Vor 100 Jahren begann die Fernseh-Ära
Als vor 100 Jahren der erste mechanische Fernseher lief, war dessen Siegeszug kaum abzusehen. Was als Technikexperiment begann, endete als Massenmedium im Wohnzimmer.
Männer, Frauen und Kinder sitzen gemeinsam vor einem Röhrenfernseher im Wohnzimmer ihres Hauses und schauen eine Nachrichtensendung, im Jahr 1972 im Dorf Petronà (Italien) in Kalabrien. Foto: © Hans Knapp/KNA
Wer ist eigentlich der Erfinder des Fernsehens? Gibt es da jemanden, auf den TV-Sternstunden wie die Übertragung der Mondlandung zurückgehen? Und wer ist schuld am „Dschungelcamp“ und den Witzen von Stefan Raab? Mit dem ersten mechanischen Fernseher, den John Logie Baird vor 100 Jahren präsentierte, scheint der Schotte zumindest ein plausibler Kandidat.
Doch die bewegten Bilder, die Baird am 26. Januar 1926 Mitgliedern des Royal Institution of Great Britain zeigte, haben mit dem heutigen Fernsehen wenig zu tun. Grundlage des Geräts von Baird war die sogenannte Nipkow-Scheibe. Der Deutsche Erfinder Paul Nipkow hatte diese etwa 40 Jahre zuvor entwickelt. Dabei handelte es sich um eine rotierende Lochscheibe, die Bilder in Hell/Dunkel-Signale zerlegte und wieder zusammensetzte. Baird entwickelte sie weiter und übertrug erstmals konturierte Bilder eines menschlichen Gesichts.
Kein fester Startpunkt des Fernsehens
Zugegeben: Es mag verlockend sein, einen festen Startpunkt einer Fernsehgeschichte zu suchen. Aber die Premiere von Baird legte lediglich den Grundstein für die nachfolgende Entwicklung des Mediums Fernsehen. „Letztlich war das nur einer von mehreren Meilensteinen, eine weitere Entwicklungsstufe des Fernsehens. Es gibt nicht die eine Erfindung des Mediums, wie wir es heute kennen“, sagt die Kölner Medienwissenschaftlerin Tanja Weber.
Bis das Fernsehen schließlich zu dem wurde, was es heute ist, war es ein weiter Weg – der auch nicht vorgeschrieben war. „Die Idee war erstmal nur, ein Bild elektrisch zu übertragen. Was man dann mit diesem Medium gemacht hat, war unterschiedlich“, so Weber. Sinnbildlich dafür steht der Streit um die Nutzung der Technik im nationalsozialistischen Deutschland. „Das Propagandaministerium wollte den Fokus auf die Inhalte legen, die Post auf Bild-Telefonie, und das Luftfahrtministerium wollte die Technik für ,sehende Bomben‘ nutzen“, erläutert die Wissenschaftlerin.
Hitler als kleines, unscharfes Männchen
Letztlich war das Fernsehen im NS-Regime ein Mittel zur Propaganda, jedoch laut Weber nicht inhaltlich, sondern technisch. „Hitler selbst etwa ist nie im Fernsehen aufgetreten, weil das für die nationalsozialistische Ästhetik total abwegig war – eine Darstellung als kleines, unscharfes Männchen.“
Nach dem Ende des NS-Regimes entwickelte sich das Fernsehen langsam, aber sicher zu einem Massenmedium, das Einzug in immer mehr Haushalte fand. Doch das Fernseh-Schauen wollte gelernt sein: „Es gab viele Ratgeber, die die richtige Sitzposition oder den richtigen Abstand zum Gerät empfahlen“, so Weber. Auch die Nutzung des privaten Wohnzimmers hat sich durch den Fernseher stark gewandelt. „Das Wohnzimmer diente in bürgerlichen Gefilden als gute Stube, die nur für den Empfang von Gästen diente. Durch den Fernseher bekam das Zimmer eine neue Funktion.“
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Der Fernseher als Möbelstück
Die Platzierung des Fernsehers im Wohnzimmer erklärt zudem das anfängliche Design der Geräte. „Der Fernseher musste sich diesen guten Stuben anpassen, er wurde zu einem Möbelstück“, so Weber. „Teilweise waren die Geräte in ganze Medienschränke aus Eichenholz eingebettet, inklusive Radio und kleiner Bar.“
Mit der Zeit wurden die Geräte erschwinglicher und deren Verbreitung größer. Dadurch konnte das Fernsehen eine seiner großen Stärken ausspielen: „Das Fernsehen hat durch sein Live-Ausstrahlen die Möglichkeit, eine Gesellschaft zu synchronisieren“, erklärt Weber. Sprich: Über das, was Samstagabend im TV lief, wurde am nächsten Tag gesprochen. Es entstand eine Art Schaugemeinschaft. Das lag auch an der zunächst überschaubaren Anzahl an Fernsehkanälen.
Lagerfeuer-Momente im Wohnzimmer
So schuf das Fernsehen besonders in den 1960er Jahren bis in die 80er und 90er Jahre Momente, an die sich Generationen kollektiv erinnern können. Im August 1967 gab Bundeskanzler Willy Brandt mit rollendem „R“ den „Starrrrtschuss für das deutsche Farrrrbferrrrnsehen“, 1971 schlug Nikel Pallat einen Talkshow-Tisch mit einer Axt kurz und klein und ab 1981 sorgte „Wetten, dass...?“ für die inzwischen nostalgisch beschworenen „Lagerfeuer-Momente“ in deutschen Wohnzimmern.
„Ich glaube, dass wir ein menschliches Bedürfnis danach haben, etwas gemeinsam zu schauen“, sagt Weber. In der weiteren Entwicklung des Fernsehens hin zu einer enormen Auswahl an Kanälen, der Einführung des Videorekorders und dem Aufkommen von Mediatheken und Streamingportalen „haben wir dann angefangen, Dinge asynchron zu schauen“. Besonders jüngere Generationen seien auf der Suche nach neuen Schaugemeinschaften, etwa durch den Austausch über gesehene Serien auf Sozialen Medien. „Für mich ist das weiter Fernsehen, auch wenn man das vielleicht anders nennen kann“, sagt Weber.
Fernsehen muss sich nicht behaupten
Für die Medienwissenschaftlerin ist Fernsehen etwas, was sich stets weiterentwickelt: „Ich beobachte, wie ähnlich Netflix dem Fernsehen wurde und wie sich im Gegenzug das Fernsehen durch die Mediatheken dem Streaming angleicht. Ich sehe nicht, wie sich das Fernsehen gegen etwas behaupten soll.“
Oft kämen Vergleiche mit dem linearen Fernsehen. „Was soll das genau sein?“, fragt Weber. „Wenn man ganz streng ist, dann ist lineares Fernsehen mit der Einführung des Videorekorders in den 70er Jahren passé.“ Fernsehen reagiere immer auf neue Dinge und versuche, sie einzubinden – „wie eben den Videorekorder oder auch die Fernbedienung“.
Daniel Zander



