50 Jahre sozialistisches Vietnam
Ein Jahr nach Ende des Vietnam-Kriegs entstand die Sozialistische Republik Vietnam. Der neue Staat hatte erhebliche Lasten aus der Vergangenheit zu schultern – und durchlief zuletzt erhebliche Veränderungen.
Straßenhändler in Saigon. Foto: © imago/Manfred Siebinger
Es war ein eher formaler Akt, den die kommunistische Führung Vietnams vor 50 Jahren durchführte. Doch er zog einen staatsrechtlichen Schlussstrich unter einen der blutigsten regionalen Konflikte des 20. Jahrhunderts. Am 2. Juli 1976 verschmolzen Norden und Süden des Landes zur Sozialistischen Republik Vietnam. Saigon, die frühere Hauptstadt des antikommunistischen Südvietnam, hieß fortan Ho-Chi-Minh-Stadt.
Damit ehrten die Machthaber den Berufsrevolutionär mit dem weißen Kinnbart und der hohen Stirn, der dem Land in Südostasien den Weg in die Unabhängigkeit und in den Kommunismus gewiesen hatte. Der damals von Studenten in der westlichen Welt verklärte „Onkel Ho“ war bereits 1969 gestorben. Der Kampf seiner Vietcong gegen die US-Amerikaner endete 1975.
Konflikt mit langer Vorgeschichte
Der Konflikt hatte seine Wurzeln im Zerfall der französischen Kolonialmacht in Indochina während des Zweiten Weltkrieges. 1954 wurde Vietnam in eine kommunistisch dominierte Nord- und eine unter westlichem Einfluss stehende Südzone geteilt, ähnlich wie ein Jahr zuvor Korea. In der Folge eskalierte der Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Großmächten des Kalten Krieges, den USA und der Sowjetunion – mit entsetzlichen Folgen für die vietnamesische Bevölkerung.
Allein zwischen 1961 und 1975 fielen etwa zwei Millionen Vietnamesen; die USA verloren bei den Kämpfen rund 58.000 Soldaten. 1976, ein Jahr nach Ende der Kämpfe und der Evakuierung der letzten Amerikaner aus Südvietnam, mussten die nordvietnamesischen Sieger lernen, „dass es einfacher ist, eine Revolution zu gewinnen, als ein lange geteiltes und vom Krieg verwüstetes Land nach den Umwälzungen zu regieren“, schreibt Marc Frey in seiner „Geschichte des Vietnamkrieges“.
[inne]halten - das Magazin 14/2026
Seit 1901 am Puls der Zeit
Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Ein Land in Trümmern
Die brutalen Kämpfe hatten tiefe Wunden in der Bevölkerung hinterlassen – körperlich und seelisch. Hinzu kamen Verheerungen in Umwelt und Wirtschaft. Mit Napalm und Flächenbombardements hatten die US-Amerikaner versucht, ihre überall im Land versteckten Gegner regelrecht auszuräuchern.
Im bis dahin antikommunistischen Südvietnam hatte das Regime zudem Schwierigkeiten, Fuß zu fassen. Mehr als 1,5 Millionen Menschen verließen ihre Heimat in teils winzigen Schiffen über das Südchinesische Meer. Ein kleiner Teil dieser „Boat People“ landete in Deutschland – gerettet von dem westdeutschen Aktivisten Rupert Neudeck und seinen Crews auf der „Cap Anamur“.
Verbindungen nach Deutschland
Das Regime pflegte unterdessen wirtschaftliche Bande zum zweiten Staat auf deutschem Boden, der DDR. Mehrere zehntausend Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter kamen ab den 1980er Jahren in das sozialistische Bruderland. Der deutsche Arbeiter- und Bauernstaat ist längst Geschichte; die Sozialistische Republik Vietnam gibt es immer noch.
„Politisch hat sich eigentlich nicht viel verändert, weil das Land seit der Wiedervereinigung immer noch ein Einparteienstaat ist“, sagt die in Berlin lebende Schriftstellerin Thi Thanh Thao Tran. „Aber gesellschaftlich und wirtschaftlich hat sich das Land sehr weiterentwickelt.“
Sanktionen und Handelsembargo
Anfangs habe große Armut geherrscht. „Vor allem die US-Sanktionen und das amerikanische Handelsembargo belasteten die Wirtschaft zusätzlich.“ Die Regierung hatte Schwierigkeiten, die kriegszerstörte Wirtschaft wiederaufzubauen.
„In den 1980er Jahren leitete die Regierung mit den Doi-Moi-Reformen einen grundlegenden wirtschaftlichen Wandel ein, der mehr Marktmechanismen zuließ und private Unternehmen förderte“, so Tran, deren Vater als Vertragsarbeiter in die DDR ging. Seit der Jahrtausendwende habe sich Vietnam rapide gewandelt, sagt Tran, die ihre Familiengeschichte in dem unlängst erschienenen Roman „Menschen wie wir“ literarisch verarbeitete.
Widersprüchliche Entwicklungen
Vor allem die Großstädte hätten von dem Aufschwung profitiert, fügt die Schriftstellerin hinzu. Viele Vietnamesen hätten einen besseren Zugang zu Bildung und zu moderner Technologie. Tran beschreibt ein Land auf der Schwelle, wo Neues neben Althergebrachtem existiert. In ihrem Geburtsort etwa gebe es weiterhin einen großen Zusammenhalt zwischen den Generationen, während viele junge Menschen in den Städten stärker von Konsum und modernen Lebensstilen geprägt seien.
Beobachter betonen gleichwohl: Die Kommunisten halten weiter die Zügel in der Hand. Die Beziehung etwa zur katholischen Kirche ist kompliziert. Und auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Vietnam Rang 174 von 180.
Joachim Heinz



