"Rabenchor"
Gemeinsam singen tut einfach gut
Im Interview spricht Chorleiterin Marie-Luise Schappert über die Freude am Singen mit Menschen mit Behinderung.
Der „Rabenchor“ versammelt sich zur Chorprobe. Foto: © Monika Drasch
Der Chor „Holzhauser Raben“ ist vor 26 Jahren auf Initiative von Marie-Luise Schappert aus Schülern der Regens Wagner Schule in Holzhausen im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech entstanden. Seitdem hat die mittlerweile pensionierte Lehrerin die musikalische Leitung im inklusiven „Rabenchor“, wie sie ihn selbst nennt, inne. Im Chor singen Menschen mit und ohne Behinderung miteinander. Im Interview spricht Marie-Luise Schappert über Musik, Glauben und die besondere Kraft des Singens mit Menschen mit Behinderung.
Wieso heißt Dein Chor „Rabenchor“?
Wir nennen uns Raben, weil wir ehrlich sein wollen und manchmal krächzen.
Du leitest einen Chor aus Menschen mit Beeinträchtigung. Wie kam es dazu?
Mein Onkel war behindert und ab seinem zwölften Lebensjahr in der Dominikus-Ringeisen-Einrichtung in Ursberg. Ich habe nach dem Abitur dort ein Praktikum gemacht und gemerkt, wie sehr ich diese Menschen mag.
Nachdem meine eigenen Kinder über zehn Jahre alt waren, habe ich in der Behinderteneinrichtung Regens Wagner in Holzhausen angefangen zu arbeiten. Ich bin ja nur Volksschullehrerin und hatte das Lehramt für Sonderschulen nicht studiert. Eine inzwischen verstorbene Kollegin hatte mir den guten Rat gegeben, in der Früh einen Morgenkreis zu machen. Das taten wir jeden Tag und haben immer dazu gesungen.
Mit einem anderen, inzwischen ebenfalls verstorbenen Kollegen habe ich später zusätzlich die Werkstufenklassen einmal in der Woche zum Singen zusammengeholt. Ich habe mir damals einen Fundus mit einfachen Liedern zugelegt, bei denen man nicht unbedingt lesen können muss, die aber schon von der Melodie her ins Herz gehen. Irgendwann hatte ich viele gute Sänger und wusste: Wenn die aus der Schule kommen, dann wird nicht mehr gesungen.
So fragte ich unsere Gitarristin und Kollegin, ob sie mit mir einen Chor gründen wollte – mit unseren großen Schülern. Sie war begeistert von der Idee. Seither gibt es „die Raben“. Wir waren schon miteinander in Taizé und haben am Anfang nur in der Kirche gesungen.
So viel Wahrhaftigkeit wie in der Chorprobe, bei der ich vor kurzem mit dabei war, habe ich selten erlebt. Woher kommt das?
Die Wahrhaftigkeit kommt einfach von unseren Leuten. Fast alle sind direkt und verstellen sich nicht.
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Ich habe auch bemerkt: Der Ton im Chor ist herzlich, aber Du machst auch völlig klare Ansagen!
Das Schöne ist tatsächlich: Kein Mensch ist immer gut drauf, aber ich liebe sie alle, und ich denke, sie mögen mich auch. Von daher kann ich mir auch manchmal offene Kritik erlauben, vielleicht sogar manchmal unberechtigt. Ich denke, sie verzeihen es mir.
Wie wichtig ist Singen für dich? Findest Du über die Musik auch zum Glauben?
Ja, ich halte es mit Augustinus: Wer singt, betet doppelt. Wenn ich morgens bete, habe ich immer meine Gitarre neben mir und singe beispielsweise nach jedem Rosenkranzgesetz eine Strophe aus einem Marienlied und eine zu meinem Jesus.
Leider fängt meine Stimme immer häufiger an zu kratzen, wahrscheinlich, weil ich auch noch im Kirchenchor singe. Ich freue mich ungeheuer auf den Himmel, und das meine ich jetzt ganz ernst: Ich bin sicher, da ist die Musik noch viel schöner als hier auf der Erde, und ich werde keine Probleme mehr mit der Stimme haben.
Und wie ist das bei „Deinen“ Sängern?
Die Rabenchorsänger haben einen direkten Zugang zum Glauben. Ich denke, fast alle. Und sie sind voller Gefühle. Leider sind in der Öffentlichkeit andere Themen, die Behinderte betreffen, viel bedeutsamer, weil in unserer Gesellschaft der Glaube ja keine wesentliche Rolle mehr spielt.
Der Rabenchor geht auch auf Chorwochenenden, wie kürzlich nach St. Ottilien. Was probt Ihr bei diesen Treffen?
Seit vielen Jahren machen wir Chorwochenenden, um uns intensiv auf Aufführungen vorzubereiten und um ein ganzes Wochenende beieinander zu sein. Im Mai haben wir zum Beispiel bei einem Auftritt in einer Pfarrei eine Frühlings-Serenade gesungen. Der Erlös kam der Stiftung „Vergessene Katastrophen“ von Peter Neher zugute.
Was ist das ganz Besondere am Rabenchor?
Uns unterscheidet, dass wir immer Freude am Singen haben, ob in der Probe oder bei Aufführungen. Wenn ich manchmal sehr müde bin, würde ich am liebsten beim Kirchenchor daheim bleiben. Wenn ich vor der Probe mit „meinen Raben“ sehr müde, auch mal traurig und abgeschlagen bin, gehe ich immer glücklich und zufrieden nach Hause.
Ob das bei meinen Chorsängern auch so ist, kann ich nicht beurteilen. Die Dominikus-Ringeisen-Stiftung hat den Wahlspruch: „Macht sie, die Menschen mit Behinderung, gut und macht sie glücklich.“
Für mich greift das zu kurz. Ich wende das Motto umgekehrt an: Mich machen „meine Raben“ sowohl gut als auch glücklich.
Marie-Luise Schappert zeigt vollen Einsatz bei der Chorprobe. Foto: © Monika Drasch
Du warst Lehrerin in einer Förderschule. War Musik hier besonders wichtig?
Bei mir spielte das Singen im Unterricht eine ganz große Rolle. Einer meiner ehemaligen Schüler kommt alle zwei Wochen zum Kaffee zu mir. Er ist oft sehr nervös und fahrig, hat schwierige persönliche Themen. Wenn wir nach dem Essen zusammen singen – er singt sehr schön die zweite Stimme zu den Melodien –, strahlt er, auch wenn es ihm vorher nicht gut ging. Musik kann sehr trösten.
Welche Art Musik berührt Dich am meisten?
Meine ein Jahr ältere Schwester und ich haben von klein auf miteinander gesungen. Sie hat immer noch eine wunderschöne Stimme und unterstützt uns zu meiner großen Freude im Rabenchor. Wir sangen immer zweistimmig. Von daher liebe ich alles Mehrstimmige – bayerische Volksmusik wegen der Terzen oder orthodoxe Musik, zum Beispiel den Hymnus Akathistos, aber auch die Taizé-Lieder.
Ich liebe auch die Klassiker, nicht so sehr den großen Johann Sebastian Bach. Er ist mir zu mathematisch, was ich selbst gar nicht bin.
Kannst Du sagen, wie aus Deiner Erfahrung heraus Musik einen Menschen berührt? Ist es eher der Verstand, das Herz oder doch die Seele?
Dazu kann ich folgende Geschichte erzählen: In dem Jahr, als ich merkte, dass mein Mann dement wird, fuhren wir im Sommer ins Saarland, und ich hatte das Radio an. Der große Tenor Fritz Wunderlich sang. Ich kannte das Lied nicht, aber ich habe nur geheult. Es war das letzte Lied aus der „Schönen Müllerin“: „Gute Ruh, gute Ruh, tu die Augen zu“.
Keiner konnte verstehen, was ich daran fand. Aber als mir damals im Dezember desselben Jahres die Krankheit meines Mannes bewusst wurde, war mir klar: Im Sommer hatte meine Seele angefangen, sich von meinem Mann zu verabschieden. Nur mein dummer Kopf hatte das noch nicht verstanden.



