Als der „Eiserne Vorhang“ fiel
Mit Blick auf Russlands aggressive Politik ist vermehrt von einem neuen Kalten Krieg die Rede. Historiker wie Karl Schlögel sehen das skeptisch – die Lage sei heute komplexer als vor 80 Jahren. Eine Begriffsbestimmung.
Viele erinnern sich noch an die Zeit, als West- und Ostdeutschland durch die Mauer getrennt waren. Foto: © imago/CHROMORANGE
Mit launigen Bemerkungen hatte Winston Churchill sein Publikum in Fulton im US-Bundesstaat Missouri für sich eingenommen. Doch dann wurde es ernst. „Ein Schatten ist auf die Erde gefallen, die erst vor Kurzem durch den Sieg der Alliierten hell erleuchtet wurde“, sagte der britische Politiker kaum ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Niemand wisse, was „Sowjetrussland“ und Stalin im Schilde führten. Aber offensichtlich versuche Moskau, Teile Europas unter seine Kontrolle zu bringen: „Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria ist ein ,Eiserner Vorhang‘ über den Kontinent gezogen.“
Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks 1989 prägte dieses Bild die Wahrnehmung einer ganzen Epoche. Ganz konkret trennte der „iron curtain“ in Form einer mit Mauern und Selbstschussanlagen hochgesicherten Grenze den kommunistischen Teil Europas vom Rest des Kontinents. Als „privater Besucher“ hielt Churchill vor 80 Jahren, am 5. März 1946, seine Rede in Fulton. Im Sommer 1945 hatte er das Amt des britischen Premiers abgeben müssen. Ein politisches Schwergewicht blieb der 71-Jährige gleichwohl. Das zeigte auch die Tatsache, dass US-Präsident Harry S. Truman ihn in Fulton willkommen hieß.
Ein Vorhang in aller Munde
Mit Trumans Amtsvorgänger Franklin D. Roosevelt und Stalin hatte Churchill bei der Konferenz von Jalta vom 4. bis 11. Februar 1945 die Sphären der Alliierten in Europa abgesteckt. Schon damals war von einem „Eisernen Vorhang“ die Rede – bei den deutschen Kriegsgegnern. Am 18. Februar 1945 warnte die NS-Wochenzeitung „Das Reich“ vor den Folgen von Jalta. Autor Max Walter Clauss schwadronierte, die „Moskauer Regisseure“ planten darüber hinaus schon „den nächsten Akt kommunistischer Durchsetzung Englands und Amerikas“. Wenige Tage später bediente sich Adolf Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels der Metapher.
Kurz nach Kriegsende, am 5. Juli 1945, notierte ein besorgter Konrad Adenauer in einem Brief an den Journalisten Hans Rörig: „Russland lässt einen eisernen Vorhang herunter.“ Das Schlagwort lag irgendwie in der Luft, als Churchill es vor 80 Jahren einem breiten Publikum bekannt machte. Er selbst hatte es davon unabhängig bereits am 12. Mai 1945 in einem Telegramm an Truman verwendet.
Eiserne Vorhänge in Theatern
Die gewundene Geschichte des „Eisernen Vorhangs“ reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals sollten gleichnamige Vorrichtungen in Theatern verhindern, dass ein Brand im Bühnenhaus auf den Zuschauerraum übergreift. Im Ersten Weltkrieg tauchte der Begriff erstmals in übertragenem Sinne auf; unter anderem, um eine Entfremdung zwischen Belgiern, Franzosen oder Briten und den Deutschen zu umschreiben.
Churchill ging es bei seinem Auftritt in Fulton um den Zusammenhalt der Westmächte, ein dauerhaftes Engagement der USA in Europa und eine Politik der Stärke gegenüber Stalin. Der Sowjetherrscher schäumte. Der US-Präsident nahm den Ball auf und verkündete am 12. März 1947 die „Truman-Doktrin“ über wirtschaftliche und militärische Unterstützung für freie Völker, die der sowjetischen Expansion einen Riegel vorschieben sollte. Der „Kalte Krieg“ nahm seinen Lauf, der wirtschaftliche Aufschwung im Westen seinen Anfang.
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Rolle des Papstes
„So pervers es scheinen mag: Der Eiserne Vorhang, der Europa teilte, erwies sich als eine Grundlage der Stabilität – auf Kosten freilich der osteuropäischen Völker, die damit zu jahrzehntelanger Sowjetherrschaft verurteilt waren“, urteilt der britische Historiker Ian Kershaw. Der Pole Karol Wojtyla sollte schließlich als Papst Johannes Paul II. (1978–2005) maßgeblich zu dessen Fall beitragen. „Mit den Reisen in sein Heimatland 1979, 1983 und 1987 setzte der Papst antisowjetische und antikommunistische Energien frei“, sagt Kershaws Kollegin Kristina Spohr.
Der Ostblock ist seit 1990 Geschichte; entlang des einstigen Eisernen Vorhangs führt heute ein Fernradweg. Doch Russlands Krieg gegen die Ukraine seit 2014 bzw. 2022 lässt Beobachter erneut um Europas Zukunft bangen. Das Bild vom Kalten Krieg werde den jüngsten Entwicklungen allerdings nicht mehr gerecht, meint der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel. Die Lage sei viel komplizierter und unübersichtlicher geworden. „Es gibt nicht mehr nur die zwei Supermächte USA und Russland, sondern mehrere Kraftzentren, die die Weltpolitik bestimmen.“
Joachim Heinz



