Marienverehrung
Schwester der Leidenden
Maria steht unter dem Kreuz – schweigend, aushaltend, verwundet. In ihr verdichtet sich die Erfahrung unzähliger Mütter. Die Verehrung der „Sieben Schmerzen Mariens“ erzählt von diesem Leid und, wie es über Jahrhunderte zu einem Bild des Trostes geworden ist.
Michelangelos Skulptur im Petersdom ist die bekannteste Pietà der Welt. Foto: © AdobeStock/Mistervlad
Im Jahr 1497 bestellte der Botschafter des Königs von Frankreich am päpstlichen Hof, Kardinal Jean Bilhères de Lagraulas, bei einem jungen, noch kaum bekannten Bildhauer eine lebensgroße Statue für sein Grabmal, die „schöner sein soll als alle bisherigen Kunstwerke aus Marmor“. Michelangelo Buonarroti, so hieß das 25-jährige Nachwuchstalent aus der Provinz Arezzo, arbeitete zwei Jahre lang wie besessen: Aus einem einzigen Block Carrara-Marmor schlug er eine lebensgroße Madonna mit dem toten Sohn auf dem Schoß heraus. Die Skulptur im Petersdom ist heute noch die bekannteste Pietà der Welt.
Das entsprechende Fest der Katholiken ist verhältnismäßig jung, der spirituelle Inhalt aber reicht weit in das Mittelalter zurück: 1814 machte Papst Pius VII. den „Gedenktag der sieben Schmerzen Mariens“, der seit 1667 lediglich im stark marianisch orientierten Servitenorden begangen worden war, für die Gesamtkirche verpflichtend, an einem herausgehobenen Datum: am 15. September, einen Tag nach dem Fest Kreuzerhöhung. Einen zweiten Gedenktag mit demselben Titel und denselben liturgischen Texten feierte man bereits seit einem knappen Jahrhundert am Freitag vor dem Palmsonntag.
Sieben als Symbol der Fülle
Die „sieben“ Schmerzen hatten mit der uralten Bedeutung der Zahl sieben als Symbol der Fülle, Vollständigkeit und Vollendung zu tun: Es gibt sieben Weltwunder, den siebenarmigen Leuchter der Juden, das Buch mit sieben Siegeln, die sieben Himmel der Buddhisten, im Märchen die sieben Raben und die sieben Geißlein. Ganz ähnlich illustrierte man den furchtbaren, allumfassenden Schmerz der Muttergottes mit der Zahl „sieben“, die von der Volksfrömmigkeit dann auch mit sieben bestimmten Lebensstationen Mariens verbunden wurde.
Vor dem Hintergrund ihrer schmerzhaften Erfahrungen meditierte man die düstere Weissagung des Simeon im Tempel („deine Seele wird ein Schwert durchdringen“), die Flucht nach Ägypten vor Herodes, den Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel (erstes Anzeichen einer Entfremdung: er will in dem Haus bleiben, das „meinem Vater gehört“), die Begegnung zwischen Jesus und seiner Mutter auf dem Weg zum Kreuz, seine Kreuzigung und seinen Tod, die Übergabe des Leichnams an die weinende Maria und seine Grablegung.
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Kirchen des Schmerzes
Den Schmerzen Mariens sind zahllose Kirchen und Kapellen gewidmet, in Maria Birnbaum, Roßhaupten und München (im Hasenbergl und der Isarvorstadt), in Neapel und Rom-Trastevere, in Manhattan und im chinesischen Bistum Jiangbei, dort ist es eine richtige Kathedrale. In der Slowakei, zu deren Patronin die Muttergottes von den sieben Schmerzen 1927 erklärt wurde, ist der 15. September übrigens ein Feiertag. Und auch in Spanien genießt „Unsere Liebe Frau der Ängste“ besondere Verehrung.
Maria als Identifikationsfigur für Leidende und Trauernde, Maria vor allem als tröstende große Schwester der Kriegerwitwen und Soldatenmütter, die ihre Söhne auf dem Schlachtfeld verloren haben, das ist ein zeitloses Motiv der Frömmigkeit. Sonst stünde der aus dem 14. Jahrhundert stammende Hymnus „Stabat mater“ in seiner deutschen Fassung („Christi Mutter stand mit Schmerzen“) nicht noch immer in den Gesangbüchern, und das „Vesperbild“, die Pietà, die den toten Sohn in den Armen hält, würde nicht zu den häufigsten Sujets religiöser Kunst gehören.
Christian Feldmann



