Genuss und Verzicht – gehört das zusammen?
Vom Fasching in die Fastenzeit, das heißt für manche auch: Von der Völlerei in die Abstinenz. Ist es gut, diese Kontraste oder gar Extreme zu durchleben? Oder ist vielmehr beständiges Maßhalten das Gebot?
Foto: © KI-generiert mit OpenAI
Alle Kulturen kennen rhythmisch wechselnde Zeiten der Abstinenz und Zeiten des gebotenen Genusses. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es in der katholischen Kirche 72 Fast- und Abstinenztage. Seitdem gelten nur noch der Aschermittwoch, der Karfreitag und alle Freitage als Abstinenztage, wobei der Fleischverzicht an den Freitagen durch eine andere Einschränkung ersetzt werden kann.
Somit sind sowohl Anfang und Ende der Fastenzeit als auch der Freitag als Wochentag besonders gefärbt – ein wöchentlich und jährlich wiederkehrender Rhythmus. Alles andere liegt in der freien Gestaltung der Gläubigen. Es geht um keine Gebots- oder Verbotskultur, sondern um eine bewusste Verbindung von Maßhalten und Genussfähigkeit.
Fasten und Fest:
Genussfähigkeit steigern, Überfluss teilen
Fasten zielt, neben der Einschränkung, auf die Steigerung der Genussfähigkeit: Durch Fasten kann man die Sinne schärfen und anschließend neu schmecken, riechen, sehen, hören und tasten lernen. Nicht selten sind Fastende am Ende eines Fastenkurses erstaunt, wie gut ihnen der erste Apfel, das erste Glas Wein, die erste Tasse Kaffee wieder schmecken. Im Gegensatz zu radikalen Ansätzen soll Fasten nicht kasteien, sondern für den Reiz des Lebens neu sensibilisieren.
Zeiten des Fastens sind wichtig, aber genauso wichtig sind Zeiten des Festes. So bestrafte die Kirche früher von Anfang an jene, die an einem Sonn- und Feiertag fasteten, gleich hart wie jene, die einen gebotenen Fasttag nicht einhielten.
Feste zu feiern und die guten Gaben der Schöpfung zu genießen, ist ebenso Ausdruck des Lebens wie ein begrenzter Verzicht auf Speisen. Man spürt förmlich, wie die Extreme nach beiden Seiten vermieden werden sollen. Am Festtag müssen sich die Tische biegen: Es gibt viele Gänge, und es bleibt im Überfluss übrig. Würden bei einem Fest die Schüsseln leer, wäre es kein richtiges Fest. Der Überfluss des Festes wird an Nachbarn verteilt, die nicht eingeladen waren und auf diese Weise teilhaben können: Feste haben also auch eine karitative Seite. Fülle und Askese, Genuss und Verzicht waren gesellschaftlich und religiös choreografiert.
Dry January und Neo-Askese:
Verzicht als moderner Gewinn
Diese Vorgaben sind im Zeitalter der Individualisierung weggefallen. Durch den Bedeutungsverlust kirchlicher Vorschriften hat sich die Fastenpraxis keineswegs verflüchtigt, ist aber nicht mehr an kirchliche Zeiten gebunden. Sie ist eher diätetischen und gesundheitlichen Rücksichten geschuldet. Ein Beispiel dafür ist der „Dry January“, wörtlich: „trockener Januar“.
„Dry January“ ist eine Gesundheitskampagne, die dazu aufruft, nach den Weihnachtsfeiertagen ab Neujahr für einen ganzen Monat auf Alkohol zu verzichten. Nach dem großen Erfolg im Ursprungsland Großbritannien wurde die Kampagne zwischen den Jahren 2010 und 2020 in westlichen Ländern immer beliebter. Die Bewegung verbreitete sich vor allem über Social-Media-Kanäle und wurde von Organisationen getragen, die sich für Krebs und Alkoholprävention einsetzten. Erstmals im Jahr 2023 wurde die Kampagne auch in Deutschland verbreitet. Heuer hatten sich 200.000 Menschen weltweit bei der App angemeldet, die Teilnehmerzahl war aber weit höher.
Diese Enthaltsamkeit braucht auch mentale Unterstützung. So hat etwa die Diakonie Regeln zum Durchhalten aufgestellt: Um den Dry January durchzuhalten, benötigt man etwas Planung, idealerweise Unterstützung und vor allem die Bereitschaft, neue Gewohnheiten zu entwickeln. Als beste Tipps werden festgehalten: „Setzen Sie sich Ziele und bleiben Sie fokussiert – Suchen Sie sich Unterstützung – Minimieren Sie Versuchungen – Planen Sie alternative Aktivitäten und etablieren Sie neue Gewohnheiten – Entdecken Sie alkoholfreie Getränke – Belohnen Sie sich – Reflektieren Sie und planen Sie für die Zukunft – Überlegen Sie am Ende des Monats, welche positiven Veränderungen Sie erlebt haben – Nutzen Sie die erprobten Strategien, um positive Gewohnheiten beizubehalten“.
Das Verzichten bekommt hier eine positive Färbung. Andreas Reckwitz hat in seiner Studie „Verlust. Ein Grundproblem der Moderne“ herausgearbeitet, wie heute der Trend der sogenannten Neo-Askese als Gewinn verbucht wird. Trends wie „simplify your life“ („vereinfache dein Leben“) oder der neue Minimalismus werben für das Loslassen von vermeintlich Wichtigem – wie etwa die Smartphone-Dauerpräsenz oder das Anhäufen von immer mehr Dingen – und stehen für eine andere, befriedigendere Lebensführung. Der Verzicht wird Gewinn, die frühere Reizvokabel „Verzicht“ wird unter Lebenssteigerung verbucht.
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Fasten-Erinnerungen und neue
Impulse: Gemeinschaft statt Verzicht
Es ist allerdings ein bemerkenswertes Phänomen, dass die früheren Fastenzeiten – kirchlich eingehegt und geprägt – in den Erinnerungen vieler Menschen heute noch dominant sind. Zwei Beispiele seien angefügt, das eines Soziologen und das eines Schriftstellers.
Das Buch „Der Mund ist aufgegangen. Vom Geschmack der Kindheit“ des Soziologen Tilman Allert handelt von den Einschränkungen in der Kindheit und schönen Ausnahmen wie Himbeerbonbons, Walnüssen, Salmiakpillen, Karamellsüßspeisen, Eis und erstaunlicherweise von der Hostie. Das orale Gedächtnis bewahrt die Erinnerung an eine Zeit, als das Verkosten und Nicht-verkosten-Dürfen von Speisen tiefgehende Empfindungen auslöste, lange vor jeder sortierenden Erkenntnis. Das „Weißt du noch?“ weckt nicht nur Erinnerungen, sondern ist zugleich ein Erzählimpuls für ähnliche Erfahrungen und stiftet Gemeinschaft.
Die Erinnerungen von Allert entstammen unverkennbar der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, einer Zeit der Knappheit: Es gab noch keinen Diskurs über das Essen; es wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Informationen über Kaloriengehalt, geschweige denn Hinweise auf Allergiepotenziale oder eventuelle Intoleranzen von Speisen waren nicht üblich, höchstens versteckt in (teils zweifelhaftes) Alltagswissen: Von Senf bekommt man Pickel, Spinat enthält reichlich Eisen und Fisch wichtige Vitamine.
Süßigkeiten waren die Ausnahme, sie wurden höchstens gewährt bei Geburtstagen oder wenn die Verwandten zu Besuch kamen. Plätzchen durften vor Weihnachten nicht verzehrt werden, es gab allerdings ausgeklügelte Strategien des Anschleichens zu den Orten des Verstecks und des heimlichen Genusses, der noch zusätzlich den Reiz des Verbotenen hatte. Die Weihnachtszeit eröffnete dann eine heilige Zeit mit Äpfeln, Nüssen, Datteln und Feigen, als hätten die heiligen drei Könige aus dem Morgenland einen Zwischenstopp im Elternhaus eingelegt.
Die Oralität wurde sakral aufgeladen durch den Empfang der Hostie, der ersten heiligen Kommunion: „Demütig und ernst nahm man die Hostie entgegen, aus der prächtig geschwungenen Schale aus Gold … Die Zunge übernahm es, diese Gabe zu empfangen und in gemessenem Tempo nach oben zu heben. Aus Respekt vor der Zeremonie schien sie daraufhin jedoch ihre Mission für erfüllt zu halten und ließ einen im Ungewissen darüber, ob es erlaubt wäre, mit dem Finger nachzuhelfen, oder ob man es dem Herrgott, der ja auch barmherzig war, überlassen sollte, die sperrige Scheibe, die sich unterm Gaumendach verkeilt hatte, weiterzubefördern.“
Die Regeln um den ersten Kommunionempfang verbunden mit dem Nüchternheitsgebot eigneten sich zum Teilen gemeinsamer Erfahrungen, aber auch frühkindlicher Ängste und raffinierter Umgehungsstrategien. Das ist heute durch die individualisierten Formen des Verzichtes nicht mehr in dieser Form möglich.
Im Vorwort zu seinem Buch „Glaubensmomente“ beschreibt der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die Selbstverständlichkeit des Glaubens in seiner Herkunftsfamilie. Es wurde nicht über den Glauben debattiert, er wurde einfach praktiziert. Diese Glaubenspraxis sah ein Morgen- und ein Abendgebet vor, meist ein Vaterunser, ein Ave-Maria und ein Gebet zum Tagesheiligen. So war der Tag durch die Gebete gerahmt. Das erste und das letzte Wort galten nicht den Themen der Welt, sondern den Gestalten aus dem Heiligenkalender. Zu den Mahlzeiten wurde nur selten gebetet, denn man solle es mit dem Beten auch nicht übertreiben, so der Einwand des Vaters. Hier zeigt sich bei aller Frömmigkeit eine Reserve gegenüber allem Bigotten.
Zur Pflicht gehörte allerdings der sonn- und feiertägliche Messbesuch. „Dadurch wurde das Jahr in den Rhythmen und unterschiedlichen Phasen des Kirchenjahres erlebt. Nicht die profanen Festtage, sondern die großen kirchlichen Feiertage wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten waren die Höhepunkte des Jahres, auf die man sich freute und an denen man mehrere Tage lang feierte. Speisen und Getränke wurden auf die Themen des Kirchenjahres abgestimmt. Freitags aß man kein Fleisch, in der Fastenzeit reduzierte man das Essen, und in der Adventszeit ging man häufiger in die Kirche (und aß kaum Süßigkeiten, damit sie an Weihnachten umso besser schmeckten).“
Diese Selbstverständlichkeiten des Glaubens sind heute weggebrochen. Die Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung versucht in dieser Lücke eine neue Praxis zu etablieren. „7 Wochen WERTvoll“ – so ist ihre diesjährige Fastenzeitaktion überschrieben. Paare und Familien sind eingeladen, gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen und Antworten auf herausfordernde Fragen zu finden. Nicht das Verzichten steht im Fokus, sondern das Mehr an gemeinsamer Zeit für Partnerschaft und Familienleben. Sieben Briefe geben dafür vielfältige Anregungen, bieten Anlässe für Gespräche, vermitteln Ideen zum gemeinsamen Ausprobieren und geistliche Impulse.
Von Aschermittwoch bis Ostern bekommen die teilnehmenden Paare und Familien jede Woche per Post, E-Mail oder SMS einen Brief mit Materialien und Anregungen. Ziel dieser Aktion ist, in einer individualisierten Gesellschaft Zonen der Gemeinschaft und des Gesprächs zu etablieren, das den Alltag transzendiert. Deutlich wird hier, dass es kreative Ideen braucht, um die Zeit auf Ostern hin mit einer spezifischen Gestaltung anzureichern. Vielleicht gelingt es sogar, darüber wieder zu erzählen.
Autor Prof. emeritus Erich Garhammer war Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Austausch zwischen Theologie und Literatur.



