Achtsamkeit
03.03.2025

Schwerstkrank im Wechselbad zwischen Angst und Vertrauen

Monika Renz zählt zu den bekanntesten Vertreterinnen von Spiritual care  im deutschsprachigen Raum. Im exklusiven Gespräch mit Innehalten.de erläutert sie, was in Menschen vorgeht, die wie Papst Franziskus an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden.
 

Menschen beten vor der römischen Gemelli-Klinik für den schwerkranken Papst Franziskus. Menschen beten vor der römischen Gemelli-Klinik für den schwerkranken Papst Franziskus. Foto: © IMAGO/ABACAPRESS

Wenn jemand erfährt, so wie Papst Franziskus jetzt, dass er lebensbedrohlich erkrankt ist, vielleicht sogar sterben muss, läuft dann ein festes inneres Programm in einem Menschen ab?

Ja und nein. Leiden ist individuell. Und doch sind viele Menschen, wenn eine lebensbedrohliche Krankheit eintritt, zuerst wie im Schock, dann in einem Gefühlskarussell von Enttäuschung, Trauer, Wut, Verzweiflung, Leere. Da brauchen der Körper und die Seele Zeit, um anzukommen. Meist geht es den Menschen besser, wenn klar ist, wie es jetzt medizinisch weitergeht. Bei Papst Franziskus erscheint diese Krankheit weiterhin akut lebensbedrohlich zu sein. In diesem Zustand bleibt nur mehr pure Angst und daneben viel Ruhe, Schlaf und totales Loslassen. Dieses Loslassen wiederum, führt in ein Urvertrauen, in eine spirituelle Erfahrung. Diese greift tiefer als alle Angst. Und das scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein.

Glauben Sie, dass Papst Franziskus jetzt solche Momente erlebt oder in den vergangenen Tagen erlebt hat?

Ich denke ja, und doch wissen wir es nie. Auch wenn ich einen schwerstkranken Menschen direkt vor mir habe, braucht es äußersten Respekt vor seiner je eigenen Persönlichkeit. Wir haben es immer mit Annäherungen an seine innere Wirklichkeit zu tun. Dass sich solche spirituellen Erfahrungen aber durchsetzen, habe ich bei hunderten von schwerstkranken und sterbenden Menschen erfahren. Sie sind die Grundlage etwa für mein Buch „Grenzerfahrung Gott“. Natürlich haben schwerkranke Patienten zwischendurch Angst. Und Angst ist zunächst reine Körperreaktion: schon bevor wir uns der Angst bewusst sind, schießt der Puls nach oben, und der Körper schwitzt, zittert oder friert. Dann wieder sind Ruhe, Schlaf oder eben diese spirituelle Erfahrung und Gottnähe da, selbst beim Erstickungstod, den auch Jesus gestorben sein dürfte.

Monika Renz. Monika Renz. Foto: © privat

Monika Renz hat an die 1.000 Menschen beim Sterben begleitet und ist vielen tausend Menschen mit lebensbedrohlichen Krankheiten begegnet. Ihre Erfahrungen gibt Monika Renz in ihren Büchern weiter. Die Psycho- und Musiktherapeutin hat auch in Theologie promoviert. Sie gehört zu den wichtigsten Vertreterinnen eines interdisziplinären Ansatzes in der Versorgung schwerstkranker Menschen, die in ihrer letzten Lebensphase tiefe spirituelle Erfahrungen sammeln. Die gebürtige Schweizerin arbeitet am Kantonsspital Sankt Gallen insbesondere mit Krebspatienten zusammen. Dort etablierte Monika Renz 1998 eine Abteilung für Psychoonkologie, an der sie seither tätig ist.

Wie beeinflusst oder verändert denn eine solche Todesnähe den Blick des erkrankten Menschen auf seine Umwelt, auf die Personen, die ihn umgeben?

Kranke sind erhöht angewiesen sind auf liebende Nähe. Sterbende im Speziellen wissen um die Endgültigkeit solch letzter Begegnungen. Sie geben ihren Liebsten gerne ihr seelisches Vermächtnis mit, das Äußerste an Liebe, das sie vermögen. Aber auch an Wahrheit. Sterbende sehen Dinge, die sie ein Leben lang nicht gesehen haben, und sie können das meist kaum in Worte fassen. Manche verspüren Reue. Auch Vergebung, die zu Lebzeiten schwer oder fast unmöglich schien, findet hier so oft statt. Auch darüber habe ich geschrieben . - Und dann aber, immer wieder – aus der spirituellen Erfahrung heraus – ist etwas in den Kranken gegenwärtig, das wichtiger ist noch als die Nächsten: ein Friede, ein Ergriffensein, manchmal Bilder von Licht, von Blumen, einer Treppe oder einem Thron, das können wir uns ähnlich einer Nahtoderfahrung vorstellen.
Weil Sterbende aber meist nur noch Wortbrocken äußern, ist es so wichtig, ihnen in hoher Intensität zuzuhören.

Wie ist denn das bei einem Menschen wie dem Papst, der ja keine unmittelbaren Angehörigen hat, die an seinem Bett stehen, es sind ja vor allem Mitarbeiter?


Schwerstkranke und Sterbende haben einen untrügerischen Blick, wer als inniger Freund und wer allein wegen einer Funktion da ist. Sie spüren den Geist.
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Welchen religiösen Zweifeln sind in einer lebensbedrohlichen Krise vielleicht auch glaubensstarke Menschen, wie wir es bei einem Papst ja vermuten, ausgeliefert?

Genau denselben Zweifel, wie alle Menschen. Im oben beschriebenen Wechselbad zwischen Angst und Vertrauen sind auch Zweifel, Verzweiflung oder Anfechtungen da. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieses Jesuswort spüren selbst die glaubensstärksten Menschen. Und dann kehrt aber wieder der vertrauensvolle Zustand zurück, wo man eben Gott oder das Göttliche spürt, ein fast mächtiges Vertrauen: es ist ok, wie es ist. Beschreibungen sind vielfältig, das Phänomen aber Gesetzmäßigkeit: dass dieses Vertrauen oder diese Gottnähe tiefer sind als Angst und Verzweiflung. Hätte ich das nicht immer wieder, viele hundert Male erlebt, wäre ich längst von meiner Arbeit weggerannt.

Nun gibt es Menschen, die nach einer lebensbedrohlichen Krankheit wieder in ihren Alltag zurückkehren, selbst in hohem Alter. Sie springen dem Tod noch einmal von der Schaufel, wie der Volksmund salopp sagt. Was ist danach für diese Menschen anders? Sind sie gelassener oder entwickeln sie eine hektische Betriebsamkeit, weil noch so viel zu erledigen ist?

Hektische Betriebsamkeit wäre das falsche Wort. Ich würde sagen, sie sind gelassener, sensitiver, aber auch entschiedener als zuvor. Die gemachten Erfahrungen bleiben gegenwärtig. Man weiß künftig, was Angst ist, aber auch was Vertrauen ist. Solch ein Mensch hat, religiös gesagt, eine Ahnung von Gott.

Ich kann mir auch vorstellen, dass Papst Franziskus jetzt vielleicht innerlich Personen sieht, die im Kirchenumfeld gute Hirten wären, aber die Worte nicht rüberbringen kann. Solch ein Mensch sieht die Dinge nicht im Trend – etwa jenem der Kurie - noch in irgendeinem Anti-Trend. Vielmehr kommen sein Sehen und seine Wortbrocken gleichsam wie ganz von Gott her. Wie beim Symbol der Jungfrau, die nicht verheiratet ist mit den Werten dieser Welt. Diese Gottnähe zeichnet Menschen aus, die nochmals ins Leben zurückkommen, aber schon einmal, vom Himmel gekostet haben. Sie vermissen ihn auch und wollen ein Stück vom Himmelreich der Welt schenken, die sie umgibt. Zugleich fehlt ihnen oft die Kraft für Taten, ja sogar für Worte. Umso wichtiger wäre dann unser Hinhören, unser Zurückfragen, unsere Liebe als Leihgabe.

Klar gibt es auch Menschen, die im Laufe der Zeit stärker ins Leben und noch einmal wirklich ins Tun kommen. Bei Franziskus kann ich mir gut vorstellen, dass seine Urbotschaft nochmals fest da ist: Armut macht glücklich. Menschen am Rande sind zentral. Denn das gehört zu seinem Innersten.

 

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Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.