Zukunft
30.03.2026

„Daseinsfreude und Lebensqualität pur“ 

Gerhard Haszprunar ist Zoologe, befasst sich aber auch mit der Ökosozialen Marktwirtschaft, mit Erwachsenenbildung und so manchem mehr. Im Interview erläutert er, wie Ökologisches und Soziales zusammenpassen und warum seine österreichische Heimat eine Vorreiterin dieser Wirtschaftsform ist. 
    

Ein bunter Garten mit vielen Blütenbesuchern macht einfach Freude, findet Gerhard Haszprunar. Ein bunter Garten mit vielen Blütenbesuchern macht einfach Freude, findet Gerhard Haszprunar. Foto: © imago/Zoonar

Können Sie am Beispiel der Wiener Straßenbahn die Ökosoziale Marktwirtschaft erklären? 

Verglichen mit München deckt der ÖPNV in Wien ein Drittel mehr Fläche mit durchschnittlich doppelter Dichte ab – und kostet deutlich weniger. Demgegenüber ist das Parken im innerstädtischen Bereich ausgesprochen teuer. Ergebnis: In Wien fährt man nur mit dem Auto in die Stadt, wenn es gar nicht anders geht. Das ist sozial sehr verträglich – und schont zugleich Klima und Umwelt. 


Und welche Positivbeispiele finden sich in der österreichischen Gastronomie? 

Man verfolgt in Österreich bezüglich der biologischen Landwirtschaft eine recht effiziente Doppelstrategie. Erstens: Die Bioprodukte werden veredelt, also aus dem Schwein wird ein Edelschinken, aus der Milch ein Neumondkäse oder aus dem Roggen ein Whisky, der europäische Goldmedaillen gewinnt. Damit fällt der erhöhte Produktionspreis prozentual auf das Endprodukt deutlich geringer aus – und die bessere Qualität rechnet sich. 

Zweitens: Es gibt regionale Absatznetzwerke der Biobauern mit der gehobenen Gastronomie, die auf ihren Speisekarten zugleich Werbung für die Produzenten machen. Der Rohstoff Biofleisch kostet im Einkauf zwar etwa 30 Prozent mehr, das fertige Bioschnitzel im Hotel (da das Fleisch neben anderen Betriebskosten nur ein Viertel des Endpreises ausmacht) aber nur noch 7,5 Prozent mehr – dafür gibt es regionale Bioqualität, und das wird von den Gästen akzeptiert, oft sogar ausdrücklich geschätzt. Ergebnis: In Österreich ist der Anteil an biologischer Landwirtschaft fast dreimal so hoch wie hierzulande. Das hilft insbesondere den familiären Kleinbetrieben und der Umwelt gleichermaßen.  
    

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Dass gegen die Klimaerwärmung und den Artenschwund etwas getan werden muss, ist einer Mehrheit längst bekannt. Warum wird nicht schon längst viel mehr unternommen?  

Die beiden genannten Umweltkrisen sind politisch gesehen grundverschieden: Die Klimaerwärmung ist ein globales Phänomen und kann daher nur global gelöst werden, der Anteil Deutschlands beträgt dabei nur 2,5 Prozent. Wer die ganze Welt retten will, ist selber nicht zu retten, heißt es. Hier geht es also vor allem um Vorbildwirkung und die Entwicklung von technischem Know-how, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren – was wiederum unserer Wirtschaft zugutekommen sollte. Man denke an den Solartechnik- oder den E-Auto-Boom in China.  

Demgegenüber kann dem Biodiversitätsverlust (Artenschwund) regional und lokal relativ einfach und schnell begegnet werden. Hier gibt es viele Privat-, Vereins- und Verbandsinitiativen, aber zu wenige wirtschaftliche Ansätze. 

Warum etwa keine Thujen- und Kirschlorbeer-Verkaufsverbote wie in der Schweiz? Hecken aus Schlehdorn oder Kornelkirsche blühen genauso schön wie jene der (nutzlosen) Forsythien oder Flieder – und nützen Bestäubern und Wintervögeln gleichermaßen. Warum keine Bauvorschrift für wasserdurchlässige und solarüberdachte Großparkplätze in Gewerbegebieten? Letztere schaffen mehr Parkplätze, vermeiden Probleme bei Starkregen, erfreuen die Gäste durch Beschattung (kein „Sauna-Auto“ mehr), ersparen die Schneeräumung im Winter – und vermindern die Stromrechnung des Betriebes. Und wenn man dann noch eine E-Tankstelle für die Kundschaft einrichtet … Ideen gibt es mehr als genug – es hapert an der Umsetzung.  

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Soziale Maßnahmen lassen sich mit Geld schnell umsetzen – ökologische Verbesserungen wirken oft erst langfristig. Politiker, die wiedergewählt werden wollen, können also mit Umweltmaßnahmen nur schwer punkten. Wie lässt sich dieses Grundproblem lösen? 

Sie haben recht, die oben angesprochene Globalproblematik Klimaschutz ist politisch eine Herausforderung. Daher muss parallel dazu vor allem den Folgen der Klimaerwärmung gegengesteuert werden – das nützt relativ schnell allen und ist nicht zuletzt eine soziale Frage, da sozial Schwache unter der Erwärmung am meisten leiden, etwa bei Sommerhitze in schlecht isolierten Wohnungen. Wirksame Baumbegrünung der Städte ist aber extrem teuer und dauert lang, Fassaden- und Pergola-Begrünungen sind deutlich günstiger und wirken schneller.

Bei der Biodiversität läuft es deutlich besser, da die Erfolge der Maßnahmen schneller sichtbar werden: Ein bunter Garten oder Park mit vielen Blütenbesuchern und Singvögeln oder ein Stück unberührte Natur macht einfach Freude. Entscheidend ist in beiden Fällen aber eine Bildungsoffensive: Nur was man kennt, wird geschätzt –und nur das Schätzenswerte wird auch geschützt (Konrad Lorenz). 


Import-Obst aus Peru, Südafrika, Indien und Neuseeland gibt es in jedem Supermarkt, Erdbeeren im Winter sind keine Besonderheit mehr. Ist doch ein Zugewinn an Lebensqualität, wenn ich immer alles haben kann – oder übersehe ich da was? 

Ich meine, wir müssen die (Vor-)Freude der regionalen Saisonalität wiederentdecken. Ich sehe mit Begeisterung der kommenden Spargelernte, dann den heimischen Erdbeeren, den Kirschen und Aprikosen (Marillen) und im Herbst den Pilzgerichten und den Wildwochen entgegen. Das ist Daseinsfreude und Lebensqualität pur – und zugleich ein Beitrag zum Umweltschutz und zur Nachhaltigkeit.  
 

Die Ökosoziale Marktwirtschaft steht nicht nur für eine umweltfreundliche Lebensweise, sondern auch für sozialen Ausgleich und wirtschaftliche Prosperität. Wie kann die Kirche als Institution helfen, dieses Modell vorwärtszubringen? Und was können einzelne Christinnen und Christen tun? 

Die sogenannte „Amtskirche“ ist explizit dazu aufgerufen, das Prinzip „Ökosoziale Marktwirtschaft“ umzusetzen. Es war die Enzyklika Laudato si’ (2015) von Papst Franziskus, die erstmals dezidiert darauf hingewiesen hat, dass die ökologische Frage nur gemeinsam mit der sozialen Frage zu lösen ist. Umsetzungsmöglichkeiten gibt es viele: etwa eine Vorgabe zum biologischen Landbau bei der Verpachtung kirchlicher Agrarliegenschaften, eine sozial verträgliche Vermietung kirchlicher Wohnungen und Gebäude, die Verwendung nachhaltig erzeugter Produkte und Lebensmittel bei kirchlichen Feiern und vieles mehr. Und da Bildung ein zentrales Element der Ökosozialen Marktwirtschaft darstellt, sollte die Förderung des gut etablierten, breit angelegten und ganz überwiegend niederschwelligen Angebots der Katholischen Erwachsenenbildung keinesfalls weiter gekürzt werden.  

Laudato si’ wendet sich (ausnahmsweise) aber nicht nur an die Vertreter der Amtskirche und den Klerus, sondern direkt an alle Gläubigen. Das heißt: Jede Christin und jeder Christ ist aufgerufen, ihr/sein Leben im Sinne einer Ökosozialen Marktwirtschaft zu gestalten und entsprechend zu handeln. „Kleinvieh macht auch Mist“, sagt der Volksmund mit Recht. Gegen den üblichen deutschen Perfektionismus möchte ich als Realist dazu empfehlen: Lieber halb gut als ganz schlecht! 

ZUR PERSON 

Gerhard Haszprunar (69) war Professor für Systematische Zoologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Direktor der Zoologischen Staatssammlung München sowie Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Heute ist er Vorsitzender der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) der Erzdiözese München und Freising und Einzelpersönlichkeit im Diözesanrat. 

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Joachim Burghardt
Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
Immer auf der Suche nach spannenden, kontroversen und kuriosen Themen rund um Glauben und Wissen.