Erster Schritt zum Frieden in Gaza
Nach zwei Jahren Krieg erzielen Israel und die Terrororganisation Hamas ein Friedensabkommen. Es sieht auch die Freilassung der Geiseln vor. Nikodemus Schnabel, Abt der benediktinischen Dormitio-Abtei in Jerusalem, hofft, dass auch die Religionsführer zu einem dauerhaften Frieden beitragen können.
"Beendet das Blutvergießen" - diese Forderung israelischer Demonstranten könnte nun Wirklichkeit werden. Foto: © Bild: IMAGO / Xinhua
Müde sieht er aus, der sonst so quirlige Abt Nikodemus Schnabel. Die Auswirkungen des seit zwei Jahren andauernden Krieges stehen ihm ins Gesicht geschrieben, als er erklärt: „Alles, was man aus den Nachrichten kennt, kennen wir mit Gesicht, mit Biografie, mit Namen, kennen wir wirklich aus allererster Hand. Und das geht natürlich wirklich komplett unter die Haut. Uns umgibt ein Ozean von Leid.“
Es gibt Christen auf beiden Seiten
In seinen beiden Klöstern in Jerusalem und in Tabgha am See Genezareth gibt es palästinensische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Verwandte in Gaza haben. Es gibt jüdische Freunde, die mit den Geiseln verwandt oder befreundet sind. Der Krieg bestimmt das tägliche Leben – auch das der Christen – auf beiden Seiten: „Am 7. Oktober hat die Hamas auch Katholiken ermordet, allesamt philippinische Altenpfleger. In Gaza selbst haben wir zwei sehr lebendige Pfarreien. Die Flughafentoiletten in Tel Aviv werden von katholischen Indern geputzt. Deswegen sind wir Christen weder pro Israel noch pro Palästina, wir sind pro Mensch.“
Insgesamt liegt der Anteil der Christen im Heiligen Land bei weniger als zwei Prozent – zu wenig also, um Einfluss auf die Politik zu nehmen, unter der sie jedoch massiv leiden, auch wirtschaftlich. Denn ein Kloster lebt von Pilgern, die aufgrund des Krieges nicht mehr kommen. Vor dem Krieg hatte bereits Corona den Tourismus lahmgelegt. „Das letzte gute Jahr war 2019“, fasst der 46-Jährige zusammen. Er tut alles, damit er keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen muss.
Christliches Disneyland
Er und seine Mitbrüder wollen bleiben, als Seelsorger da sein und den Menschen Trost und Geborgenheit schenken. Doch während die Ordensleute bleiben, verlassen immer mehr einheimische Christen das Land, stellt der Abt besorgt fest. Denn 60 Prozent der einheimischen Christen arbeiten im Tourismus – als Busfahrer, Restaurantbesitzer, Hoteliers oder Krippenschnitzer.
„Wir befürchten, hier zu einem christlichen Disneyland zu werden, wenn nur wir Profi-Christen, also wir Ordensleute, bleiben“, meint er und erklärt: „Wir haben dann eine Infrastruktur für die Pilger, vielleicht noch ein paar Schulen, ein paar Krankenhäuser. Aber es gibt eben kein lebendiges einheimisches Christentum mehr.“
Hofft auf einen tragfähigen Frieden im Heiligen Land: Abt Nikodemus Schnabel OSB. Foto: © privat
Israelisches Volk protestiert gegen
israelische Regierung
Die
Friedensverhandlungen beobachtet er mit großer Hoffnung, damit das
Leiden endlich ein Ende hat. Die deutsche Haltung zum Konflikt findet er
allerdings zum Teil befremdlich: „Diejenigen, die sich als
pro-israelisch definieren und von der Staatsräson reden, verwechseln da
einiges. Sie setzen die derzeitige, wirklich furchtbare israelische
Regierung, die in Teilen wirklich menschenverachtend und rechtsradikal
ist, gleich mit dem wunderbaren jüdischen israelischen Volk, das zu
Hunderttausenden auf die Straße geht und sich massiv gegen diesen Krieg
ausspricht.“
Selbst im israelischen Militär gebe es bis in die
höchsten Ränge viele kritische Stimmen. Ein großes Thema sei auch die
steigende Suizidrate unter den Soldaten.
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Moralischer Kompass der Religionen
kann Hoffnung schenken
Im Friedensprozess hofft er, dass die Religionsgemeinschaften sich daran erinnern, dass sie mehr verbindet, als sie trennt: „Alle drei abrahamitischen Religionen bekennen, dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Und zwar jeder Mensch. Wenn das der moralische Kompass ist, dann habe ich Hoffnung.“
Wenn jetzt endlich die Waffen schweigen sollten, hofft Abt Nikodemus, dass die Religionsführer zu einem dauerhaften Frieden beitragen könnten: „Es gibt sehr viele wunderbare jüdische, muslimische, drusische Menschen, die tiefgläubig sind. Und der Glaube führt immer zum selben Ergebnis: zum liebenden Blick auf den Anderen – und damit zum Dialog und zur Versöhnung.“



