Experiment
Berliner Schüler auf Smartphone-Entzug
Drei Wochen ohne Handy: Was für Jugendliche wie ein Alptraum klingt, war für die Schüler eines Gymnasiums in Berlin Realität. Nun haben sie ihre Geräte zurück – und erzählen von besserem Schlaf und der Festnetzrechnung.
Berliner Schülerinnen und Schüler zeigen nach drei Wochen freiwilligem Verzicht ihre Handys. Foto: © Daniel Zander/KNA
Die Erleichterung war spürbar: Pünktlich um 11.02 Uhr haben die Jugendlichen der Evangelischen Schule in Berlin-Köpenick sie wieder in den Händen gehalten, die langersehnten Objekte der Begierde: ihre Handys. Drei lange Wochen mussten 74 Schülerinnen und Schüler verschiedener Klassenstufen des Gymnasiums ohne die Smartphones auskommen, ehe die Durststrecke am Dienstag endete. Doch war es für die Schüler wirklich so schlimm?
„Ich hatte schon manchmal den Reflex, beim Warten aufs Handy schauen zu wollen“, sagt Janne Oebbeke. „Aber auf lange Zeit ging es dann doch ganz gut.“ Der Elfjährige, der derzeit die sechste Klasse des Gymnasiums besucht, hatte sich bewusst für das freiwillige Experiment entschieden. „Ich habe teilgenommen, weil ich sehr viel YouTube geschaut habe und dachte, dass das Experiment gut für mich sein könnte.“
„Wirklich sehr befreiend“
Tatsächlich habe die Handy-Abstinenz seine Kreativität gefördert, wie er berichtet. „Ich habe Lego gebaut, bin in den Garten gegangen und habe auch mehr mit meinen Eltern gemacht – das hätte ich sonst nicht getan.“ Auch nach der Rückgabe des Handys wolle er auf seinen Medienkonsum achten. „Ich werde auf jeden Fall versuchen, meine Bildschirmzeit stärker zu senken. Ich muss zugeben: Davor lag sie bei drei bis vier Stunden pro Tag.“ Das Experiment empfehle er auch anderen Schülern – „es war wirklich sehr befreiend“.
Dass der Verzicht aufs Smartphone positive Auswirkungen auf die Schüler hat, beobachtete auch die stellvertretende Schulleiterin Kerstin Schwitters. „Die Schülerinnen und Schüler haben mir von einem besseren und längeren Schlaf berichtet, einer höheren Aufmerksamkeitsspanne und mehr Zeit für Familie und Freunde“, so Schwitters. „Dadurch haben sie auch generell ein höheres psychisches Wohlbefinden.“
Handyfreie Schule
Die Idee für das Experiment stamme aus Österreich, wurzele aber auch in der grundsätzlichen Haltung der Schule. „Wir wollten schon seit längerer Zeit eine handyfreie Schule werden“, so Schwitters. Derzeit haben die Kinder und Jugendlichen der fünften bis zehnten Klasse während des Schultages kein Handy, müssen es vor Unterrichtsbeginn einschließen und können es erst beim Verlassen des Gymnasiums wieder mitnehmen.
„Dieses Modell hätten wir auch gerne für die Oberstufe. Das Experiment war daher eine gute Möglichkeit, um auszuprobieren, wie sich eine längere Zeit ohne Smartphone anfühlt“, sagt Schwitters, die sich auch für ein Verbot für Soziale Medien bis 16 Jahren ausspricht. „Ich persönlich denke, dass das eine gute Idee ist. Gleichzeitig müsste ein Verbot aber auch pädagogisch begleitet werden.“
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Schwierige Kommunikation
Für die 16-jährige Käthe Kubisch, die die zehnte Klasse der Schule besucht, ergaben sich durch das Leben ohne Handy aber auch besondere Herausforderungen. „Ich habe vor allem die Kommunikation vermisst“, sagt sie und erzählt eine kleine Anekdote: „Ich habe mich mit Freunden in einer Gegend getroffen, in der ich mich gar nicht auskannte. Ich habe mir meinen Fahrtweg vorher notiert, bin aber dort erst mal 20 Minuten in die falsche Richtung gelaufen – und konnte noch nicht mal Bescheid sagen, dass ich zu spät komme.“
Grundsätzlich aber würde auch Kubisch das Experiment anderen Schülern empfehlen: „Es war wirklich schön und hat sich bewährt.“ Zwar habe sie auch vor dem Versuch bereits ihr Handy nicht so oft genutzt, möchte aber nach dem Experiment dennoch bewusster darauf achten. „Ich überlege, auch auf dem Schulweg mein Handy nicht mehr mitzunehmen, weil man einfach viel mehr mitbekommt, was um einen herum passiert.“
Hohe Festnetzrechnung
Die erschwerte Kommunikation betont auch eine andere Schülerin, die von ihren Erfahrungen kurz vor dem gemeinsamen Einschalten der Handys auf dem Schulhof erzählt. „Über WhatsApp zu schreiben ging ja nicht mehr, also habe ich viel übers Festnetz telefoniert“, sagt sie. „Die Festnetzrechnung ist in den letzten drei Wochen bestimmt in die Höhe geschnellt – das wird mir sicher vom Taschengeld abgezogen.“
Daniel Zander



