Licht ohne Lux-Zahl
Zu wenig Sonne, äußere Dunkelheit setzt Menschen zu, sie kann regelrecht krank machen. Dagegen helfen Lampen mit hoher Lux-Zahl. Angesichts der Weltlage kann es aber auch innerlich ziemlich finster ausschauen. Auch dem lässt sich etwas entgegensetzen. Unser Autor Alois Bierl will das in der Adventszeit tun.
„Mehr Licht!“ Das sollen Goethes letzte Worte gewesen sein, auch wenn viele seiner Biografen das bezweifeln. Und dann ist auch noch unklar, wie er es gemeint haben könnte: Wollte er es heller haben, oder hatte der Dichter das Gefühl, in ein Licht einzutauchen? Wie auch immer – gerade die späten Herbst- und die Wintermonate machen den Lichthunger deutlich, den Menschen spüren. Und ihr Gefühl täuscht sie nicht: Es macht krank, wenn er nicht gestillt wird. Rachitis hieß einmal „englische Krankheit“, weil auf den britischen Inseln immer mehr Kinder eine schwere Knochenkrankheit befiel, die zu X- oder O-Beinen führt.
Ständiges Dunkel schadet der Gesundheit
Sie mussten in dunklen Räumen, oft in Bergwerken, arbeiten und litten unter Vitamin-D-Mangel. Das bildet sich aber nur unter Sonnenlicht, das diese beklagenswerten Buben und Mädchen viel zu selten sahen.
Auch psychische oder Stoffwechselkrankheiten führt die heutige Medizin eindeutig auf Lichtmangel zurück. Dagegen lässt sich etwas tun: entweder ins Freie gehen oder sich vor eine Lampe setzen, die blaues Licht ausstrahlt und mindestens 2.500 Lux hell ist. Das soll die trübe Stimmung aufhellen. Schon eine halbe Stunde im nahen Umkreis einer solchen Tageslichtlampe soll Wirkung zeigen. Vielleicht sollte man dabei allerdings nicht Zeitung lesen oder sich durch Nachrichtenportale wischen – da könnten die wohltuenden Effekte schnell verschwinden.
Schutz vor seelischer Rachitis
Überall scheinen dunkle Mächte am Werk zu sein, die Menschlichkeit und Vertrauen, Freiheit und Frieden auslöschen wollen. Das strahlt auch keine 10.000-Lux-Lampe weg. Aber Licht ist ja mehr als ein physikalischer Wert, es ist auch ein seelischer. „Mehr Licht“ – auch in der Bibel ist es zu finden. Und jedenfalls für mich ist es heilsam.
„Den glimmenden Docht löscht er nicht aus“,
heißt es bei Jesaja. Das kann nur bedeuten, dass Gott selbst das kleinste Glühen wahrnimmt und es vor dem Verglühen bewahrt: den Funken Hoffnung, der bereit macht, sich aus den Dunkelräumen herauszubewegen, um sich keine seelische Rachitis einzufangen. Und es ist paradox: Diese Bewegung geschieht in der Stille, wenn ich mich auf eine Ruhe und ein Vertrauen einlasse, die ich mir schenken lassen muss, wenn ich eine innere Tür öffne.
[inne]halten - das Magazin 25/2025
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Ohne Licht fällt die Welt auseinander
„Licht ist dein Kleid, das du anhast“,
heißt es im Psalm 104 über Gott. Als ich einen Physiker im Deutschen Museum einmal fragte, was wäre, gäbe es im Kosmos kein Licht, antwortete der nüchtern: „Dann würden wir hier durch den Boden sinken – wenn es dann uns und einen Boden überhaupt gäbe.“ Ohne die elektromagnetischen Felder des Lichts würden alle Atome wild durch die Gegend fliegen.
Und manchmal kommt es mir so vor, als würde es in der eigenen Seele genauso zugehen: Wenn ihr das Licht fehlt, verbindet mich nichts mehr und ich falle auseinander. Die Adventszeit ist da eine gute Erinnerung, an das sehnsüchtig erwartete Leuchten zu denken, das mir zu Weihnachten versprochen wird:
„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen.“
Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, an jedem Adventssonntag Bibelstellen vom Licht nachzulesen. Eine halbe Stunde kann da viel bewirken – selbst beim minimalen Lux-Wert einer daneben angezündeten Kerze. „Mehr Licht“ – es lohnt sich halt immer, auf Goethe zu hören.



