Ignaz Günther - der Mozart unter
den Bildhauern
2025 jähren sich Geburtstag und Todestag von Ignaz Günther. Das Rokoko-Genie schuf Meisterwerke voller Eleganz und Menschlichkeit – Museen in Bayern erinnern mit Führungen und Ausstellungen an sein Vermächtnis.
Vor 250 Jahren gestorben: Rokoko-Künstler Ignaz Günther. Foto: © Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Die schweren Axtschläge müssen auf der Straße zu hören gewesen sein, wenn in der Werkstatt ein Geselle die Holzblöcke vorbereitete, an denen der Meister dann Hand anlegen wollte. Bis heute steht in München zwischen dem Jakobsplatz und dem Oberen Anger das Haus, in dem Ignaz Günther arbeitete und wohnte. Sicher hat er dort selbst den einen oder anderen Hieb mit dem Schnitzbeil getan, bevor er mit dem Klüpfel und dem Hohlmeißel die feineren Umrisse herausschlug, um anschließend wieder einem Gesellen das Werkzeug in die Hand zu drücken. Mit Stein hat er dagegen nicht gearbeitet – das Material lag ihm nicht.
Zwischendurch könnte er die Lehrlinge angeleitet haben, lebensgroße Heiligenfiguren oder einen Engel in Stroh und Sackleinen zu packen, mit dem ein Abt seine Klosterkirche nach dem neuesten Stil ausstatten ließ. Und wer vor dem ehemaligen Wohnhaus steht, kann sich gut vorstellen, wie sich der Künstler anschließend in eine kleine Kammer zurückzieht, um einen Altaraufbau zu zeichnen oder an einem Modell für den nächsten Auftrag zu schnitzen, während vor seinem Fenster Ochsenkarren oder gelegentlich eine Kutsche des kurfürstlichen Hofs vorbeiziehen.
Am Modell seines letzten bekannten Werks, der sogenannten Nenninger Piéta, hat er wohl mit schwerem Herzen gearbeitet: Um diese Zeit, 1774, bedrängte ihn die Sorge um seine Frau Maria Magdalena. Das kleine Werk ist heute in einer Vitrine im Bayerischen Nationalmuseum zu finden. Jens Burk, der dort für die Skulpturen aus der Barock- und Rokokozeit zuständig ist, zeigt auf die Seitenwunde des toten Christus, der auf den Knien Marias liegt. Ignaz Günther hat die Wunde genau in die Mitte der Komposition gesetzt. Der Tag, an dem Günther die vollendete große Skulptur nach Nenningen auslieferte, war auch der Todestag Maria Magdalenas, mit der er neun Kinder hatte.
Eines der letzten bekannten Werke von Ignaz Günther, die „Nenninger Pietà". Foto: © Bayerisches Nationalmuseum, Walter Haberland
Ignaz Günther - ein Künstler von Weltrang
Ein Jahr danach, um den 23. Juni, stirbt auch der Bildhauer – ein paar Monate vor seinem 50. Geburtstag. Jens Burk betreut die größte Museumssammlung mit Werken von Ignaz Günther, den er ohne Umschweife einen „Weltkünstler“ nennt: „Es gibt kein Standardwerk über die Kunst des Rokoko, in dem er nicht vorkommt.“ Ignaz Günther ist im Metropolitan Museum in New York genauso vertreten wie im Berliner Bode-Museum. Auf Ausstellungen waren seine Werke in ganz Europa zu sehen.
Und sie
sind unverwechselbar – wie die Madonnenbüste an seinem früheren
Wohnhaus. Dort ist immer noch eine Kopie des Originals angebracht, das
im Bayerischen Nationalmuseum zu finden ist. Burk nennt sie „eine Art
Ladenschild“, weil diese Madonna potenziellen Auftraggebern schon im
Vorübergehen und vor dem ersten Werkstattbesuch die besonderen
Stilmerkmale Ignaz Günthers vorführt: die halb geschlossenen, leicht
schräg nach unten gestellten Augen in den hoheitsvollen Gesichtern, die
lebendige Körperdrehung, die so wirkt, als würde sich die Figur im
nächsten Moment weiterbewegen – das macht diesem Künstler niemand nach.
Schon an den Bozzetti, also den allerersten plastischen Entwürfen und
Modellen, ist abzulesen, wie sicher Günther sein Handwerk beherrschte.
Das hat er früh gelernt. Seine aus Südtirol nach Altmannstein im
Altmühltal ausgewanderten Vorfahren betrieben eine Schreinerei, der
Vater war bereits überwiegend Bildhauer.
Spöttische Kriegsgöttin
Das Talent des kleinen Ignaz muss sich früh gezeigt haben. Mit 18 Jahren kommt er nach München, um sich beim berühmten Bildhauer Johann Baptist Straub ausbilden zu lassen. Von dort zieht er weiter nach Salzburg, Mannheim und schließlich an die Akademie nach Wien, wo er mit einem Preis ausgezeichnet wird. Manche Kunsthistoriker vermuten auch einen Aufenthalt in Rom und Venedig, der sich jedoch nicht belegen lässt. Dann siedelt er sich endgültig in der kurbayerischen Hauptstadt an und erhält prominente Aufträge: aus Weyarn bei Miesbach, aus Rott am Inn und dem nahegelegenen Altenhohenau, aus Neustift bei Freising oder aus Mallersdorf. Die Piéta für die Friedhofskapelle im württembergischen Nenningen ist das einzige Werk, das für einen Ort außerhalb Bayerns bestellt wird. Ebenso hat Günther private Aufträge angenommen.
Für das Münchner Stadtpalais des Hofkriegsrats Johann Kaspar Basselet von La Rosée fertigt er aus Lindenholz die fast zwei Meter hohe Figur der römischen Kriegsgöttin Minerva. Sie ist eines der Lieblingswerke von Jens Burk, der im Bayerischen Nationalmuseum auf sie Acht gibt: „Weil man an ihr auch das Ironische und Spöttische an Ignaz Günthers Darstellung erkennen kann.“ Wie eine „lässige Diva“ scheint sie das Kriegshandwerk nicht ganz ernst zu nehmen. Und dann sind da wieder Figuren, in deren Gesichtern eine tiefe innere Bewegung eingezeichnet ist.
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Ignaz Günther - der genaue Menschenbeobachter
Nicht weit von der Minerva steht die Mutter Marias. Anna ist eine alternde Frau, durch die eine mystische Erfahrung zu zucken scheint und die ihr einen unerwarteten jugendlichen Schwung gibt. „Ich glaube, er hat Menschen sehr genau beobachtet und ihre Gefühle fantastisch in seine Figuren übertragen“, erklärt Carmen Roll vom Diözesanmuseum in Freising, das ebenfalls eine Reihe hochkarätiger Werke Ignaz Günthers besitzt. Die Kunsthistorikerin hat zudem ein vollständiges Altarensemble des Künstlers vor der Haustür: die ehemalige Prämonstratenserabtei Neustift im Norden der Stadt. „So arrogant wie dort die Kaiserin Helena kann tatsächlich nur eine kaiserliche Hoheit dreinschauen, sodass man fast darüber schmunzeln muss.“ Den Bauernheiligen Notburga und Wendelin in Rott am Inn sei dagegen das sorgenvolle und harte Leben der Menschen auf dem Land anzusehen. In den noch komplett vorhandenen und am ursprünglichen Platz befindlichen Werken „tritt einem die große Kunst Ignaz Günthers natürlich noch stärker entgegen“. Schließlich, so Roll, seien die Figuren auf den wechselnden Lichteinfall in den Kirchenräumen hin geschaffen, auf deren Größenverhältnisse und Sichtachsen hin abgestimmt.
Sanft und elegant
Immer aber sind sie graziös – egal, ob Kaiserin oder Dienstmagd, Kirchenlehrer oder Bauernknecht. Vollendet demonstriert das Günther an seinen Marien- und Engelsdarstellungen. Da sind etwa die Atteler Madonna im Diözesanmuseum oder die Verkündigungsszene in der Kirche von Weyarn. Auch aus der großen Schutzengelgruppe in der Münchner Bürgersaalkirche dröhnt kein lautes Pathos, „sondern etwas Leises, Sanftes und eine Eleganz, die sich interessanterweise auch in der Musik der Zeit widerspiegelt“, erläutert Roll. Günther wäre dann so etwas wie der Mozart der Bildhauer.
Wie der Komponist überrascht Günther immer wieder mit unerwarteten Ideen
– etwa, wenn er für ein Grabmal in der Münchner Asamkirche einem
Skelett eine Schere in die Hand drückt, das den Lebensfaden
durchschneidet. Auch dieser immer wieder auftauchende Ernst verbindet
ihn mit Mozart. Im Gegensatz zu ihm wurde Günther jedoch nach seinem Tod
rasch vergessen, obwohl er zu Lebzeiten ein äußerst nachgefragter
Künstler war und keineswegs verarmt starb. Er hinterließ seinen Kindern
5.000 Gulden. Zum Vergleich: Die Hofbildhauer des Kurfürsten kamen auf
ein Jahresgehalt von 300 Gulden. Doch keiner von Günthers Söhnen wurde
älter als 20 Jahre, und die Werkstatt erlosch, aus der kein bedeutender
Schüler hervorging.
Außerdem änderte sich der Zeitgeschmack. Hätte um
1850 nicht die Münchner Familie Radspieler Skulpturen aus abgebrochenen
Kirchen und Häusern gerettet, und wären andere Kirchen nicht zu klamm
gewesen, um sich eine neugotische Ausstattung zu leisten – viele von
Günthers Werken hätten nicht überlebt. Erst das frühe 20. Jahrhundert
hat den Zauber seiner Kunst wiederentdeckt. „Es ist vor allem eine tiefe
Menschlichkeit, die sich in seinen Werken widerspiegelt“, sagt Carmen
Roll, „und die ist zeitlos.“
Wissenswertes
Das Freisinger Diözesanmuseum erinnert an den 250. Todestag Ignaz Günthers mit verschiedenen Themenführungen: am 22., 25. und 29. Juni, jeweils um 15.00 Uhr.
→ www.dimu-freising.de
Am 6. Juli um 15.00 Uhr stellt Carmen Roll bei einer Führung mit Musik das große Altarensemble Ignaz Günthers in der ehemaligen Klosterkirche St. Peter und Paul in Freising-Neustift vor.
In der ehemaligen Werkstatt seines Vaters hat die Gemeinde Altmannstein im Lkr. Eichstätt ein Ignaz-Günther-Museum eingerichtet. Öffnungszeiten: Sonntags zwischen dem 4. Mai und dem 21. September, jeweils von 10.30 bis 12.00 Uhr.
→ www.altmannstein.de/museum
Das Bayerische Nationalmuseum in München präsentiert in den Sälen 42 und 43 ständig bedeutende Werke von Ignaz Günther und stellt sie in einen Zusammenhang mit anderen Bildhauern seiner Zeit.
Öffnungszeiten: täglich außer montags, 10.00–17.00 Uhr, donnerstags bis 20.00 Uhr.
Am 10. August um 11.00 Uhr: Sonntagsführung „Zum 300. Geburtstag von Ignaz Günther. Leben und Werk“ mit Jens Burk.
→ www.bayerisches-nationalmuseum.de



