Kultur und Wissen
24.10.2024

Tag der Bibliotheken

Vom Bilderbuch bis zur Mundartliteratur

Die Gemeindebücherei in Grassau im Chiemgau ist ein Paradies für Leser – nicht nur am 24. Oktober, dem deutschlandweiten Tag der Bibliotheken. Wir haben der komplett ehrenamtlich geführten Bücherei einen Besuch abgestattet.

Sie genießen die familiäre Atmosphäre in der Bücherei: (v.l.) Annette Grimm, Anneliese Gschöderer und Caroline Zeisberger mit ihrem Enkelkind, auf das sie gerade aufpassen musste. Sie genießen die familiäre Atmosphäre in der Bücherei: (v.l.) Annette Grimm, Anneliese Gschöderer und Caroline Zeisberger mit ihrem Enkelkind, auf das sie gerade aufpassen musste. Foto: © Bierl/SMB

Anneliese Gschöderer ist aus der Gemeindebücherei in Grassau nicht wegzudenken. Heute freut sie sich schon auf die nächste Schulklasse, die bald kommt. Es begeistert sie, wie Kinder das Lesen entdecken: „Beim ersten Besuch sagen manche, da ist ja gar nichts für mich dabei, und beim nächsten Mal schleppen sie dann ganze Stapel mit“.

Seit 1981 arbeitet die 75-Jährige in der ersten Bücherei am Ort. Sie geht auf kirchliche Initiative zurück und war zunächst im Pfarrheim untergebracht. Heute kann sie sich gar nicht mehr vorstellen, dass es eine Gemeinde ohne Bücherei gibt: „Des geht ja gar ned!“

Davon ist in Grassau auch die Kommune überzeugt und unterstützt die komplett ehrenamtlich geführte Einrichtung „sehr großzügig“, wie Leiterin Caroline Zeisberger erzählt. So konnten die heute insgesamt 24 Mitarbeiterinnen und ein Mitarbeiter aus den beengten Pfarrräumen in einen ehemaligen und großräumigen Saal über der Dorfwirtschaft einziehen.

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Oben Bücher, unten Knödel

Während unten Schweinsbraten und Knödel serviert werden, leihen oben die Kundinnen und Kunden vor allem Heimatkrimis, Romane, Reiseführer, Sach- und vor allem viele Kinderbücher. Deswegen kommt Claudia Richter fast jede Woche mit ihrem Sohn Jakob hierher. Der Fünfjährige ist gerade in ein Bilderbuch mit Baumaschinen vertieft. Und seine Mama freut sich, dass Jakob durch die vielen Bilderbücher „seinen Sprachschatz erweitert und immer neugieriger aufs Lesen in der Schule wird“. Aber auch Erwachsene kommen in der Grassauer Bücherei auf ihre Kosten. Büchereileiterin Caroline Zeisberger lädt zum Frühstück mit Autoren von Berg- und Wanderführern, zu Lesungen mit Krimischriftstellern aus der Region oder zu Abenden mit Mundartliteratur ein: „Wir wollen für alle etwas bieten, auch für die rund 200 Flüchtlinge am Ort, zum Beispiel Bücher in einfacher Sprache“.

Vor einigen Jahren gab es sogar eine Asylothek mit muttersprachlicher Literatur, deren Bestände jetzt ein Verein für Geflüchtete in Grassau übernommen hat. Bei der Asylothek hat sich die Bücherei vom Sankt Michaelsbund (SMB) unterstützen lassen. Gemeinde und Pfarrei sind Mitglied des katholischen Büchereifachverbandes.

Der Büchereiverband Sankt Michaelsbund

Als ältester bayerischer Büchereiverband betreuen die Landesfachstelle und die Münchner Büchereizentrale bayernweit mehr als 1.000 Büchereien mit rund 11.000 Ehrenamtlichen bei ihrer Arbeit. Die Landesfachstelle des Sankt Michaelsbund und die sieben bayerischen Diözesanstellen arbeiten als Beratungs- und Servicestellen für Büchereien und ihre Träger eng zusammen. Die Leistungen reichen von A-Z, von Aus- und Fortbildung bis Zuschussverwaltung. Dazu gehören die Unterstützung bei allen Fragen der Bibliotheksverwaltung, Betrieb von Austauschbüchereien, Beratung beim Einsatz neuer Technologien, Entwicklung von Einrichtungskonzepten und Begleitung von Bau- und Reorganisationsmaßnahmen, Mitwirkung beim Abschluss von Büchereiverträgen sowie die politische Vertretung der Büchereien nach Außen.

Professionelle Unterstützung

Sie lassen sich vom SMB über Neuerscheinungen auf dem Medienmarkt, elektronische Ausleihe oder bei der Katalogisierung professionell beraten. Ohne den SMB hätte es Annette Grimm deutlich schwerer. Sie kümmert sich um die Bestandspflege, also um Neuanschaffungen, aber auch um das konsequente Aussortieren veralteter oder kaum genutzter Medien: „Allein die Empfehlungen des SMB bei den Neuerscheinungen sparen mir so viel Zeit“.

Nicht zuletzt wegen dieser professionellen Begleitung hat sie auch nach 21 Jahren immer noch Freude an ihrem Ehrenamt in der Bücherei: „Mir gefallen die vielfältigen Aufgaben, ich begegne vielen Menschen und zeitlich ist es flexibel, deshalb lässt es sich gut mit der Familie verbinden“. Darum schafft es Grassau, fast jeden Tag der Woche zu einem „Tag der Bibliotheken“ werden zu lassen. Nur sonntags ist sie geschlossen.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.