Pfarrmatrikeln
Bücher vom Leben, Lieben und Sterben
Die Pfarrmatrikeln erlauben spannende Einblicke in die Tauf- und Heiratspraxis sowie die Todesumstände unserer Vorfahren. Mit etwas Geschick und Beharrlichkeit kann man der eigenen Familiengeschichte nachspüren oder interessante Forschungsprojekte in den Blick nehmen.
Titelblatt des Taufbuchs der Pfarrei Schönau am Königssee 1712–1837 (Ausschnitt) Foto: © Archiv des Erzbistums München und Freising
Die Großeltern kennt man noch aus eigener Erinnerung, zu den Urgroßeltern hat man vielleicht noch Namen, höchstens eine Kindheitserinnerung parat – doch alles, was noch weiter zurückreicht, ist für die allermeisten ein unbekanntes Land. Mit der fortschreitenden Digitalisierung alter diözesaner und pfarreilicher Archivbestände wird es aber nun immer einfacher, die eigenen Vorfahren in den Blick zu nehmen.
Zum Beispiel im Digitalen Archiv des Erzbistums München und Freising, wo sich Abertausende sogenannter Matrikelbände aus allen Pfarreien des Erzbistums online in der Form abfotografierter Doppelseiten durchforsten lassen – kostenlos, wohlgemerkt. Herzstück sind die meist seit dem 17. oder 18. Jahrhundert erhaltenen Tauf-, Heirats- und Sterbebücher, in die nach Pfarreien getrennt alle katholischen Taufen, Eheschließungen und Todesfälle handschriftlich eingetragen wurden.
Verlöbnisbücher und Impflisten
Darüber hinaus existieren vereinzelt noch weitere Matrikelgattungen, etwa Firmbücher, Seelenstandsbeschreibungen, Verzeichnisse unehelicher Kinder, Verlöbnisbücher, ja sogar Impflisten. Meist sind es aber die Dokumentationen von Taufe, Ehe und Tod, die mit ihren zahlreichen Informationen über Ort und Zeitpunkt hinaus eine wertvolle Fundgrube bilden. Denn nicht nur ein Täufling selbst wurde vom Pfarrer ins Buch eingetragen, sondern auch Namen, Beruf und Herkunft seiner Eltern, der Taufpate und einige weitere Daten.
Ich möchte nun einfach mal selbst ausprobieren, wie Familienforschung
konkret ablaufen kann, und beginne an meinem Familiengrab
mütterlicherseits. Der Grabstein verrät, dass drei dort begrabene Männer
nicht nur denselben Nachnamen haben, sondern auch allesamt Michael
heißen, ansonsten ist bei jedem noch das Sterbedatum und das Sterbealter
angegeben, wodurch sich das ungefähre Geburtsjahr errechnen lässt. Von
meinen Eltern erfahre ich, dass es sich hier um meinen Großvater, meinen
Urgroßvater und meinen Ururgroßvater handelt.
Auf der Suche nach dem eigenen Ururgroßvater
Nun möchte ich mehr über meinen Ururgroßvater und dessen Herkunft herausfinden. Das Familiengrab liegt im Gebiet der Pfarrei Hohenkammer, daher klicke ich im Digitalen Archiv im Bereich der alphabetisch nach Pfarrei geordneten Matrikel auf „H“, dann auf „Hohenkammer“, wo mir nun Mischbände, Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher sowie Sonstiges angeboten wird. Ich gehe zu den Taufbüchern, wo ich in der Liste das Taufbuch von 1850 bis 1874 finde. Das Augensymbol rechts daneben verrät mir, dass ich dieses Buch digital durchblättern kann. Ich klicke hinein und hoffe, dort den Taufeintrag meines Ururgroßvaters zu finden, der laut Grabstein 1904 im 47. Lebensjahr gestorben ist, also 1857 oder 1858 getauft worden sein muss.
Doch ein Bub mit diesem Namen ist nicht vorhanden. Eine Erklärung könnte sein, dass er in einer anderen Pfarrei getauft wurde. Nur wo? Mir fällt ein, dass ich versuchen könnte, ihn im Heiratsbuch der Pfarrei Hohenkammer ausfindig zu machen. Geheiratet wurde in etwa im Alter von 30 Jahren, daher gehe ich das Heiratsbuch ab 1882 durch, als mein Urugroßvater 25 Jahre alt war. Mühsam arbeite ich mich Seite für Seite durch die alte deutsche Schrift und lande dann den Treffer: Im Jahr 1884 finde ich den Eintrag seiner Hochzeit, die mir neben vielem anderen auch verrät, dass er 1857 in Dietersdorf geboren wurde.
Derselbe Vorname über vier Generationen
Dietersdorf gehört, wie ich nach weiteren Recherchen herausfinde, zur Pfarrkuratie Güntersdorf, deren Matrikel wiederum bei der Pfarrei Kirchdorf an der Amper zu finden sind. Dort müsste nun im Taufbuch, Jahrgang 1857, mein neugeborener Ururgroßvater auftauchen. Und so ist es – im Digitalen Archiv finde ich nur Minuten später seinen Taufeintrag und erfahre, dass sein Vater ebenfalls Michael hieß, nun schon der vierte Michael in der Reihe also.
So könnte ich nun weitermachen und mich durch die Generationen
hangeln, bis ich die Schrift nicht mehr lesen kann, keine Matrikelbücher
mehr vorhanden sind oder Vorfahren von außerhalb des Erzbistums
stammen. So lande ich bei drei meiner vier großelterlichen
Abstammungslinien relativ schnell im Bistum Augsburg, im Bistum
Regensburg und im Sudetenland.
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Süffisante Kommentare des Pfarrers
Die Beispiele deuten an, wie komplex und schwierig die Arbeit mit den Matrikelbüchern sein kann. Aber sie ist eine hochspannende Angelegenheit, die auch immer wieder zu interessanten und kuriosen Funden führt. Wenn beispielsweise im Heiratsbuch Angaben über die Jungfräulichkeit einer Frau zum Zeitpunkt der Eheschließung enthalten sind. Wenn die Ahnenforschung zutage fördert, dass die eigenen Eltern zufällig von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, der vor 200 Jahren lebte. Oder wenn ein Pfarrer im Taufbuch bei einem Kind nicht nur streng vermerkt, dass es unehelich ist, sondern über die Mutter auch noch den süffisanten Kommentar anfügt, es sei bereits ihr zweites Kind gewesen.
Aber nicht nur die Lebens-, sondern auch die Todesumstände unserer Vorfahren bergen allerlei Geheimnisse. Wiederum möchte ich mir im Digitalen Archiv ein ganz konkretes Bild machen, klicke im Bereich der Pfarrei Hohenkammer auf die Sterbebücher und öffne das Buch über die Todesfälle von 1852 bis 1883. Ich nehme mir die 1870er Jahre vor, schaue mir die Einträge über sechs Jahre hinweg an und bin gelinde gesagt schockiert.
70 Prozent aller Verstorbenen Kinder
Nicht zu Kriegszeiten, nicht zu Pestzeiten, sondern zur Zeit König Ludwigs II. – einer Zeit, die noch keine 150 Jahre zurückliegt – waren in Hohenkammer beinahe 70 Prozent aller Verstorbenen Kinder. In manchen Jahren machten Kinder sogar drei Viertel der Todesfälle aus. Cholera, Tetanus, Rachitis, Durchfall und „Geburtsschwäche“ sind oft als Todesursachen angegeben, einmal erlitt ein vierjähriger Bub eine tödliche Vergiftung durch Tollkirschengenuss. Dann wieder ist ein 90-Jähriger eingetragen, der an „Altersschwäche“ verschied.
Wer sich aufmerksam im Digitalen Archiv umsieht, merkt schnell: Man kann hier sehr viel mehr als nur Familienforschung betreiben. Es lassen sich ganze Orte und Generationen auf bestimmte Fragen hin untersuchen: An welchem Wochentag wurde bevorzugt geheiratet? (Am Montag.) In welcher Jahreszeit häuften sich die Todesfälle? (Im Frühling.) Welche waren die beliebtesten Vornamen? (Joseph und Maria.) Unzählige spannende Forschungsthemen tun sich auf – entweder beim privaten Stöbern aus Lust an der Freud oder im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit.
Bewegende Schicksale
Aber auch ganz unabhängig davon, ob man das Digitale Archiv zu einer großen sozialgeschichtlichen Untersuchung nutzt, den eigenen Stammbaum vervollständigen will oder nur mal interessiert reinschaut: Es sind oftmals bewegende Schicksale, die sich hinter den dürren Tintenlinien aus Pfarrershand verbergen und die beim digitalen Streifzug durch die Pfarrmatrikelbücher unseres Erzbistums am Bildschirm wieder lebendig werden.
Wie unsere Ahnen gelebt, geliebt und geglaubt haben, wie sie harte Zeiten überstehen mussten, wie sie gestorben sind und wie sie mit all ihrem Wirken uns Heutigen den Weg bereitet haben – das stimmt nachdenklich, demütig und vielleicht auch dankbar.



