Neues Seelsorge-Format
Seelsorge to go
Alexandra Schiedeck geht gern spazieren. Das hat sie auf die Idee gebracht, Gespräche im Gehen an der Isar anzubieten. Durch das Unterwegssein komme auch innerlich etwas in Bewegung, hat die Pastoralreferentin im Münchner Pfarrverband Isarvorstadt bemerkt.
Pastoralreferentin Alexandra Schiedeck (links) bietet Einzelgespräche im Gehen an der Isar an. Foto: © SMB/Hammermaier
Alexandra Schiedeck ist gern in der Natur. Allein. Mit Freundinnen. Mit ihrem Mentor. Dabei hat sie bemerkt: „Da kommt so mancher Gedanke in die Klärung.“ Das brachte die Pastoralreferentin darauf, Seelsorgegespräche nicht wie gewohnt in ihrem Büro zu führen, sondern im Freien. „Von meiner Arbeitsstelle aus sind das nächste Stück Natur die Isarauen. So entstand die Idee, Einzelgespräche im Gehen an der Isaranzubieten“, berichtet die Seelsorgerin im Pfarrverband Isarvorstadt.
Mit diesem Angebot möchte sie gezielt auch kirchenferne Menschen ansprechen: „Ich möchte Kirche für Menschen draußen erfahrbar machen – für Menschen, die nicht zur Kerngemeinde zählen, die wenig vertraut sind mit dem pfarrgemeindlichen, pfarrverbandlichen Leben.“ Deshalb hat sie die Plakate und Info-Karten für dieses neue Seelsorge-Format bewusst nicht nur im Schaukasten an der Kirche, sondern auch in Lokalen und Geschäften im Viertel aufgehängt und verteilt.
Offenes Ohr für Krisen
„Mein Gesprächsangebot richtet sich an Menschen, die jemanden haben wollen, der sie begleitet, der sie hört, der ihnen ein offenes Ohr und ein offenes Herz schenkt, sie versteht in ihrer schwierigen Lebenssituation“, führt die Theologin aus. Diese kann Probleme in der Partnerschaft genauso umfassen wie den Tod eines nahestehenden Menschen, den Verlust des Arbeitsplatzes oder eine berufliche Neuorientierung. Erstaunt hat Schiedeck, dass sich auch Menschen bei ihr melden, die außerhalb ihres Pfarrverbands leben.
Seit sie das Angebot im vergangenen Sommer eingeführt hat, ist sie etwa alle zwei Wochen als Wegbegleiterin gefragt. Wenn jemand einen Gesprächstermin mit ihr vereinbart, schlägt sie die Kirche St. Anton als Treffpunkt vor. „Das ist die Backsteinkirche zwischen Arbeitsagentur und Isar. Die ist vielen vertraut – sie gehört auch zu meinem Arbeitsbereich“, begründet die Seelsorgerin diese Wahl. „Nach den ersten Schritten erkundige ich mich, wie es den Menschen geht. Dann kommen die gleich ins Erzählen, was gerade bei ihnen los ist und warum sie da sind“, berichtet Schiedeck. „Wenn wir dann an der Isar angekommen sind, sind wir auch schon beim Kern des Themas angekommen“, hat die Pastoralreferentin beobachtet.
Im Zentrum der Mensch
Sie arbeitet dabei nach dem Personzentrierten Ansatz des amerikanischen Psychologen Carl Rogers, zu dem sie gerade eine Weiterbildung absolviert. Dabei steht der Gesprächspartner im Zentrum: „Er fasst ins Wort, was in ihm los ist, und ich spiegle, ich fasse zusammen, ich fasse ins Wort, was ich bei mir an Resonanz wahrnehme“, erläutert Schiedeck. Die Klärung finde dabei letztlich in der anderen Person selbst statt: „Sie geht den nächsten Schritt, den es in ihrem Leben braucht, und ich begleite diesen Prozess wie eine Hebamme“, veranschaulicht die Pastoralreferentin und betont, dass es sich bei ihrem Angebot um ein seelsorgliches und nicht um ein therapeutisches handelt.
Wie oft jemand ein Gespräch mit ihr führen möchte, entscheidet der Betreffende selbst. Schiedeck legt die Dauer fest: 50 Minuten. In dieser Zeit kommt sie mit ihren Gesprächspartnern erfahrungsgemäß bis zur Eisenbahnbrücke – und wieder zurück nach St. Anton. Umgebungsgeräusche wie Hundegebell, Verkehrslärm oder das Rauschen der Isar empfindet sie dabei nicht als störend. Dieser Gesprächsrahmen biete vielmehr eine Reihe von Vorteilen gegenüber einem Büro: „Das Gehen in der Natur regt an zum Innehalten, zum Aufatmen, zum Entspannen und Wieder-bei-sich-Ankommen und Sich-gut-selber-Spüren: Was ist denn los bei mir?“, ist die Seelsorgerin überzeugt. „Wenn ein Mensch selber nicht weiterkommt, hilft einfach schon das Gehen, dass auch innerlich was in Bewegung kommt. Die frische Luft und das Plätschern des Wassers lassen einen noch mal mehr zu sich finden. Das ist der große Mehrwert gegenüber dem Sitzen in einem geschlossenen Raum.“
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Vertraulich auch draußen
Bedenken, dass ein Gespräch im öffentlichen Raum weniger vertraulich sein könnte, entkräftet die Pastoralreferentin: „Natürlich gehen wir so, dass da niemand zuhören kann. Es ist ein Vier-Augen-Gespräch und es unterliegt der Schweigepflicht.“
Und was ist, wenn es regnet? „Ein paar Tröpfchen schaden nicht, dann nehmen wir einfach den Regenschirm mit“, meint Schiedeck. „Wenn’s jetzt richtig kübelt, dann weichen wir entweder in einen Raum aus oder wir verschieben’s einfach.“ Das sei bisher aber noch nie notwendig gewesen.



