Theologie
Das Schöne und die Religion
Die großen Glaubenstraditionen der Welt bestehen nicht nur aus Theorien und Dogmen. Sie sprechen den Menschen auch auf einer sinnlichen Ebene an, eröffnen Räume der Poesie und Transzendenz. Kann dieses Verständnis etwas zum Dialog beitragen?
Dieser kalligraphische Schriftzug verkündet: Gott ist schön. Foto: © Shahid Alam
Die Religionen mit ihrem Ethos sollten und müssten angesichts der aktuellen Kriege und Konflikte in der Welt Wege zur Einheit und zum Friedenstiften weisen. Doch auch sie leisten an nicht wenigen Orten sogar noch einen Beitrag zur Polarisierung und Spaltung, zu Abgrenzung und Gewalt, intern wie in den Außenbeziehungen. Kann die Schönheit die Welt retten, wie Dostojewski in „Der Idiot“ meinte? Jedenfalls gehört die Schönheit, das Ästhetische, wesenhaft zur Religion, sie ist eine anthropologische Kategorie, aber auch eine theologische. Auch sie kann freilich missbraucht werden für das Böse, wenn man an die Ästhetisierung des Grauens durch den Terror denkt, die spätestens mit „9/11“ begann und seitdem durch Social Media noch einmal auf eine perfide Spitze getrieben wird. Musik wird auch von Neonazis für ihre Propaganda verwendet, Ikonen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Die Ästhetik als ökumenische Dimension
Das Ästhetische, also das sinnlich Wahrnehmbare, prägt eben auch sehr stark die jeweilige religiöse und kulturelle Identität und wird folglich nicht direkt und automatisch Brücken bauen und zum Frieden führen, aber wenn die Ästhetik wesenhaft zur Religion und zum Menschen gehört, dann ist sie eben auch eine wichtige Dimension ökumenischer und interreligiöser Beziehungen; dann lohnt es sich, gerade in Zeiten der Zerrissenheit ein Augenmerk auf die positiven Potenziale des Ästhetischen im Dialog zu legen und auch dieses Feld nicht den Spaltern allein zu überlassen.
Einer der ersten, der die ästhetische Dimension der Religion auf muslimischer Seite erkundete, war Navid Kermani mit seinem Werk „Gott ist schön“ aus dem Jahr 2000. Gegen die traditionelle Schriftzentrierung im Islam selbst wie auch in der christlichen oder westlichen Islamwahrnehmung arbeitete Kermani die fundamentale Bedeutung der musikalischen Rezitation des Korans für gläubige Muslime heraus: Die Rezitation des arabischen Korans bzw. das Hören dieser Rezitation ist die ästhetische und spirituelle muslimische Grunderfahrung, die Erfahrung der Gegenwart Gottes in seinem Wort, die Erfahrung des Heiligen.
Klänge, Formen, Rituale, Farben und Gerüche
Was Kermani für den Islam formuliert, gilt im Grunde für Religion überhaupt: „Religionen haben ihre Ästhetik. Sie sind nicht Ansammlungen schlüssig begründeter Normen, Wertvorstellungen, Grundsätze und Lehren, sondern sprechen in Mythen und damit in Bildern, kaum in abstrakten Begriffen, binden ihre Anhänger weniger durch die Logik ihrer Argumente als die Ausstrahlung ihrer Träger, die Poesie ihrer Texte, die Anziehung ihrer Klänge, Formen, Rituale, ja ihrer Räume, Farben, Gerüche. Die Erkenntnisse, auf die sie gehen, werden durch sinnliche Erfahrungen mehr als durch gedankliche Überlegung hervorgerufen, sind ästhetischer eher als diskursiver Art.“ (Navid Kermani, Gott ist schön, München 2000, 9)
Keine Religion, vor allem nicht die Mystik, ist vorstellbar ohne die ästhetische Faszination von Räumen, Klängen, Texten, Gerüchen, Riten, Bildern, Gewändern. Wie sehr die Schönheit auch eine theologische Kategorie ist, zeigt die islamische Überlieferung „Gott ist schön und er liebt die Schönheit“. Der Koran spricht auch von den „schönsten Namen Gottes“, mit denen der Mensch Gott ansprechen soll. Der Koran selbst ist gerade in seinen frühesten Suren (die heute eher am Schluss des Korans stehen) ein zutiefst poetischer Text, was allein in der kongenialen Übertragung ins Deutsche von Friedrich Rückert noch erahnbar wird. Doch die Poesie ist hier nicht Selbstzweck, sondern dient der Vermittlung einer wahren Botschaft – der Koran ist nicht einfach geistliche Dichtung, sondern erhebt den Anspruch, direkte Rede Gottes zu sein. Angesichts des islamischen Bilderverbots wurden die Rezitation (das Hören) und die Kalligraphie (das Schauen) des Gotteswortes die vorherrschenden religiösen Kunstformen im Islam.
Herrlichkeit Gottes und Sakramentalität
Die Bibel spricht von der „Herrlichkeit Gottes“ (kabod), die als Licht- und Glanzphänomen eng mit der Macht Gottes verbunden ist, aber auch mit seiner Weisung und seinem Bund. Sein kabod (wörtlich: Schwere) zeigt sich aber auch in der Schönheit und Gutheit der Schöpfung und in der biblisch-christlichen Glaubenserfahrung schließlich in Jesus („wir haben seine Herrlichkeit geschaut“, Joh 1,14). Der kabod Gottes ist „die Wahrnehmbarkeit seiner Gegenwart“ (Cordula Heupts, Auf den Spuren der Herrlichkeit Gottes, Paderborn 2021, 62). Christlich kann man dies mit dem Begriff der Sakramentalität ausdrücken, und die Feier der Sakramente ist die sinnlich, also ästhetisch wahrnehmbare heilvolle Gegenwart Gottes. Auch wenn der Islam den Begriff der Sakramentalität nicht kennt, so kann man die feierliche Koranrezitation oder auch die Toralesung im jüdischen Gottesdienst in christlichen Kategorien als ein sakramentales Geschehen deuten.
In der christlichen Theologie war das Wahre, Gute und Schöne lange Zeit eng verbunden, bis die philosophische Ästhetik im Zuge der Aufklärung die Verbindung des Schönen mit dem Wahren und Guten und damit auch von der Religion löste. Doch verbindet die religiöse und die ästhetische Erfahrung der Transzendenzcharakter: Es geht in beiden Fällen um eine über sich selbst hinausweisende Erfahrung, um ein Staunen und ganzheitliches Ergriffenwerden. Im Zuge der „ästhetischen Wende“ und der zunehmenden Ästhetisierung der Lebenswelten Ende des 20. Jahrhunderts wurde dieser Zusammenhang wieder deutlicher reflektiert in theologischen Ansätzen etwa von Alex Stock in seiner „Poetischen Dogmatik“ oder Hans Urs von Balthasar.
Gemeinsames Hören und Musizieren schafft Brücken
Der Transzendenzcharakter von ästhetischer und religiöser Erfahrung ist meines Erachtens zugleich die Begründung für die These, dass religiöse Kunst und Musik auch die interreligiösen Erfahrungen und Lernprozesse bereichern und vertiefen kann. Gerade wenn Worte nicht zur Verfügung stehen, wenn Worte gar abgrenzen und trennen, kann gemeinsames Hören und Musizieren, kann gemeinsames Schauen und Kalligraphieren Brücken schaffen, heilen, Mut machen, Haltungen verändern, Wunder wirken. Die Kunst in ihren vielfältigen Formen definiert nicht, sondern eröffnet stets Räume des Deutens und Interpretierens. Das macht die normativen Gehalte, Unterschiede und Widersprüche der Religionen nicht überflüssig, aber löst sie aus dem Statischen.
Es geht nicht darum, vorschnell alles zu harmonisieren. So manches Ästhetische der anderen bleibt für einen selbst fremd und diese bleibende Alterität gilt es auszuhalten und anzuerkennen. Die Begegnung mit der Ästhetik der anderen Religion kann aber Anstoß sein, die ästhetischen Dimensionen des Eigenen wieder zu entdecken und neu zu erleben. Darüber hinaus gibt es vielfältige Formen der Verbindung, Durchdringung und Verschmelzung religiös-ästhetischer Traditionen und damit auch Identitäten wie etwa in den Musikprojekten des Pera Ensembles und von Trimum oder in den Kalligraphien von Shahid Alam. Sie können positive Emotionen auslösen und zu Empathie und positiven Haltungen führen. Religiöse Kunst und Musik verbindet Gott und Mensch und die Menschen untereinander, darin liegt ihre Sakramentalität, ihr Potential zur Verzauberung und Rettung der Welt.
(Andreas Renz)



