Achtsamkeit
06.12.2025

Vom Werden und Wachsen im Advent

Ein syrischer Christ öffnete Andreas Knapp die Augen, was Wachstum im christlichen Glauben bedeuten kann.
    

Vor einiger Zeit erhielt ich Besuch von einem Redakteur einer theologischen Zeitschrift. Er zeigte auch Interesse daran, jemanden aus der syrisch-orthodoxen Gemeinde kennenzulernen. Bei Elyas (Name geändert) wurden wir mit einem arabischen Kaffee empfangen, und wir kamen schnell ins Gespräch, auch über religiöse und kirchliche Fragen. Der Redakteur wollte wissen, wie Elyas die Bibel versteht und ob man in seiner Kirche auch eine „historisch-kritische Leseweise“ kenne.

Die Bibel anders lesen

Elyas antwortete: „Für mich ist das historische Verständnis der Bibel nicht so wichtig. Ich lese die Bibel anders.“ Dann schlug er das Neue Testament auf. „Fangen wir doch einfach mal auf der ersten Seite an: Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham war der Vater von Isaak, Isaak von Jakob … (Mt 1,1ff.)  Und dann werden viele Personen aufgezählt, und unter die Vorfahren Jesu eingereiht wie David oder Salomo.“

Elyas schloss die Bibel und fuhr fort: „Ich kann jetzt historisch nachfragen: Wer war Amminadab oder Joram? Von wann bis wann haben sie gelebt? Stimmt die geschichtliche Reihenfolge der Generationen, die Jesus vorangegangen sind? Mich interessiert das aber nicht. Ich lese die Bibel anders.“
     

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Mein Leben lesen lernen

„Es geht hier um meine  Geschichte. Die verschiedenen Generationen, das sind meine Lebensabschnitte: Baby, Kleinkind, Kind, Jugendlicher usw. Und dort finden sich verschiedene Entwicklungen: Glaube und Zweifel, Treue und Untreue, Gewalt und Frieden. Wie bei den Personen im Stammbaum Jesu. Die entscheidende Frage ist: Wachse ich in meinen Entwicklungsstufen auf Jesus zu? Denn am Ende steht ja die Geburt Jesu. Sind die Stufen meines Lebens für mich so gestaltet, dass ich der Geburt Jesu immer näher komme und ich ihm am Ende immer ähnlicher werde?“

Mein Begleiter und ich, wir waren perplex über diese Leseweise der Bibel. Der Stammbaum Jesu, der mir bisher nicht viel gesagt hatte, war auf einmal zu einem Schlüssel für meine eigene spirituelle Entwicklung geworden. Wenn in der Adventszeit der Stammbaum Jesu wieder in den Blick rückt, so kann mir die Vorgeschichte Jesu zur Anregung werden, um die Geschichte meines meines persönlichen Lebens  tiefer zu verstehen.

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Wie man spirituell wachsen kann

An Weihnachten wird oft ein Satz von Angelus Silesius zitiert: „Und wäre Christus tausendmal in Betlehem geboren, doch nicht in dir, du gingest ewiglich verloren.“ Aber was soll das bedeuten?

Meine Geburt ist ein vorgegebenes Datum, ein Ereignis, auf das ich keinen Einfluss hatte. Aber alles Leben ist Wachstum und Veränderung. Doch was soll sich entfalten? In welche Richtung will ich wachsen? – Pflanzen haben eine natürliche Tendenz, sich zur Sonne hin auszurichten. Uns Menschen stellt sich die Frage: An welchem Zielbild will ich mich orientieren?

Viele Menschen machen ihren Selbstwert von Leistung, Besitz, Schönheit oder anderen zerbrechliche Krücken abhängig. Sie erfahren sich als chronisch ungenügend und unzureichend. Als unverbunden und vereinzelt. Daher schlittern sie auch schnell in Angst oder Optimierungsdruck, in Aggression oder maßlose Besitzgier hinein. Das grundlegendes Vertrauen in sich und das Leben ist von Grund auf gestört.

An Weihnachten feiern Christinnen und Christen, dass in Jesus von Nazaret der Sohn Gottes geboren wurde. Der Advent will dazu einladen, an eine göttliche Liebe zu glauben, die auch mir von Anfang an geschenkt ist: „Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.“ (1 Joh, 3,1) Dieser Glaube will wachsen, in kleinen Schritten, in den Stufen meiner eigenen Entwicklung.

Das kann sich so anfühlen: Ich bin freier geworden von Ängsten und falschen Selbstbildern. Ich erlebe mich nicht mehr so abhängig von anderen und ihren Erwartungen an mich. Ich muss nicht mehr zwanghaft etwas aus mir machen, weil ich ja schon jemand bin: eine Person, die sich – wie alle Menschen – einem göttlichen Ursprung verdankt. Und in der sich Göttliches spiegelt. Daher kann ich auch auf eine neue Weise leben, nämlich im Kraftfeld des Vertrauens. Und dies mit einem wachsenden Gespür für die eigene Würde und die der anderen. Biblisch gesagt: Ich lebe in der „Freiheit der Töchter und Söhne Gottes.“ (vgl. Brief an die Römer 8,21) 

Wenn im Advent der Stammbaum Jesu mit all den Namen vorgelesen wird, so könnte das dazu anregen, meine eigene menschliche und spirituelle Entwicklung in Blick zu nehmen – vielleicht mit Staunen und Dankbarkeit.

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Andreas Knapp
Artikel von Andreas Knapp
Priester und Dichter
Gehört zur Ordensgemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium". Tätig als Putzkraft, Joghurt-Verkäufer, Saisonarbeiter, Gefängnisseelsorger und in der Flüchtlingshilfe. Andreas Knapp ist einer der bekanntesten christlichen Lyriker im deutschsprachigen Raum.