Kultur und Wissen
06.07.2026

Gute Genesung mit Büchern

Die Augsburger Uni-Klinik verfügt seit diesem Jahr über eine der modernsten Patientenbüchereien Deutschlands. Dass das nicht nur ein nettes Ausstattungsmerkmal ist, sondern sogar der Gesundheit der Patienten dient, davon ist sogar der ärztliche Leiter des Krankenhauses überzeugt.
    

Büchereileiterin Ulrike Eger und Professor Klaus Markstaller, der ärztliche Direktor der Augsburger Uni-Klinik, sind vom Wert ihrer Patientenbücherei überzeugt. Büchereileiterin Ulrike Eger und Professor Klaus Markstaller, der ärztliche Direktor der Augsburger Uni-Klinik, sind vom Wert ihrer Patientenbücherei überzeugt. Foto: © SMB/Bierl

Manchmal geht nach Mitternacht noch das Licht in der Bücherei an. Dann sucht vielleicht ein Patient, der nicht schlafen kann oder den Sorgen um seine Gesundheit umtreiben, Ablenkung. Beim Blättern in einer der rund 20 ausliegenden Zeitschriften oder in einem der etwa 3.000 Bücher lässt sich auf andere, möglicherweise auch auf ruhigere Gedanken kommen. Es könnten aber auch Mitarbeitende sein, die nach dem Schichtdienst noch einen Reiseführer ausleihen wollen.  

Das Uni-Klinikum Augsburg verfügt seit Januar dieses Jahres über eine der modernsten Bibliotheken in deutschen Krankenhäusern. Den Patienten, die sich in der Bücherei angemeldet haben, öffnet ein Strichcode an ihrem Klinikarmband die Tür, für das Personal werden eigene Ausweise ausgegeben. Über ein Selbstverbuchungsgerät lassen sich die Medien rund um die Uhr ausleihen. Am beliebtesten seien die Zeitschriften, erklärt Büchereileiterin Ulrike Eger: „Denn viele Patienten sind auch geschwächt, da sind Bücher oft zu anstrengend.“  

Bei Hedwig Metzger ist das allerdings überhaupt nicht so. Nach einem schweren Sturz ist die 80-Jährige seit drei Wochen in der Uni-Klinik. In die Bibliothek hat sie es mit dem Rollstuhl geschafft: „Bücher führen mich raus aus der Krankheit, besonders wenn ich traurig und in trüber Stimmung bin“, sagt sie und zeigt auf einen historischen Roman, den sie gerade zu Ende gelesen und der sie besonders gefesselt hat: „Der handelt von einer der ersten Einrichtungen in Paris, die in Not geratene Frauen aufgenommen und ihnen geholfen hat.“ Bei der Lektüre habe sie zu sich selbst gesagt: „Wenn diese Frauen ihr Schicksal gemeistert haben, dann schaffst du das mit deiner Krankheit auch, Hedwig.“  

Das Buch habe ihr besonders am Anfang ihres Klinikaufenthalts geholfen, als sie besorgt war, wie es danach weitergehen soll. Jetzt muss sie sich beeilen, den skandinavischen Krimi zu Ende lesen, den sie ausgeliehen hat: „Die sind schon ziemlich heftig, aber spannend.“ Denn in den kommenden Tagen verlässt sie die Klinik. Nicht ohne sich noch einmal bei Ulrike Eger zu bedanken – „für die hervorragende Romanauswahl und die vielen freundlichen Gespräche“.  


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Es sind diese Momente, die der Büchereileiterin zu Herzen gehen. Neulich habe eine hochbetagte Patientin selbstgestrickte Püppchen für die Mitarbeitenden vorbeigebracht. „Die kann sie noch selber machen, hat sie erzählt, und verschenkt sie an Menschen, die ihr guttun.“ Dann berät Ulrike Eger eine Krankenschwester, die gerade Kinderbücher für ihre Enkel sucht, und bestückt einen Rollwagen mit Zeitschriften und anderen Medien.  

Den schiebt Karl-Heinz Buben in den Aufzug und anschließend durch die Krankenstationen. Ein Service für Patienten, die ihr Bett nicht verlassen können. Den leistet Buben ehrenamtlich einmal pro Woche. Wenn er nach dem Anklopfen hereingebeten wird, öffnet er behutsam die Tür des Patientenzimmers und bietet Lesestoff an. Ein Mann mittleren Alters ist soeben erst angekommen und wartet auf seine Operation am kommenden Tag. Weil in der Weltpolitik gerade viel los ist, freut er sich darüber, dass er den „Spiegel“ ausleihen kann, und Buben gibt ihm den Tipp, dass in der Bücherei noch viel mehr zu finden sei.   

Die war nach der Corona-Epidemie fünf Jahre lang geschlossen. In neuen Räumen gehört sie seit dem vergangenen Januar wieder selbstverständlich zur Klinik. Einiges hat die vom Büchereifachverband Sankt Michaelsbund beratene Ulrike Eger geändert: „Wir haben etwa keine DVDs mehr, denn Filme können sich die Patienten viel einfacher digital oder über Mediatheken herunterladen.“ Auch Hörbücher auf CDs nehmen keinen Platz mehr weg. Die bietet das vom Sankt Michaelsbund betreute Ausleihportal LEO SUED online an, ebenso zahlreiche Romane, Sachbücher oder Zeitungen.  

Patienten und Klinikpersonal können sich jeden Werktag zwischen 10 und 13 Uhr direkt von den Mitarbeitenden in der Bibliothek beraten, registrieren oder Leseausweise ausstellen lassen, sich über den technischen Zugang außerhalb der Öffnungszeiten informieren und finden vor allem ein offenes Ohr. „Die Bücherei ist eingebettet zwischen Cafeteria und Kapelle“, sagt Eger. „Ein bisschen betreiben wir schon Seelsorge und nehmen uns Zeit für die Menschen, selbst wenn die nichts ausleihen.“ Dazu gehören auch die Besucher und Angehörigen der Patienten, die in der offenen Leselounge in den ausliegenden Zeitschriften blättern, im Internet surfen, sich austauschen oder einfach nur ausruhen und nachdenken können: „Die Bücherei soll eine Oase im Krankenhausalltag sein, wo es zwangsläufig um Schmerzen, Medikation und Therapien geht.“ 

Sie kann sogar den Genesungsprozess unterstützen. Davon ist Professor Klaus Markstaller, der ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende der Augsburger Uni-Klinik überzeugt: „Alle Maßnahmen, die unterstützen, dass hier ein normaleres Leben stattfinden kann, sind förderlich“, so der Mediziner. Sie nähmen den Patienten schlicht etwas von dem Stress, „der per se mit der ungewohnten Umgebung in einem Krankenhaus verbunden ist, wo nun einmal zwangsläufig Untersuchungen stattfinden und Sorgen entstehen“.  

Die lassen sich lindern durch eine Atmosphäre und Orte, „an denen ein Mensch ausgeglichener ist, und das lässt sich messen“. Ein ausgewogener Hormonspiegel sei dann ebenso festzustellen wie eine verbesserte Durchblutung von Organen, „und das ist hilfreich“, sagt Professor Markstaller. Dazu leisteten auch geistige Anregungen einen Beitrag. Die lassen sich in der freundlich gestalteten Bücherei im Augsburger Uni-Klinikum auf alle Fälle finden. Zu jeder Zeit, sogar um Mitternacht.


Mehr Informationen zur Patientenbücherei gibt es auf der Internetseite des

Uni-Klinikums Augsburg:  www.uk-augsburg.de.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.