Ein Garten für die Seele: Der Bauernhof im Caritas-Kinderdorf
Auf einem 5.000 Quadratmeter großen Gelände erleben Kinder die Natur. Der Bauernhof in Irschenberg bietet ihnen Abenteuer, Verantwortung und Lebenskompetenzen.
Foto: © Lintz
Zucchinistücke brutzeln in einer Pfanne über dem Gaskocher, auf dem Campingtisch liegen Kohlrabi, Tomaten, Mozzarella und Brot – alles sauber aufgeschnitten. Eine Gruppe Kinder aus dem Caritas-Kinderdorf Irschenberg sitzt auf niedrigen Hockern aus Baumstämmen um die „Beute“: Es ist die erste Gemüse-Ernte aus dem etwa 100 qm großen Garten, der erst seit April existiert. Entsprechend stolz sind die Kleinen auf alles, was schon wächst und reift: „Wir haben Kürbis, Pfefferminz, Zitronenmelisse, Stangenbohnen, Karotten, Lauch, Erdbeeren, Kohlrabi und noch ganz viel mehr!“, zählen einige der Kinder an ihren Fingern ab.
Zusammen mit einigen Obstbäumen bildet der Gemüse- und Kräutergarten sozusagen die „Basis“ des Kinderbauernhofs, nur etwa zehn Autominuten vom Kinderdorf entfernt. 5.000 Quadratmeter hat die Caritas-Einrichtung in Irschenberg gepachtet, auch ein Bach und ein kleines Mischwäldchen gehören zum Gelände. Mit der finanziellen Hilfe eines Lehrer-Ehepaars konnte das Caritas-Kinderdorf das Grundstück pachten, erzählt Leiterin Pia Klapos: „Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis wir ein Gelände gefunden haben, das wir uns leisten konnten. Und wir können diesen wunderschönen Flecken Erde so gestalten, wie wir wollen, zusammen mit den Kindern!“ Nur dann könne es nämlich gelingen, dass die Kinder auch gerne kommen würden.
Verantwortung für Kinder
Bis jetzt geht die Rechnung auf: Für die Kinder aus der Caritas-Einrichtung ist das Projekt so etwas wie ein Abenteuer-Spielplatz. Aber neben dem Spaßfaktor ist auch entscheidend, dass die Kinder ein Gefühl für Natur und Klima bekommen, erklärt die Kinderdorf-Leiterin. Die Kinder sollen Verantwortung übernehmen und miterleben, wie lange es dauere, bis aus dem Samenkorn eine Pflanze entstehe, die geerntet werden könne. Die Natur mitzugestalten, das ist es, was die Betreuer den kleinen Gärtnern ermöglichen wollen. Das fängt beim Beobachten der Natur an, auch an dem kleinen Bach, und hört mit dem Säen und Ernten auf. „Wir haben heute Nacktschnecken und Kartoffelkäfer gesammelt“, ruft eines der Mädchen. Mit Feuereifer hat die Gruppe Schädlinge geklaubt und am anderen Ende des Grundstücks ausgesetzt.
Gemeinschaft auf dem Kinderbauernhof
Mit dem langsam wachsenden Kinderbauernhof leistet das Caritas-Kinderdorf besondere Fürsorge für seine Schützlinge: Die Einrichtung ist seit mehr als 50 Jahren die Heimat von Kindern und Jugendlichen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. Für sie ist der Bauernhof mitten zwischen Hügeln im Voralpenland nicht nur Abenteuerspielplatz und Lernort, sondern auch ein Refugium für die Seele. Hier können sie toben, durchschnaufen, Kind sein. „Alle tragen ihre Konflikte mit sich herum“, sagt Sozial- und Wildnispädagogin Katharina Fichtner. Aber wenn sie auf das Gelände kämen, würden sich viele Dinge wie von selbst auflösen. Weil die Kinder Herausforderungen finden würden, die sie meistern könnten, die mit dem echten Leben zu tun hätten. Säen, pflanzen, ernten: So würden sie etwas nicht nur für sich tun, sondern für die Gemeinschaft, sagt Fichtner. Seit der Eröffnung Ende April hat das Kinderdorf-Team das Gelände auch mit einem Bauwagen, einem Lagerfeuerplatz und sogar mit einer Bio-Toilette am Rand des kleinen Wäldchens ausgestattet.
Lernort für Kinder
Zwischen Lagerfeuer und Kohlrabi-Beet lernen die Kinder spielerisch nicht nur den Umgang mit der Natur, sondern auch Kompetenzen fürs Leben. Die Wildnispädagogin vergleicht das mit dem Wachstum der Pflanzen: Wenn einer Pflanze ein Stein im Weg ist, muss die Pflanze um den Stein herumwachsen. So müssen die Kinder, wenn etwas nicht funktioniert, versuchen, neue Wege zu finden, auf dem Bauernhofgelände wie auch im wirklichen Leben. Sie lernen Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit. „Es geht nicht immer alles den geraden Weg und darf trotzdem wachsen. Also, eigentlich wachsen die Pflanzen und die Kinder zusammen hier.“ Wachsen soll auch das Gelände – langsam, in einem Tempo, das die Kinder mitgehen können. Kinderdorf-Leiterin Pia Klapos will noch vor dem Herbst ein Tipi bauen, in dem Kinder auch mal übernachten können. Und irgendwann soll es auch Tiere auf dem Kinderbauernhof geben.



