Glaubenswelten
28.02.2026

100. Jahrestag

„Einswerden mit dem Leiden Christi“

Vor 100 Jahren begannen bei Therese Neumann, genannt „Resl von Konnersreuth“, die Stigmatisierungen. Bis heute ringen Glaube, Medizin und Psychologie um das Phänomen dieser besonderen Wunden.
   

Am 5. März 1926, also vor genau 100 Jahren, zeigten sich erstmals die Wundmale Christi bei Therese Neumann, genannt „Resl von Konnersreuth“. Am 5. März 1926, also vor genau 100 Jahren, zeigten sich erstmals die Wundmale Christi bei Therese Neumann, genannt „Resl von Konnersreuth“. Foto: © KNA-Bild/KNA

Für viele sind sie ein rätselhaftes Phänomen: Menschen, die die Wundmale Christi tragen. Regelmäßig bluten sie an Händen, Füßen und auch im Brustbereich. Franz von Assisi war der erste; 100 von ihnen wurden allein im 20. Jahrhundert verzeichnet. Therese Neumann, genannt „Resl von Konnersreuth“, war die wohl umstrittenste von ihnen. Vor 100 Jahren, am 5. März 1926, begannen bei ihr die Stigmatisierungen. 

Betroffene nehmen zunächst kleine, rötliche Hautveränderungen wahr – an Händen, Füßen und im oberen Brustbereich, also dort, wo Jesus laut Bibel bei der Kreuzigung verletzt wurde. Diese eckigen Male beginnen von Zeit zu Zeit zu bluten, häufig freitags – dem Tag der Kreuzigung – und in der Karwoche. Zuvor spüren Betroffene nach eigenem Bekunden ein Kribbeln. Bei manchen tauchen auch Schrammen am Kopf auf; aus ihnen tritt das Blut heraus wie einst beim Träger der Dornenkrone. Häufig bleiben die Male sehr lange offen, ohne sich jemals zu entzünden. Medizinisch lassen sie sich nicht behandeln. 

Wundersame Vorkommnisse

Bei der Oberpfälzer Bauernmagd traten die Wundmale Christi regelmäßig auf; in Ekstase durchlebte sie dann das Leiden Christi. In Visionen soll sie Aramäisch gesprochen haben, also die Muttersprache Jesu. Als die wundersamen Vorkommnisse ab 1926 regelmäßig auftraten, setzte eine internationale Wallfahrtsbewegung nach Konnersreuth ein. Ärzte, Theologen und Journalisten nahmen sich der Prüfung der Echtheit an, führten Beweise und Gegenbeweise an.

Für den Jesuiten Eckhard Frick sind Thereses Stigmatisierungen „ein psychosomatischer Ausdruck einer Leidensmystik“, wie er auch bei Franz von Assisi vorgekommen sei. Bei Therese habe das Auftreten der Wundmale jeweils in Verbindung mit Festtagen wie dem Karfreitag gestanden, aber auch mit biografischen Faktoren wie dem Brand eines Stadels in der Nachbarschaft und der Heimkehr ihres Vaters aus dem Krieg. Zugleich sei die Frau „eine ganz handfeste Person mit gesundem Menschenverstand und Humor“ gewesen, so der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
  

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Inspiration für NS-Widerstand

„Resl“ soll jahrzehntelang ohne Wasser ausgekommen sein und nur vom Empfang der täglichen Kommunion gelebt haben. Frick deutet diese wundersamen Begebenheiten nicht als unerklärlich, sondern als etwas, „das den Glauben trägt und stützt“. Ein Wunder ist für Frick dieses „mystische Einswerden mit dem Leiden Christi, wenn es Menschen zu mehr Glauben führt“. 

Bei „Resl von Konnersreuth“ war das der Fall – immer mehr Menschen hörten von den wundersamen Ereignissen und besuchten sie. Und obwohl sie nur über eine einfache Volksschulbildung verfügte, versammelte die Magd Ende der 1920er Jahre einen Intellektuellenzirkel um sich und inspirierte ihn zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

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Personenkult und Kommerzialisierung

Einer von ihnen, der Münchner Publizist Fritz Gerlich, war 1927 eigentlich nach Konnersreuth gefahren, um den „Schwindel“ dort aufzudecken. Doch unter dem Eindruck der Begegnung mit Therese Neumann verwandelte er sich zu einem ihrer glühendsten Verteidiger und konvertierte zum katholischen Glauben. 

Auch wenn viele Träger von Wundmalen heiliggesprochen sind – die katholische Kirche bewertet Stigmata inzwischen mit Vorsicht. Auch weil – wie bei Pater Pio – ein Personenkult und Kommerzialisierung damit einhergehen können. Viel wichtiger sei das religiöse Vorbild. Das unterstreicht auch Psychologe Frick: „Kriterium muss doch sein, was zu Glaube, Hoffnung und Liebe führt – und nicht, was irgendwelche Ärztebüros für unerklärlich halten.“

Angelika Prauß/Christoph Renzikowski

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KNA
Artikel von KNA
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