Kultur und Wissen
01.11.2024

Generalsanierung Eichstätter Dom

Gerüstet für kommende Generationen

Rund fünf Jahre lang konnten im Oktober 2024 wiedereröffneten Eichstätter Dom keine Gottesdienste stattfinden, weil fleißige Handwerker Einzug gehalten hatten. Saniert wurde in vier Bauabschnitten, von West nach Ost, vom Dachstuhl bis zum Portal, mit mancher Überraschung. Eine Chronik.

Auch der Altarraum des Eichstätter Doms wurde im Zuge der Sanierung neue gestaltet. Auch der Altarraum des Eichstätter Doms wurde im Zuge der Sanierung neue gestaltet. Foto: © Michael Heberling

So wie der Beginn der Domerneuerung in den 1970er-Jahren einen Vorlauf von mehreren Jahren hatte, kündigt sich auch die jetzige Generalsanierung bereits weit vor dem eigentlichen Startschuss an: Die Statue des Bistumspatrons, die an der Westfassade des Doms über die Jahrhunderte den Stürmen getrotzt hatte, muss durch eine neue Steinfigur ersetzt werden. Im Herbst 2017 wird das Werk des Bildhauers Rupert Fieger gemeinsam mit vier weiteren aufwendig restaurierten Heiligenfiguren in einer spektakulären Aktion per Kran wieder in die Höhe gehievt.


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Mit einem Abschied geht es los

Der Westchor ist der Teil des Doms, in dem das Großprojekt beginnt, von dem die Diözese im Januar 2019 offiziell Kenntnis gibt: „In den kommenden Jahren steht eine Gesamtsanierung des Eichstätter Doms an. Von Westen nach Osten werden die Maßnahmen in vier Bauabschnitten durchgeführt. Im April wird mit der Sanierung des Westchors (Willibaldschor) begonnen. Diese Arbeiten sollen noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Von 2020 bis 2021 steht die Sanierung des Langhauses und des Querschiffs an.“ In dieser Zeit, so die Ankündigung, werde der Dom komplett geschlossen sein. Für das Jahr 2022 sei dann die Restaurierung des Ostchors vorgesehen, für 2023 der neue Anstrich der Türme sowie Arbeiten an der Kapitelsakristei.

Die Liste der geplanten Maßnahmen umfasst laut Ankündigung die denkmalgerechte statische Sanierung aller Dachstühle, den Wiedereinbau einer Wärmedämmung auf den Gewölben, die Fassadensanierung (Putz und Fassung) einschließlich der Fenster, die Restaurierung der steinernen Maßwerke und Gläser sowie Natursteinarbeiten an den Treppenstufen. Außerdem müsse der Innenraum mit seinen Altären, Bildern und Figuren gereinigt werden. Erneuert würden das Beleuchtungskonzept und die Blitzschutzanlage. Eine neue Lautsprecheranlage sei bereits im Vorgriff auf die Gesamtsanierung installiert worden, so wie auch eine Sanierung des Kreuzgangs vorangegangen sei. Im Vordergrund der neuen Maßnahmen, so heißt es, „stehen die Beseitigungen der Schäden sowie die Pflege und Erhaltung des Bauwerks, das verschiedene Bauphasen des 11. bis 18. Jahrhunderts vereinigt.“ Die Gesamtkosten werden auf 15,4 Millionen Euro beziffert. Davon entfielen 12,2 Millionen auf den Freistaat Bayern, das Bistum übernehme 3,2 Millionen.

Zur Fastenzeit 2020 wird es ernst

Als Anfang April 2019 die Gerüstbauer anrücken, werden die morgendlichen Messfeiern während der Woche in die Schutzengelkirche am Leonrodplatz verlegt. Vorabendmessen und Gottesdienste an Sonn- und Festtagen finden dagegen noch im Dom statt. Bis es schließlich am ersten Fastensonntag 2020 – die Sanierung des Westchors ist mittlerweile beendet – ernst wird: In Erwartung einer mindestens zwei Jahre dauernden Schließung des Doms werden nach einem Pontifikalgottesdient in Prozession das Allerheiligste und eine Kopfreliquie des heiligen Willibald in die Schutzengelkirche übertragen. Dort, in der Seminar- und Universitätskirche, sollen für die Dauer der Sanierung des Langhauses und des Querschiffs des Doms alle Gottesdienste und Konzerte stattfinden, wie es Domkapitular Reinhard Kürzinger, als „Summus Custos“ quasi der „Hausherr“ der Kathedrale, bei einer Pressekonferenz zuvor angekündigt hat.

Unmittelbar nach dem berührenden Abschied beim vorläufig letzten Gottesdienst beginnt das Großprojekt, das als „großer Kundendienst“ für die nächsten 50 oder 100 Jahre betrachtet wird. Was die Arbeit auf der Baustelle nicht gerade leichter macht: Es können keine Kräne auf dem Domplatz im Boden verankert werden, da sich im Untergrund Gräber eines ehemaligen Friedhofs und die Ruine einer alten Kapelle befinden. Alle Materialien müssen deshalb mit kleinen Aufzügen hochgefahren werden und im Gebäude mit der Hand transportiert werden. „Ganz wie in der Erbauungszeit des Doms im Mittelalter“, zitiert eine Pressemeldung des Bistums den statischen Betreuer der Großbaustelle, Klaus Hacker.


Viel Arbeit für Zimmerer im Dachstuhl

Im Sommer 2020 sind die Mitarbeiter zweier regionaler Zimmererfirmen mit Hochdruck bei der Arbeit und erleben dabei zwischen Quer- und Langhaus so manche Überraschung. So ist der Dachstuhl durch mehrere Umbauten in der Geschichte der Kathedrale deutlich abgesunken und in Schräglage geraten. Mit Anhebearbeiten versucht man, den gesamten Dachstuhl neu auszurichten. Dazu muss das Dach teilweise abgedeckt werden, um die Last auf dem Dachstuhl zu verringern. Danach erfolgt eine Untersuchung nach Schäden. Verfaulte Holzteile werden entfernt und durch neue Balken ersetzt. Die ältesten Teile des Langhauses sind über 600 Jahre alt. Ein zweiter Schwerpunkt der Arbeiten sind die von Rissen durchzogenen Gewölberippen aus Kalk. Dafür ist in luftiger Höhe eine Zwischendecke eingezogen worden.

Während Corona Menschen im Bistum und auf der ganzen Welt ängstigt und ausbremst, geht es auf der Dombaustelle unter Beachtung aller Sicherheitsmaßnahmen unbeirrt weiter. „Was die Kosten und den zeitlichen Ablauf betrifft, liegen wir im Plan“, sagt Thomas Sendtner, Bereichsleiter Hochbau beim Staatlichen Bauamt Ingolstadt, bei einem Pressegespräch im September 2021. „Die Sanierung war dringend notwendig“, fasst er zusammen. Einige Maßnahmen, die neu hinzugekommen sind, werden vorgestellt: Unter anderem soll ein barrierefreier Zugang zum Dom geschaffen werden. Außerdem bietet es sich an, die Installation einer Brandmelde- und Brandbekämpfungsanlage, die Überarbeitung der Uhren- und Glockensteuerung, Schutzmaßnahmen für die Orgel sowie den Einbau einer Lüftungsanlage für die Orgel gleich mitzuerledigen. Die Mehrkosten belaufen sich auf rund 1,7 Millionen Euro und werden von der Diözese übernommen.

Aufzug schafft Barrierefreiheit

Im Frühjahr 2022 wird das seit 50 Jahren vermauerte Portal im Nordquerhaus wieder geöffnet, weil dort der neue Aufzug seinen Platz finden wird. Er soll eineinhalb Höhenmeter überwinden und damit auch Besucherinnen und Besuchern im Rollstuhl oder mit Kinderwagen problemlos Zugang zum Dom ermöglichen. Nachdem auch die Denkmalpflege zugestimmt hat, kann mit dem Bau begonnen werden. Dafür muss eines der schönsten und wertvollsten Grabdenkmäler des Eichstätter Doms umziehen: Das spätgotische Epitaph der Familie von Eyb wird behutsam von der Stelle entfernt, an die man es erst bei der letzten Sanierung vor 50 Jahren platziert hatte, und um einige Meter versetzt. Auch der Taufstein braucht wegen des Aufzugs einen neuen Platz. Er wandert nun in die Mitte des Kirchenschiffs. Die für 2023 anvisierte Wiedereröffnung wird nach hinten korrigiert, auf Ostern 2024. Damit die Kosten, die noch im Soll liegen, so gut es geht gestemmt werden können, wird im Mai 2022 ein Dombauverein unter Vorsitz von Dompropst Alfred Rottler gegründet.

Altarinsel wird neu gestaltet

Ein weiteres Jahr vergeht, die instandgesetzten metallenen Zifferblätter kehren auf die Domtürme zurück. Die Sanierung von Lang- und Querhaus ist abgeschlossen, heißt es in einer Pressemeldung von März 2022. Bei den Bauarbeiten, die von West nach Ost verlaufen, stünden jetzt der Ostchor und die Türme im Mittelpunkt. Und es geht weiter zügig voran: „Diese Baustelle wird ein Ende haben!“, ruft Bischof Gregor Maria Hanke bei der Willibaldswoche 2023 freudig aus. In genau einem Jahr, bei der Festwoche 2024, solle es so weit sein. Auf neuen Glanz freut sich auch Domkapitular Kürzinger: Nicht nur, weil die gesamte Innenausstattung gereinigt wird, sondern auch, weil man sich für eine Neugestaltung der Altarinsel entscheidet.

Einhellige Begeisterung herrscht, nachdem im November 2023 das Gerüst am hochgotischen Hauptportal abgebaut ist: Zum Vorschein kommt die mittelalterliche Figurengruppe in neuem Glanz und in ungewohnter Farbigkeit. Vorbei die Zeiten, als der empfindliche Höttinger Sandstein bei bloßer Berührung abgebröselt war.

Neugestaltung des Altarraums

„Was braucht dieser Ort?“ Aus einem Wettbewerb zur Gestaltung des Altarraums im Dom ging das Künstlerpaar Lutzenberger als Gewinner hervor. Ihre Entwürfe arbeiten mit dem Vorgegebenen und ihre Ausführung setzt zugleich Signale einer neuen Ästhetik.

Es war die große Domerneuerung in den Jahren 1971–75, die in der Eichstätter Kathedrale eine prägnante liturgische Mitte schuf. Nicht nur verglichen mit dem Zustand davor, sondern auch im Vergleich mit Altarraumgestaltungen anderer großer Kirchen, besitzt dieser architektonisch wie theologisch zentrale Ort eine beeindruckende, lichte Weite. Zugleich konzentriert er mit dem an der breitesten Stelle des Domes positionierten Zelebrationsaltar den Betrachter auf das liturgische Geschehen.

Wer das Innere des alten Doms mit der alles dominierenden Chorschrankenmauer kennt und sich der gut zehnjährigen Debatte erinnert, die ihrer Entfernung vorausging – und die der Chronist bemerkenswerterweise als „Höhepunkt der geistigen Auseinandersetzung“ bei der Umgestaltung bezeichnete –, der muss heute noch staunend und dankbar auf die mutige Entscheidung von damals blicken.

Dieser vor fast genau 50 Jahren neu gewonnene Raum sollte nun im Zug der aktuellen Sanierung neugestaltet werden. Das Bistum schrieb also einen anonymisierten Kunstwettbewerb „Liturgische Ausstattung“ aus. Unter den acht eingereichten Arbeiten entschied sich die Jury einstimmig für den Entwurf der Künstler Susanna und Bernhard Lutzenberger aus Wörishofen. Auftrag war es, für die Altarinsel einen Ambo, einen Oster- und vier Altarleuchter, Sedilien für den liturgischen Dienst und den Bischof sowie Kredenzen zu entwerfen. Dafür griff das Künstlerehepaar die „Grundstimmung des Domes“ auf, die sich in den Prinzipien „Ruhe und Bewegung, Geborgenheit und Leichtigkeit, Festigkeit und Transparenz“ abbilde, heißt es in ihrem Konzept.

„Was braucht dieser Ort“, sei die leitende Frage in der Phase der Ideenfindung. Seine Frau setze sich in die Kirche und trete mit dem Raum in einen Dialog, schildert Bernhard Lutzenberger diesen Prozess. Die technische Umsetzbarkeit der Ideen zu prüfen, das sei dann sein Job. Im Eichstätter Fall, in dem es Aufgabe war, „mit dem Bestand zu arbeiten“, war klar, so Bernhard Lutzenberger: „Wir nehmen nichts raus, wir fügen uns ein.“

Und so kann man an den fertigen Objekten jetzt zum Beispiel erkennen, dass immer wieder im Dom auftretende florale Muster als Gestaltungshilfe und stilisiertes Motiv an den neu entworfenen liturgischen Orten aufgegriffen werden. Ob nun in den Bestandteilen des Osterleuchters oder in der Formensprache des Ambos. Dazu passend wählte das Künstlerehepaar die Materialien, in der Hauptsache feingeschliffenes Nussbaumholz und zartgolden glänzendes oder patiniertes Messing.

Nicht nur bei den Materialien korrespondieren die Objekte miteinander, sondern auch in der Größe. Ihre Maße entstanden im goldenen Schnitt aus denen des zentralen Altars. Lutzenberger und Lutzenberger sei es gelungen, so stellte schon die Jury im Juli 2023 fest, „die neuen Ausstattungsstücke mit einer eigenen künstlerischen Sprache und Identität zu entwerfen“. Altes und Neues falle nicht auseinander, sondern ergänze sich in einer schlichten und doch markanten Weise.

Zwischenfall mit Folgen

Das Jahr endet mit einer Stellprobe für die neue Altarraumgestaltung und alle Arbeiten sind im grünen Bereich, bis es schließlich im Februar 2024 zu einem Zwischenfall kommt: Das Abluftgerät der Firma, die den barrierefreien Aufzug einbaut, geht in Flammen auf. Obwohl das Feuer sofort gelöscht wird, entsteht eine massive Rauchentwicklung im Dom. Proben müssen genommen, Gutachten erstellt werden. Zum Schutz der Arbeitenden im Dom werden die Bauarbeiten eingestellt, der Wiedereröffnungstermin ist nicht mehr haltbar und wird terminiert auf den 20. Oktober. Und doch wird die Bistumskirche bei der Willibaldswoche 2024 bereits aktiv mit einbezogen, zum Beispiel durch eine festliche Illumination. In großen Lettern können es alle auf der nördlichen Außenwand lesen: Der Dom kehrt zurück.

Gabi Gess und Michael Heberling