Kolumne
Ansteckungsgefahr!
Die Angst vor ansteckenden Krankheiten steckt uns Menschen in den Knochen. Doch es gibt auch eine Ansteckungskraft des Guten, beobachtet Andreas Knapp.
Zu Beginn der Corona-Pandemie achtete ich ängstlich auf Symptome, die auf eine mögliche Ansteckung hinweisen konnten. Einmal hatte ich nicht so gut geschlafen. Es gab noch keine Tests und so griff ich morgens gleich zum Fieberthermometer. Tatsächlich: Ich hatte fast 39 Grad Fieber. Ich fühlte mich zwar nicht krank, riegelte mich aber sofort ab, um die Brüder meiner Ordensgemeinschaft nicht anzustecken. Diese versorgten mich mit Essen, und ich verbrachte die Zeit der selbst gewählten Quarantäne vor allem mit Lesen. Das Thermometer zeigte fast eine Woche lang Fieber an. Weil ich mich aber irgendwie nicht krank fühlte, wurde ich misstrauisch. Und tatsächlich: Der Test mit einem anderen Thermometer ergab, dass ich gar kein Fieber hatte. Das Thermometer war defekt – und ich hatte mich eine Woche lang grundlos abgesondert …
Menschen werden isoliert
Die Angst vor ansteckenden Krankheiten steckt uns in den Knochen. Seit Jahrtausenden hat der Mensch Kranke mit bestimmten Symptomen aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Aussätzigen zur Zeit Jesu wurden beispielsweise systematisch isoliert. Man vermied aus verständlichen Gründen jeden Kontakt und zwang die Erkrankten, sich schon von weitem durch Geräusche kenntlich zu machen. Sie galten auch religiös als „unrein“, und so wollte man ihnen nicht zu nahe zu kommen. Auch heute achten wir zurecht darauf, nicht mit Menschen in Berührung kommen, die eine gefährliche Infektionskrankheit haben. In den Krankenhäusern gibt es Quarantänestationen, und das Pflegepersonal nähert sich den Kranken mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen.
Die Ansteckungskraft des Guten
Eigentümlicherweise setzt sich Jesus des Öfteren über die Abstandsregeln der damaligen Zeit hinweg. In anscheinend naiver oder leichtsinniger Weise nähert er sich Menschen, die an einer ansteckenden Krankheit leiden. Während seine Zeitgenossen um die Aussätzigen einen großen Bogen machen, geht er auf diese frisch und unbekümmert zu und berührt sie sogar (vgl. Mt 8, 1-4). Wie ist das zu erklären?
Jesus war von der Ansteckungskraft des Guten überzeugt: Er glaubt daran, dass nicht nur Krankheit und Böses infizieren können, sondern dass auch Güte und Liebe ansteckend wirken. So nähert er sich sogar den Aussätzigen, die aus der Gesellschaft brutal ausgestoßen werden. Das Unglaubliche passiert: Jesus macht sich durch die Berührung nicht unrein, sondern die Unreinen werden durch seine Berührung rein. Jesus hat eine ansteckende Gesundheit. Denn nichts kann einen Menschen so sehr verändern wie die Erfahrung echter Liebe! Wenn verweigerte Zuwendung Kinder krank macht, wenn Hass Menschen bis ins Mark kränkt und sie bis in ihre körperliche Verfassung hinein vergiftet, warum sollte dann eine große Liebe nicht auch heilen können?
Kann Glaube ansteckend wirken?
Jesus beauftragt seine Jünger, in seinem Namen Menschen zu heilen. Das könnte auch für mich eine Einladung sein: Mich von einem guten Wort Gottes berühren lassen und damit andere berühren. Der Glaube wird nicht durch Argumente und Beweisführungen weitergegeben, sondern man wird angesteckt mit seiner verwandelnden Kraft. Die Kirche ist dort lebendig, wo sich Vertrauen und Versöhnung, Freude und Engagement durch Vorbilder ausbreiten.
Viele aber halten sich Gott vom Leib und bleiben auf Distanz. Sie machen einen Bogen um alles, was mit Kirche und Religion zusammenhängt. Man hält wie bei einem Aussätzigen Abstand. Oder man lässt sich – oft unbewusst – gegen religiöse Erfahrungen impfen, und viele Zeitgenossen scheinen tatsächlich gegenüber dem Glauben immun geworden zu sein.
Wer aber riskiert, sich vom Evangelium Jesu anstecken zu lassen, der wird die heilende Kraft dieser Botschaft erfahren. Und wer sich mitreißen lässt, der kann auch andere anstecken. Als Christinnen und Christen brauchen wir uns nicht wie hinter gläsernen Kliniktüren zu isolieren und uns nicht in das Ghetto der Sakristei zurückzuziehen. Gefragt ist vielmehr, dass wir uns einmischen in Politik und Gesellschaft, in Firma und Nachbarschaft. Wie der Sauerteig das Mehl von innen her durchwirkt, soll das Evangelium vom Reich Gottes unsere Welt positiv umgestalten und mit dem Geist Jesu anstecken.
Also: Keine Angst vor Ansteckungsgefahr!



