Glaubenswelten
24.01.2026


Glaubenswege

Endlich angekommen!

Schon als junge Frau fühlte sich Juliana Gombe zu den Salesianerinnen hingezogen, aber das Leben der gebürtigen Angolanerin lief anders: von der Heimat über Russland nach Deutschland. Und über Umwege dann doch zu ihrer früheren Berufung.
 

Juliana Gombe bei einer Pilgerreise. Juliana Gombe bei einer Pilgerreise. Foto: © Johanna Marin

„Ich bin damals zur Post gegangen und habe ein Telegramm nach Angola geschickt: ‚Papa, wann holst du mich ab?‘ Darauf hat er nicht geantwortet.“ Juliana Gombe sitzt auf dem Sofa ihrer unscheinbaren Magdeburger Wohnung, vor sich Tee und Kuchen. Sie erinnert sich an die Anfänge ihrer Berufung. Als junge Frau wollte sie Salesianerin werden. Stattdessen schickte ihr Vater sie zum Studium ins Ausland. 

Mit 18 Jahren spürte sie, dass sie bei den Salesianerinnen eintreten wollte, bei denen sie zur Schule ging. Sie wurde Postulantin. „Deren Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat mich geprägt.“ Gombe zögert, spricht dann weiter: „Und ich war richtig verliebt in Jesus.“ Dann fängt sie an zu lachen und sagt: „Bin ich immer noch. Der immer mit seiner Nächstenliebe!“ 

Ein guter Christ sein – auch ohne Ordensleben

Sie wollte unbedingt ein Werkzeug für Jesus werden, aber ihr Vater hatte andere Pläne: Der Sohn eines evangelischen Bischofs hatte stets unterstützt, dass seine Frau und seine Kinder katholisch waren. Doch die Einverständniserklärung, die Juliana Gombe für das Noviziat gebraucht hätte, weil sie noch nicht 21 war, wollte er nicht unterschreiben. Stattdessen schickte er seine Tochter im Sommer 1987 in die Sowjetunion. „Er versprach mir, die Erklärung zu unterschreiben, wenn ich wiederkäme“, erinnert sich Gombe. „Das war gelogen.“ 

Statt sie wie gewünscht abzuholen, besorgte er ihr einen Studienplatz in Russland. „Ich war so sauer auf meinen Vater“, erzählt sie. Doch im Dezember des gleichen Jahres kam er sie besuchen. „Du kannst auch ein guter Christ sein, ohne einem Orden beizutreten“, habe er ihr gesagt. „Und da“, bei diesen Worten lächelt Juliana Gombe ganz kurz, „ist meine Wut verpufft.“

Sie schneidet ein Stück Kuchen ab, gießt Tee nach und lehnt sich zurück. „Damals dachte ich dann: Gut, dann bleib’ ich so!“ Und so studierte sie Ökonomie in der Sowjetunion und lernte ihren Ex-Mann kennen. Doch der Grundgedanke der Salesianer Don Boscos – sich um Kinder zu kümmern und ihnen zu helfen – blieb tief verwurzelt in Gombes Leben.
  

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Das erste Pflegekind

Als sie einmal ihre Familie in Angola besuchte, traf sie am Strand auf ein Straßenmädchen. Das Mädchen lief immer wieder ins Wasser, um Blut abzuwaschen, das an ihren Beinen herunterlief. Sie hatte ihre Periode bekommen und wusste nicht, was das war. „Ich habe ihr Binden gekauft und erklärt, wie das funktioniert“, erzählt Gombe. 

Ihre Familie nahm das Mädchen auf, verschaffte ihr Ausweisdokumente und einen Platz an einer Schule. „Sie hat immer so viel Essen bei uns genommen, dass meine damals noch kleinen Kinder irgendwann sagten: ‚Mama, sie wird platzen!‘“ Gombe lacht, dann wird sie ernst: „Dieses Mädchen war gewissermaßen mein erstes Pflegekind.“ Andere kamen später hinzu.

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Andere Menschen nicht im Stich lassen

Die Sehnsucht nach den Werten Don Boscos habe sie immer gespürt, sagt Gombe. Sie fing an, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. „Das kann ich! Das brauch’ ich!“ Wie um ihre Worte zu unterstreichen, gestikuliert sie mit den Händen. Im Februar 1996 kam sie nach Deutschland, zuerst in eine Gemeinschaftsunterkunft. „Wenn die anderen gefragt haben: ‚Wo ist sie denn?‘, war eigentlich klar: Ich bin mit den Jugendlichen auf dem Fußballplatz.“ Wieder fängt sie an zu lachen. „Die Freunde meines Mannes sagten damals nur: ‚Was ist das denn für eine Frau?‘“

Sie lernte Deutsch, studierte noch mal, diesmal Bildungswissenschaft und Psychologie. Heute arbeitet sie als gesetzliche Betreuerin und regelt bürokratische Angelegenheiten für die Menschen, die das Gericht zu ihr schickt. „Ich kümmere mich um die Menschen, die das nicht selbst können“, sagt sie. „Und das mach’ ich gern.“ 2017 gründete sie den Verein „TOLL – Toleranz lernen & leben“. Kinder und Familien mit Migrationshintergrund können dort zusammenkommen, spielen oder musizieren. Außerdem vermittelt der Verein Jugendliche an Kultur- und Sportvereine und bietet ein Deeskalationstraining an. „Weil ich Jesus so liebe, kann ich andere Menschen nicht im Stich lassen“, sagt Gombe.

Die Feier der Aufnahme in die Laiengemeinschaft der „Salesianischen Mitarbeiter Don Boscos“. Die Feier der Aufnahme in die Laiengemeinschaft der „Salesianischen Mitarbeiter Don Boscos“. Foto: © privat

„Don Bosco hatte eine Idee
für Menschen wie mich“


Als ihre Kinder erwachsen wurden, sagte sie ihnen, dass sie nun in den Orden eintreten wolle. „Aber wer kümmert sich dann um deine Frischlinge bei TOLL?“, hätten die gefragt. Gombe musste ihnen recht geben – und fand ihren Weg trotzdem. „Ich bin dankbar, denn Don Bosco hatte eine Idee für Menschen wie mich“, erklärt sie. 


Der Heilige, so erzählt Gombe, merkte nämlich bei seiner täglichen Arbeit, dass nicht nur Priester dazu berufen sind zu helfen. Er habe beobachtet, wie auch Laien – allen voran seine eigene Mutter – sich um bedürftige Kinder kümmerten, sagt sie. Deshalb gründete er die „Salesianischen Mitarbeiter Don Boscos“, eine geistliche Laiengemeinschaft. „Diese Gemeinschaft ist so geil“, schwärmt Gombe. „Du brauchst dich nicht zu ändern. Du kannst weiter machen, was du tust!“ 


So sei sie viel freier, als wenn sie dem Orden beigetreten wäre, erklärt sie. Sie kann Nachhilfe in der Stadtbibliothek geben oder Obdachlose bei der Bahnhofsmission besuchen. „Jetzt habe ich wirklich keine Sehnsucht mehr“, sagt Juliana Gombe, die im vergangenen November in Magdeburg der Laiengemeinschaft beigetreten ist. „Weil ich jetzt weiß, dass ich aufgenommen wurde.“


Johanna Marin

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