Buch über Maria
Maria neu entdeckt
Die Neutestamentlerin Eva Puschautz plädiert dafür, die biblischen Texte rund um Maria zu entstauben und neu zu entdecken ‒ damit Maria wieder zu einer Figur werden kann, die Frauen von heute inspiriert. Ein Interview zum Marienmonat Mai und Muttertag am 11. Mai.
Eva Puschautz mit Buch über Maria Foto: © Ines Schaberger
Ines Schaberger: Wer eine römisch-katholische Kirche betritt, könnte meinen, dort würde eine weibliche Gottheit verehrt, so präsent ist Maria mit Statuen oder Bildern. Woher kommt die Begeisterung der Katholik:innen für Maria?
Eva Puschautz: In den ersten christlichen Jahrhunderten war Maria kein großes Thema. Es ging vor allem darum, Aussagen über Jesus, den Christus zu treffen – so auch das Dogma, das Maria als „Gottesgebärerin“ bezeichnet. Ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. wird Maria zum Vorbild in der Askese, also dem Sich-aus-der-Welt-Herausnehmen. Weil Christus stark überhöht worden war und Menschen so viel Respekt vor dem unbegreifbar Göttlichen hatten, spielte Maria eine immer größere Rolle in der Volksfrömmigkeit als eine nahbare Person und Mittlerin. Und die Entwicklung Mariens zur „idealen Mutter“ erfüllt ein menschliches Grundbedürfnis, das in der eigenen Familie wohl nicht immer so erfüllt wird.
Was fasziniert Sie persönlich an Maria?
Lange Zeit konnte ich nichts mit ihr anfangen. Für das
Rosenkranzgebet hatte ich keine Geduld. Ich kritisiere, dass sich Männer
in einer patriarchalen Gesellschaft ‒ provokativ gesagt ‒ mit Maria
eine „ideale Frau“ gebastelt haben, nach der sich Frauen zu richten
haben. Doch die Überhöhung der Jungfräulichkeit überfordert und
unterdrückt Frauen. In meiner wissenschaftlichen Forschung fand
ich es spannend herauszufinden, ob sich auch etwas anderes über Maria
sagen lässt. Weiters beeindruckt und fasziniert mich die unglaubliche
Wirkungsgeschichte, die dieser Frau widerfahren ist.
Sie kritisieren, dass Maria als „Überfrau“ zu einem unerreichbaren Vorbild wird, an dem Frauen nur scheitern können.
Eines meiner Lieblingsbücher, „Truly our Sister“ von Elizabeth A.
Johnson, beschreibt, wie aus der Dualität von „Jungfrau“ und „Mutter“
ein unerreichbares Marien-Ideal gebaut wurde. Maria wird „weggelobt“ und
hochgehoben auf einen Thron. Dadurch wird sie unantastbar und von ihrem
kritischen Potenzial bleibt nichts mehr übrig. Elizabeth A. Johnson
wirbt dafür, Maria zurückzuholen als „unsere Schwester“. Dann kann man
wieder über sie reden oder sich mit ihr identifizieren, zum Beispiel im
Moment der Geburt.
Buch „Truly our sister“. Foto: © Ines Schaberger
Sie haben Ihre bibelwissenschaftliches Doktorarbeit über Maria geschrieben. Weder von der immerwährenden Jungfräulichkeit noch von Maria Himmelfahrt ist in der Bibel die Rede. Lässt sich überhaupt etwas historisch Gesichertes zu Maria sagen?
Extrem wenig. Weil sie eine fast leere Projektionsfläche ist, konnte überhaupt so viel in Maria hineingelegt werden. Die biblischen Texte selbst geben wenig her. Doch sie zeigen, dass das Marienbild in den verschiedenen Gemeinden schon im 1. Jahrhundert n. Chr. unterschiedlich war. Bei Lukas ist das Marienbild weitaus positiver als bei Markus und Matthäus: Er erzählt z.B. in der Apostelgeschichte, dass Maria nach der Auferstehung Jesu bei den Aposteln in Jerusalem dabei war ‒ ob sie das freiwillig war, aufgrund einer inneren Glaubensüberzeugung heraus, sei dahingestellt. Möglicherweise wollte sie im Alter nicht alleine sein und folgte darum ihrem Sohn Jakobus nach Jerusalem.
Nur zwölf Mal kommt Maria, die Mutter Gottes, in den Erzählungen des Neuen Testaments vor. Was hat Sie an den biblischen Texten über Maria überrascht?
Dass in den Texten so wenige Informationen da sind, wohingegen Maria zum Beispiel in der Kunst so präsent ist – neben Jesus ist Maria die am meisten dargestellte Person des Christentums! Ich habe zum Beispiel einen Tag im Kunsthistorischen Museum Wien verbracht und gestaunt, auf wie vielen Bildern Maria zu sehen ist.
Doch die beliebte Darstellung von Maria unter dem Kreuz mit dem Gespräch zwischen Jesus, Maria und Johannes, das im Johannesevangelium beschrieben wird, ist historisch nicht wahrscheinlich. Die Römer hätten es wohl nicht zugelassen, dass sich jemand unter das Kreuz zu einem Schwerverbrecher stellt. Die anderen Evangelisten gehen auch nicht davon aus, dass Maria überhaupt in Jerusalem ist.
Wie wird die Beziehung von Maria zu ihrem Sohn Jesus beschrieben?
Die einzige Stelle über Maria, die bei Markus, Lukas und Matthäus vorkommt (vgl. Markus 3,20f.) handelt von einem Familienkonflikt. Die Familie sagt bei Markus über Jesus: „Wir wollen ihn zurückholen, denn er ist von Sinnen“, und Jesus fragt zurück: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ Das passt nicht zu dem Bild, das wir von Maria haben. Da es aber in drei der vier Evangelien steht, muss es eine sehr starke Tradition gewesen sein. Die Reaktion der Familie ist ja auch nachvollziehbar: Keine Mutter will, dass ihr Kind ein gefährliches Leben führt oder gar als Rebell gekreuzigt wird. Gleichzeitig passt es in Jesu Vorstellung von Nachfolge: mit der Familie zu brechen.
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Bietet dieser Konflikt eine realistische Identifikationsmöglichkeit für Familienbeziehungen heute?
In den biblischen Texten ist das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen abgebildet, auch Konflikte.
Wenn es selbst in der sogenannten „heiligen Familie“ Konflikte und Brüche gab, dann darf das auch bei mir so sein.
Wir leben in einer Welt, wo unter anderem mit Social Media eine Idylle vorgespielt wird, die unerreichbar ist. Das tut uns nicht gut. Denn es gibt kein konfliktfreies Leben. Auch Menschen wie Jesus, die für Großes in die Geschichte eingehen, hatten Baustellen in ihrem Leben. Zu Beginn konnte ich den Gedanken kaum zulassen, dass Jesus und Maria vielleicht sogar im Unfrieden auseinander gingen. Aber vielleicht starb er am Kreuz und war zu dem Zeitpunkt mit seiner Mutter zerstritten?
Dieser Gedanke löst bei vielen Menschen sicher Unruhe aus – genauso wie das Gedankenspiel der Baptistenpastorin Mira Ungewitter, die vorschlägt, Maria als „Schutzpatronin für Pro Choice“, also für die freie Wahl für oder gegen ein Kind, zu bezeichnen. Denn im Lukasevangelium wird erzählt, dass Maria zuerst nachfragt und dann explizit zustimmt, als der Engel Gabriel ihr von den göttlichen Plänen erzählt, dass sie ein Kind empfangen und ihm den Namen Jesus geben soll. Warum stoßen solche Gedanken und Vorstellungen auf Widerstand?
Weil sie Idealbilder aufbrechen und scheinbare Sicherheiten auflösen. Menschen versuchen in einer Welt, in der nichts sicher scheint, sich an einem bestimmten Bild von Maria festzuklammern. Und dann schmerzt es, wenn dieses Bild in Frage gestellt wird. Doch Maria hatte die Wahl und war mehr als ein bloß passives Gefäß.
Rosenkranz Foto: © Adobe Stock
Zum „Marienmonat Mai“ gehören traditionellerweise Maiandachten, Rosenkranzgebete oder das Pilgern zu Marienwallfahrtsorten. Wie könnte man diesen Monat darüber hinaus begehen?
Als Bibelwissenschaftlerin rate ich
erstens: Lesen Sie die
Texte! Und lassen Sie sich darauf ein. Versuchen Sie einmal, aus den
Kindheitsgeschichten im Matthäus- und Lukasevangelium eine Chronologie
zu erstellen oder ein durchgehendes Bild von Maria. Schnell werden Sie
merken: Das funktioniert nicht. Aus den biblischen Texten lässt sich
keine durchgehende Biographie Mariens erstellen. Lassen Sie sich auf
diesen Gedanken ein, aber davon nicht abschrecken.
Zweitens: Reflektieren Sie die unterschiedlichen Rollen, die
Maria zugeschrieben werden wie Königin, Schutzpatronin, unterwürfig
Gehorchende oder Mutter, und befragen Sie diese darauf: Welche Rolle
macht Maria und andere Frauen stark, und welche hält sie klein?
Wie gehe ich zum Beispiel mit der Maria um, die das „Magnificat“ singt – ein Protestlied gegen die Herrschenden und Mächtigen? Es ist topaktuell in unseren Zeiten, in denen es gerne heißt, Kirche solle nicht zu politisch sein.
Drittens: Nutzen Sie den oft frühlingshaften und schönen Monat
Mai, um gemeinsam hinaus in die Natur zu gehen und sich über Gott und
die Welt auszutauschen.
Buchtipp von Eva Puschautz zum Marienmonat Mai: „Maria in Geschichte und Gegenwart. Befreiende Perspektiven auf die Mutter Jesu“. Foto: © Ines Schaberger
Inwiefern kann Maria Frauen von heute inspirieren?
Maria, diese Frau aus dem kleinen Dorf Nazareth, wird seit 2000
Jahren in so vielen Texten, Gemälden, Musikstücken, Gedichten rezipiert –
bis heute. Das ist ein Stück wirkmächtige Frauengeschichte und sehr
empowernd. Und trotzdem war diese Person nicht perfekt und schlug sich
mit Alltagsmühen herum, wie jede von uns.



