Demeter und Rudolf Steiner: Warum spirituelle Ansätze bleiben
Rudolf Steiner war nicht nur der Begründer der Anthroposophie, sondern auch Impulsgeber für neue Unternehmen und Organisationen. Er initiierte unter anderem die biologisch-dynamische Landwirtschaft, aus der der Demeter-Anbauverband entstanden ist. Auch 100 Jahre nach seinem Tod setzt sich der Verband für Steiners Ansätze ein, zu denen auch spirituelle Praktiken gehören. Jörg Hütter, Leitung Politik, Richtlinien und Qualitätsentwicklung im Demeter Verband, erklärt im Interview, wieso Demeter in seinen Richtlinien bis heute an den spirituellen Komponenten Steiners festhält.
Praktisch angewandte Spiritualität: Kuhhorn-Präparat, das die Demeter Landwirte auf dem Acker ausbringen. Foto: © Biodynamische Föderation Demeter International
Rudolf Steiner hält Anfang Juni 1924 nahe Breslau eine Vortragsreihe vor Landwirten, die als Geburtsstunde der biologisch-dynamischen Landwirtschaft gilt. Was ist sein Konzept, mit dem er die Landwirtschaft seiner Zeit reformieren möchte?
Auf Rudolf Steiner sind Landwirte sehr großer landwirtschaftliche Güter zugekommen, die sich Sorgen über abnehmende Erträge und aufkommende Schädlinge machten, vor allem bei der Zuckerrübe. Steiners Ansatz war dabei folgender: Wenn wir in ein lebendiges System, wie es das Zusammenspiel von Boden – Pflanze – Tier ist, durch landwirtschaftliche Maßnahmen eingreifen, so müssen diese Maßnahmen selbst aus einem lebendigen System entwickelt werden. Und damit war klar: synthetisch mit viel Energie aus der Luft gewonnener Stickstoff, was damals die Antwort der aufkommenden Düngemittelindustrie war, wird nicht seine Antwort sein. Stattdessen entwickelte er eine Kreislaufwirtschaft, in dem Dünger aus dem Zusammenspiel von Boden-Pflanze-Tier-Kosmos gewonnen wird. Steiner bezieht hier bewusst die meteorologischen oder in seinen Worten kosmischen Einflüsse auf Lebensprozesse mit ein.
Steiner setzt auch spirituelle Akzente. Wie die mit Mist gefüllten Kuhhörner, die er als spirituelle Antennen bezeichnet. Wieso spielt die spirituelle Dimension bei ihm eine so große Rolle?
Das stimmt, Steiner geht noch einen Schritt weiter: Denn natürliche Kreisläufe allein werden nicht ausreichen, um die Degeneration der Böden zu verhindern, so sein Ansatz. Es braucht seiner Meinung nach den Einfluss des Menschen, der mit spirituellem Wissen Heilmittel für die Böden herstellen kann, wie z.B. das Hornmist-Präparat. Wir wissen heute, dass die Funktion des Kuhhorns für das Tier unter anderem mit dem Verdauungsvorgang und der Atmung zu tun hat, aber es benötigte die spirituelle Dimension, um diese Vorgänge einmal vollständig zu beschreiben und daraus Präparate zu entwickeln. Steiner begriff Kuhhörner als Organe, die Kräfte und Stoffe (z.B. Sauerstoff) stauen und wieder an den Organismus zurückgeben. Aus diesem Bild heraus hat er das Kuhhorn-Präparat angeregt, dabei wird das Horn mit Kuhmist gefüllt und im Winter in der Erde fermentieren gelassen. Heraus kommt ein feinstrukturiertes, gut riechendes Ferment, das die Landwirtinnen und Landwirten nach intensiver Verrührung in homöopathischer Dosis auf dem Acker zu Vegetationsbeginn ausbringen.
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Die spirituellen Ansätze Steiners in der Landwirtschaft werden bis heute als esoterisch und wissenschaftlich nicht belegbar kritisiert. Wie gehen Sie damit um?
Natürlich sind komplexe Vorgänge wie die Wirkung solcher Präparate nicht alle sofort wissenschaftlich belegbar. Man denke nur daran, wie lange man in anderen komplexen Bereichen benötigte, um Vorgänge zu erforschen. Biodynamische Forschung gibt es seit 100 Jahren, während es im heutigen Sinne experimentelle Forschung im Bereich Physik seit Anfang des 17. Jahrhunderts gibt. In Langzeitversuche hat sich das Gesamtsystem der Biodynamischen Landwirtschaft als vorteilhaft erwiesen, nun sind wir in der Mikrobiom-Forschung dran, auch genauer die Interaktionen der Präparate im Boden zu verstehen.
Der Demeter-Anbauverband basiert auf den Lehren Rudolf Steiners, dem Begründer der Biodynamischen Landwirtschaft. 1924 hielt Steiner den „Landwirtschaftlichen Kurs“, der eine ganzheitliche, spirituell orientierte Anbaumethode definierte. Demeter wurde 1928 als erstes Bio-Siegel gegründet und setzt auf geschlossene Hofkreisläufe, kosmische Rhythmen und spezielle Präparate zur Bodenbelebung.
In Deutschland zählt Demeter zu den führenden Bio-Verbänden. Im Jahr 2024 wirtschafteten nach Angaben des Verbandes 1.727 Demeter-Betriebe auf insgesamt 108.581 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. 16.062 Demeter-Produkte werden in Hofläden sowie im Fach- und Lebensmitteleinzelhandel zum Verkauf angeboten. Weltweit praktizieren nach Angaben von Demeter International mehr als 7.000 Landwirte die Biodynamische Landwirtschaft.
Trotz aller Vorbehalte spricht der Erfolg des Demeter-Anbauverbandes für sich. Liegt das auch daran, dass Menschen sich heutzutage immer mehr auch jenseits von Religion von spirituellen Inhalten angesprochen fühlen?
Menschen suchen nach Haltung, Werten und Authentizität. Demeter steht prinzipiell für eine bestimmte Haltung und für Werte, die vielen Menschen wichtig sind: für eine nachhaltige Landwirtschaft, hohe Ansprüche ans Tierwohl, aber auch eine besonders schonende, werterhaltende Verarbeitung der wertvollen Rohstoffe, ohne unnötige Zusatzstoffe. Demeter ist mehr als eine Marke, es ist eine weltweite Bewegung, die diese Grundwerte teilt. Dazu gehört auch ein ganzheitlicher, die Spiritualität inkludierenden Ansatz, der auf den Impulsen Steiners beruht.
Aber generell muss man kein spiritueller Mensch sein, um Demeter-Produkte zu kaufen …
Nein, die meisten greifen zu Demeter-Lebensmitteln, weil sie wissen: Die schmecken gut – und tun mir gut. Ob man nun guten authentischen Geschmack besonders schätzt, ob man Kreislaufwirtschaft, Tierwohl, Biodiversität und hohe Standards in den Vordergrund stellt, es gibt sehr viele gute Gründe um Demeter-Produkte zu kaufen. Wir führen zwar als Verband eine starke Marke, aber im Vordergrund steht eine starke Wertegemeinschaft, die in der Lebensmittelerzeugung hohe ethische Ansprüche pflegt und dabei auch Spirituelles mit einbezieht. Dass ist kein Muss, weder für unsere Kunden noch für unsere Produzenten, sondern ein Angebot!
Jörg Hütter, Leitung Politik, Richtlinien und Qualitätsentwicklung im Demeter Verband. Foto: © Demeter e.V.
Alle Ideen unterliegen in der praktischen Anwendung einem zeitlichen Wandel, das gilt auch für die spirituellen Ideen Steiners. Die Ideen sollen lebendige Bilder erzeugen, die sich wandeln können, eben weil sie lebendig sind. Gerade in der Landwirtschaft, wo kein Jahr dem anderen gleicht ist die Anpassungs- und Veränderungsnotwendigkeit stärker als in Industrieprozessen. Und dennoch können die zugrundeliegenden Ideen und Prinzipien eine Basis bilden, die Orientierung bietet, das ist kein Widerspruch.
Die biodynamische Landwirtschaft ist auch nach 100 Jahren eine sehr zukünftige Form der Landwirtschaft, die vieles bisher erst in Ansätzen entwickelt hat. Das beste Beispiel ist vielleicht die Pflanzenzüchtung: Es ist schon viel geleistet, weil wir schon viele eigene Sorten entwickelt haben, die sich besonders gut für die biodynamische und ökologische Landwirtschaft auch unter klimatischen Veränderungen eignen. Aber neue Herausforderungen, wie etwa der Gesetzentwurf zur Deregulierung neuer Gentechniken in Europa, werden es umso nötiger machen, in Zukunft eigenes Saatgut zu züchten und Sorten zu erhalten, denn schon bald werden viele Sorten auf dem Markt sein, die aufgrund ihrer gentechnisch veränderten Eigenschaften nicht unserem Werteverständnis entsprechen und sogar bewährte Sorten verdrängen könnten.



