hybride Blumengötter, sind aber zugleich als Flagellanten unterwegs, die sich bei den Umzügen den Rücken blutig peitschen. Im südlichen Sizilien findet jährlich ein Wettbewerb unter den Jugendlichen zu Ehren des heiligen Josef statt, bei dem Pferde mit opulenten Umhängen und Maskierungen aus rosa, violetten und weißen Blumen geschmückt werden, unter denen sie fast ganz verschwinden. Die Dekorationen zeigen biblische Szenen und Heilige.

„Solche amorphen Wesen, Formen und Hybride versuche ich in unserem Alltag aufzuspüren“, sagt die Fotografin, „die Verwandlung an sich, von einem Jungen in ein Mädchen, eines Menschen in ein Tierwesen, von einem alltäglichen Ich in ein vollkommen neues.“ Ihr geht es um Übergänge und Abschiede, die Transformation zwischen Identitäten, Realitäten und Lebensaltern. Sie versucht, traditionelle Wahrnehmungen westlicher Kultur, Kunstgeschichte, Religion und Mythologie infrage zu stellen.

Das "Diözesanmuseum Freising - DIMU" auf dem Domberg in Freising ist das Museum der Erzdiözese München und Freising. Die Sammlung enthält Werke ab dem frühen 5. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Modernen Kunst. Nach den Vatikanischen Museen beherbergt es die weltweit zweitgrößte Kunstsammlung in der katholischen Kirche. Einzelne Schwerpunkte des Bestands liegen in der Kunst von Byzanz, der Spätgotik, des Barock, der Gegenwart, und Zeugnissen der Frömmigkeit – darunter eine umfangreiche Krippensammlung.

Iwajla Klinke hat nach dem Studium der Kunstgeschichte, Jüdischen Studien und Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin zunächst als freie Autorin für verschiedene internationale Fernsehsender gearbeitet und Dokumentarfilme gedreht, bevor sie sich dann ganz der Kunst zuwandte: „Fotografieren ist für mich eine Erlösung von Sprache. Es ermöglicht mir, den Augenblick zu intensivieren.“

Karl Honorat Prestele

Die Foto-Ausstellung "The nymphs are departed" von Iwajla Klinke ist bis 3. August im Diözesanmuseum Freising zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung kostet 28,00 Euro.