Glaubenswelten
22.04.2026

Interreligiöser Dialog

Ich sehe nicht, was du sehen magst

Wie steht es eigentlich um den interreligiösen Dialog? Die Bemühungen um Verständigung zwischen Juden, Christen und Muslimen scheinen von Krisen überlagert zu sein. Andreas Renz erklärt die Lage – und was jetzt zu tun ist.
   

Papst Franziskus bei einem Treffen mit muslimischen Würdenträgern in der Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi 2019. Papst Franziskus bei einem Treffen mit muslimischen Würdenträgern in der Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi 2019. Foto: © imago/ABACAPRESS

Überblickt man die letzten zehn Jahre des Dialogs der katholischen Kirche mit dem Judentum und dem Islam auf Weltebene, so fällt die Bilanz sehr gemischt aus. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Konzilsdokuments Nostra aetate veröffentlichten orthodoxe Rabbiner 2015/16 zwei bahnbrechende Dialogerklärungen, in denen sie erstmals die theologische Wende der katholischen Kirche in ihrer Beziehung zum Judentum würdigten und grundlegende Gemeinsamkeiten beider Glaubensweisen betonten. 

Doch seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sind die offiziellen Beziehungen zwischen dem Vatikan und den jüdischen Gesprächspartnern schwer belastet, weil sich die katholische Kirche aus jüdischer Sicht nicht klar genug positioniert hat und zu sehr mit den Palästinensern solidarisiert.

Anzeige

Der 7. Oktober 2023 als Einschnitt

Ein ähnliches Bild ergibt sich mit Blick auf den Islam: 2019 hatte Papst Franziskus noch mit dem Großscheich der Al-Azhar-Universität ein wegweisendes Dokument über die „Geschwisterlichkeit aller Menschen“ feierlich in Abu Dhabi  unterzeichnet – das ihn auch wesentlich zu seiner Enzyklika Fratelli tutti inspirierte –, doch auch hier haben der 7. Oktober und die Reaktionen in der islamischen Welt Vertrauen zerstört.

Auch in Deutschland wird der interreligiöse Dialog wesentlich von den Ereignissen seit dem 7. Oktober 2023 bestimmt, die eine ähnliche Zäsur mit sich gebracht haben wie die Anschläge in den USA am 11. September 2001, aber unter anderen Vorzeichen: Der 7. Oktober und seine Nachgeschichte haben die jüdisch-muslimischen Beziehungen schwer verunsichert, erschwert, belastet, vielfach auch zerbrochen. Das wechselseitige Vertrauen ist verloren gegangen. Ausgesprochene und unausgesprochene wechselseitige Schuldvorwürfe, Forderungen wurden und werden erhoben, sehr schnell setzte ein Lagerdenken ein: Wer sich nicht eindeutig genug für die eigene Seite positioniert, ist kein Gesprächspartner mehr. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt.

[inne]halten - das Magazin 14/2026

Seit 1901 am Puls der Zeit

Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Zuhören und miteinander sprechen

Der falsche Weg wäre, aufzugeben und sich resigniert zurückzuziehen. Wir brauchen wieder eine Haltung des Zuhören-Wollens und -Könnens; eine Haltung, die davon ausgeht, dass der andere vielleicht etwas sieht, was ich nicht sehe; dass der andere auch Recht haben könnte; dass die Wirklichkeit komplex und vielschichtig ist und wir nur durch Dialog und Austausch der Perspektiven zu einer besseren Sicht der Dinge und zu Lösungen kommen können. Deshalb: zuhören, zuhören, miteinander sprechen! „Red’ts halt mitanand“ – so lautete das Motto des Stadtschulrats und Pioniers des christlich-jüdischen Dialogs in München nach dem Krieg, Anton Fingerle. Wir brauchen eine durchaus auch politische Stärkung der noch bestehenden interreligiösen Netzwerke. Wir brauchen eine Stärkung der interreligiösen Jugendarbeit, vor allem in der Bekämpfung von Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Fundamentalismus, gegen die Prediger des Hasses in den sozialen Netzwerken. 

Der interreligiöse Dialog, so sagte einst Papst Franziskus, ist ein Handwerk, ein Handwerk des Friedens. Das kostet Kraft und Mühe, aber es lohnt sich für alle Beteiligten und die ganze Gesellschaft.

Andreas Renz

Andreas Renz leitet den Fachbereich Dialog der Religionen im Erzbischöflichen Ordinariat München. Andreas Renz leitet den Fachbereich Dialog der Religionen im Erzbischöflichen Ordinariat München. Foto: © privat
Innehalten-Leseempfehlung