Interview
Droht eine neue Fluchtwelle aus Syrien?
Anfang Dezember stürzten islamische Rebellen das Regime von Baschar al-Assad in Syrien. Was bedeutet der Umsturz für die Christen im Land? Andreas Kaiser im Gespräch mit dem orthodoxen Diakon Amill Gorgis, der in Berlin Geflüchtete betreut.
Syrische Christen an Heiligabend 2024 bei einem Gottesdienst in der Kathedrale der Entschlafung Unserer Frau in Damaskus. Foto: © imago/Middle East Images
Wie geht es den Christen in Syrien unter den neuen Machthabern?
Amill GORGIS: Experten schätzen, dass es nur noch 300.000 bis 500.000 Christen in Syrien gibt, von denen viele auf gepackten Koffern sitzen. Sie empfinden die Lage unter den neuen Machthabern als bedrohlich. Unter anderem, weil vielerorts neben der neuen Landesfahne plötzlich die Fahne des Islam weht, also die Flagge, die bereits die Terroristen vom Islamischen Staat genutzt haben. Ich befürchte, dass Syrien über kurz oder lang christenfrei werden könnte.
Warum?
GORGIS: Seit dem Umsturz mussten einige Kulturinstitutionen und wissenschaftliche Einrichtungen ihre Arbeit einstellen. Beispielsweise darf das Orchester von Damaskus nicht mehr öffentlich auftreten. Die neuen Machthaber denken, klassische Musik sei des Teufels. In Syriens Hauptstadt soll ein alteingesessenes Theater zu einer Moschee umgebaut werden. Auch die Musikakademie von Aleppo, die sich unter anderem mit dem Einfluss christlicher Musik auf die syrische Volksmusik beschäftigt hat, darf nicht mehr arbeiten. Die neuen Machthaber streben die Schaffung eines durch und durch islamisch geprägten Landes an. Sie betrachten alle Einflüsse abseits ihrer Religion als fremd und störend.
Einige Christen waren mit dem Assad-Regime nicht unzufrieden, weil der Diktator ihnen ein gewisses Maß an Schutz bot. Gab es an ihnen Racheaktionen?
GORGIS: Tatsächlich wurden im Rahmen des Umsturzes auch einige Christen, die mit dem Assad-Regime zusammengearbeitet haben, umgebracht. Das sind aber Einzelfälle. Auch haben beileibe nicht alle syrischen Christen mit Assad sympathisiert. Richtig ist, dass viele Christen gut ausgebildet sind und oft nur deswegen für den Staat gearbeitet haben, weil sie woanders keine Möglichkeit hatten, ihrem Beruf nachzugehen. Die meisten Christen haben ohnehin nicht für das alte Regime gearbeitet. Trotzdem leben sie heute in Angst.
Bitte erklären Sie das näher.
GORGIS: Die Islamisten haben jetzt freie Hand in Syrien. Die Armee wurde zerschlagen. Es gibt keine Polizei mehr, an die Menschen sich wenden können, wenn es Konflikte gibt. Es gibt keine Verfassung. Syrien ist ein rechtsfreier Raum. Die Menschen sind der Willkür der herrschenden islamistischen HTS-Milizen und ihren Verbündeten ausgesetzt. Zuletzt ist es häufig vorgekommen, dass Dschihadisten Frauen etwa in Aleppo und in Damaskus aufgefordert haben, sich islamisch zu bekleiden. Sie wurden aggressiv angewiesen, ihr gesamtes Gesicht unter einem Niqab zu verstecken, bei dem nur die Augen freibleiben. Viele Frauen haben nun Angst, das Haus zu verlassen.
[inne]halten - das Magazin 03/2026
Das ist mir heilig
Leserinnen und Leser erzählen von ganz besonderen Gegenständen
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
In Bab Tuma, einem christlich geprägten Viertel in Damaskus, sollen HTS-Milizionäre christliche Händler bedroht und eine Art Kopfsteuer erpresst haben.
GORGIS: Mir wurden über Social Media Videos zugespielt, auf denen zu sehen ist, wie Islamisten christliche Geschäfte, in denen Alkohol verkauft wurde, mit Steinen angegriffen haben. Auch im Internet häufen sich Drohungen gegen Christen. In den ersten Tagen nach dem Umsturz hat es zudem Überfälle auf christliche Einrichtungen gegeben, bei denen Islamisten unter anderem Weihnachtsbäume angezündet, christliche Friedhöfe verwüstet und Schulen, die unter der Trägerschaft christlicher Kirchen stehen, ausgeplündert haben.
Seither schützt das neue Regime angeblich die Kirchen vor Übergriffen.
GORGIS: Das Ganze läuft subtiler ab. So marschieren seit einiger Zeit junge Milizionäre martialisch mit Lautsprechern durch christlich geprägte Dörfer und Stadtviertel und rufen der Bevölkerung islamische Parolen sowie Suren aus dem Koran zu und verteilen Flugblätter. Sorgen machen mir auch die neuen Lehrpläne für den Religionsunterricht an den Schulen. Darin heißt es, Juden und Christen seien verirrte und von Gott geschlagene Gemeinschaften. Ich befürchte, dass sich bald auch die wenigen christlich geführten Schulen im Land diesen neuen Lehrplänen unterwerfen müssen.
Syriens neuer Machthaber Abu Muhammad al-Dscholani hat den Christen aber zugesagt, sie könnten unbehelligt im Land bleiben. Was halten Sie davon?
GORGIS: Niemand kann einschätzen, wie lange die Lage in Syrien noch einigermaßen stabil ist und Christen ihre Gottesdienste frei feiern dürfen. Es gibt etliche Islamisten innerhalb der HTS, denen der moderate Kurs al-Dscholanis ein Dorn im Auge ist. Daran, dass viele Syrer bald in ihre Heimat zurückkehren, glaube ich nicht. Eher das Gegenteil ist der Fall. Etliche Christen, die für eine Auswanderung das nötige Geld haben, werden wahrscheinlich bald ihre Heimat verlassen.
(Interview von Andreas Kaiser)
Zur Person
Amill Gorgis wurde 1952 im syrischen Kbor-Al-Bid geboren, lebt aber seit vielen Jahren in Deutschland. Er gehört der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien an. Gorgis ist Diakon und Ökumene-Beauftragter seiner Kirche und betreut rund 300 aus Syrien geflüchtete Christen. Im Juli 2024 wurde ihm für sein Engagement sowie für seine interreligiöse und ökumenische Versöhnungsarbeit das Bundesverdienstkreuz verliehen.



