Kultur und Wissen
13.03.2026

„Antoni Gaudí wäre zufrieden“  

In Barcelona fallen im Juni zwei Höhepunkte auf denselben Tag: der Besuch von Papst Leo XIV. und die Einweihung des welthöchsten Kirchturms, der die Sagrada Família krönt. Ein Interview mit Chefarchitekt Jordi Faulí. 
    

Seit Kurzem übertrifft die Sagrada Familia das Ulmer Münster an Höhe und hat nun den höchsten Kirchturm der Welt. Seit Kurzem übertrifft die Sagrada Familia das Ulmer Münster an Höhe und hat nun den höchsten Kirchturm der Welt. Foto: © imago/News Licensing

Er ist kein Mann großer Gesten und Worte, gibt sich beim persönlichen Treffen betont bescheiden. Dennoch wird Jordi Faulí (66) am 10. Juni in Barcelona im Mittelpunkt stehen. Pünktlich zum 100. Todestag Antoni Gaudís übergibt der amtierende Chefarchitekt der Sagrada Família den mit 172,5 Metern höchsten Kirchturm der Welt seiner Bestimmung. Mit einer feierlichen Zeremonie, zu der eigens Papst Leo XIV. anreist, soll das spektakuläre Meisterwerk Gaudís gekrönt werden. Jordi Faulí erklärt im Interview der Katholischen-Nachrichten-Agentur (KNA), was sein berühmter Vorgänger davon halten würde.  

Señor Faulí, welche Kindheitserinnerungen haben Sie an die Sagrada Família? 

Sie ist ja Teil unseres Universums in Barcelona. Schon als Kind kam ich oft hierher, um im Park gegenüber zu spielen. Dabei sah ich, wie die Türme heranwuchsen. 

Was würde Antoni Gaudí sagen, wenn er heute vor seinem Meisterwerk stünde, für dessen Vollendung Sie seit 2012 als Chefarchitekt verantwortlich sind? 

Er würde dieses Projekt dank des Einsatzes so vieler Menschen zufrieden anerkennen, denke ich. 


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Ist nach so langer Zeit – 100 Jahre nach seinem Tod – garantiert noch alles Gaudí? 

Wir arbeiten absolut treu nach seinen Plänen. Er wusste, dass er dieses Projekt mit 18 Türmen und drei großen Fassaden zu Lebzeiten nicht abschließen konnte. In seinen Plänen und Beschreibungen war das Konzept sehr klar. Seine Idee war es, sehr detaillierte Entwurfsmodelle für das gesamte Projekt zu hinterlassen. Dahinter standen mathematische und strukturelle Gesetze. Der Bau der Geburtsfassade, den er noch erlebte, sollte beispielhaft für die anderen Fassaden sein. Und dank eines Maßstabsplans kennen wir die exakten Höhen der Türme. 172,5 Meter – das ist genau so hoch wie von ihm vorgesehen. 

Im Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) wurden wichtige Unterlagen zerstört. War das ein Problem? 

Ja, viele Entwurfsmodelle mussten aus Tausenden Stücken wieder zusammengesetzt werden. Zum Glück gab es noch andere Quellen: Fotos, publizierte Pläne und ein Buch von 1929, verfasst von Isidre Puig i Boada, einem Schüler Gaudís, der alles notierte, was der Meister ihn lehrte. 

Wie erklären Sie die symbolische Bedeutung der Türme der Sagrada Família? 

Gaudí wollte, dass mit den 18 Türmen jedes Element des christlichen Glaubens dargestellt wird: der zentrale Turm Jesus Christus, die vier Türme der Evangelisten, ohne die wir das Leben Christi nicht kennen würden. Dazu der Turm Mariens und die Türme der zwölf Apostel. 

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Und was verbirgt sich hinter den drei eindrucksvollen Fassaden? 

Die Geburtsfassade soll ein Ausdruck der Freude sein, eine Hymne auf das Leben. Die Passionsfassade ist ganz unterschiedlich, nüchtern, zurückhaltend, um den Schmerz, die Angst, das Leiden Christi und das Leiden im Leben der Menschen auszudrücken. Bei der Glorienfassade gab Gaudí seinen Nachfolgern etwas Freiheit: wie man die Herrlichkeit ausdrückt, das ewige Leben, das Leben im Himmel. 

Was machte Gaudí zu dem architektonischen Genie, als das er heute verehrt wird? 


Er war ein vollkommener Architekt. Er bedachte alles: die Struktur, das Material, den Bau an sich und die Menschen, also alle Beteiligten, Gläubige, Nachbarn, Besucher. Er wollte ihre Herzen mit dem Glauben erfüllen. Um die Dauer der Arbeiten machte er sich keine Sorgen. Er sagte damals schon voraus: Es werden Leute aus aller Welt kommen, um zu sehen, was wir hier machen. 

Lässt sich der Stil der Sagrada Família in eine bestimmte Kategorie einordnen? Schließlich war der Modernisme, die katalanische Variante des Jugendstils, bei Gaudís Tod schon vorbei. 

Nein – das ist einfach Gaudí. Dieses Werk ist Ausdruck seines gesamten architektonischen Lebens – immer an die Zukunft denkend. 

Die Sagrada Família ist trotz des welthöchsten Kirchturms noch längst nicht vollendet. Wagen Sie eine Prognose zur Fertigstellung? 

Ein konkretes Jahr kann ich nicht nennen. Die Zukunft kennt nur Gott. 

Andreas Drouve

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KNA
Artikel von KNA
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